Afrikahilfe für Heimatvertriebene

Immer, wenn der Begriff „Heimat“ in der politischen Debatte in Deutschland auftaucht, vermuten so manche bloß rückwärtsgewandte Denkstrukturen. Dabei ist es bloß der unbewusste Schrei nach einem Sinn für die Überrealität. Ein Blick nach Afrika hilft dem ach so modernen Menschen zur Selbsterkenntnis.

Auf der Insel Gorée im Senegal wird aus Zivilisationsmüll Übersinnliches - nämlich Kunst. Foto: Michael Magercord / CC-BY-SA 4.0int

(Von Michael Magercord) – Afrika, steh’ uns bei, wenn es um die Heimat geht!

„Was ich unter Logik verstehe, hat nichts mit Mathematik zu tun. In Afrika ist eins und eins nicht gleich zwei, denn es existiert neben der physischen Wirklichkeit immer eine Wirklichkeit, die über der sichtbaren Realität steht“, sagt Alasanne Ndiaye aus Dakar – und in Deutschland erfährt der Begriff „Heimat“ wieder Einzug in die politische Debatte.

„Sind Bräuche und Traditionen Bremsklötze für die Entwicklung? Ich denke nein, denn die Entwicklung muss uns Menschen dienen und wir brauchen diese Schlupfwinkel”, sagt Alasanne Ndiaye aus dem Senegal – und in Deutschland erkennt man nur rückwärtsgewandte Diskursstrukturen, wenn von Heimat die Rede ist.

„Der Westen täuscht sich fortwährend, wenn er glaubt, dass seine Logik eine Wirklichkeit erzeugt, in der sein Reichtum genügt, den Bestand seiner Gesellschaft zu garantieren”, sagt Alasanne Ndiaye – und in Deutschland wird an dem Wort „Heimat“ der Ausstieg aus dem modernen, vernunftgeleiteten Argumentieren festgemacht.

Afrika, steh’ uns also bei? Warum nicht, denn man könnte das Phänomen der Rückbesinnung auf Heimat auch anders betrachten: „Heimat“ als der letzte Begriff, der uns abendländischen Menschen noch zur Verfügung steht, um den übersinnlichen Teil der Realität in die vernünftige politische Debatte zurückzuholen – und damit auch den Schlüssel in der Hand zu bekommen, irrationale Angstgefühle von Sorgen um das gewohnte Lebensumfeld zu scheiden.

Bisher wird die Heimat im politischen Zusammenhang vor allem dann beschworen, wenn damit ein Verlust anzeigt werden soll: von Zugehörigkeit, Gewohnheiten, Wohlgefühl – oder was sonst noch alles aus stimmungsgründelnden Gefühlswelten entstiegen zu sein scheint. Doch zu diffus sind diese überrealen Wahrnehmungen, um in den Diskursen der Zahlen vom Bruttosozialprodukt bis Arbeitslosenstatistiken als satisfaktionsfähig gelten könnten – und das nicht erst, seit darin die „Heimat“ wieder aufgetaucht ist.

Beispiel „Stuttgart 21“ vor sieben Jahren. Auf die wütenden Bürgerproteste gegen den Bahnhofsneubau folgte ein Schlichtungsverfahren. Die Bahn, Regierung, Stadt und Bürger diskutierten an neun Sitzungstagen über Taktzeiten, Gleislängen und die Beschaffenheit des Gipskeupers bei Tunnelbohrungen. Nur über das Eine nicht, das aber wohl der wichtigste Anlass für den Unmut der Menschen war: die komplette Veränderung ihres unmittelbaren Lebensumfeldes durch das Megaprojekt. Nicht einmal die Bahnhofsgegner trauten sich, ihre sinnliche Verbundheit mit der gewohnten Umgebung ins Feld zu führen.

Es gibt scheinbar keine Sprache dafür in einer ach wie sachlichen Entscheidung über Infrastrukturprojekte. Selbst in bürgerlichen Kreisen lässt sich nicht vernünftig über das Wohlfühlen in einer angestammten Umgebung sprechen. Dabei zeigte doch gerade diese Auseinandersetzung, dass sinnliche Wahrnehmungen im politischen Raum nicht notgedrungen mit irrationalen Ängsten gleichbedeutend sind. Könnte es nicht eher so sein, dass die tatsächlich irrationalen Ängste erst durch die Verleugnung des Überrealen in den politischen und gesellschaftlichen Prozessen erzeugt werden?

Afrika, steh’ uns nun bei bei dem Versuch, das doch eigentlich so schöne Wort „Heimat“, das in kaum eine andere Sprache in seinem ganzen Sinn zu übersetzten ist, als Wegbereiter zum Verständnis unserer Unfähigkeit zur Rücksichtnahme auf das Überreale in unseren politischen Diskursen zu nutzen. Und zwar bevor uns es womöglich noch abhandenkommt durch den unsachgemäßen Gebrauch von Politikern, die es zwar im Munde führen, sich aber kaum im Klaren sind, welche konkreten Folgen für das politische Handeln sich daraus ergeben sollen.

Alasanne Ndiagne sitzt zwischen Ballen aus traditionellen afrikanischen Stoffen und sagt: „Wo immer ich sitze, nie bin ich allein. Metaphysisch sind immer weitere Wesen bei mir”. Der Textilhändler aus Dakar hat Philosophie studiert. Er weiß, dass ein westlich geschulter Geist mit dieser Vorstellung wenig anfangen kann und drückt es deshalb noch einmal so aus: „Für uns Afrikaner existiert neben der materiellen Welt immer eine Wirklichkeit, die über der sichtbaren Realität steht. Wir versuchen soweit es geht, von dieser Überrealität zu profitieren. Das führt dazu, dass wir in der physischen Welt viel weniger unter Handlungsdruck stehen und unsere Freiheit und Absichten unabhängig von ihr ausleben können. Nicht, dass wir uns aus der Realität eine völlig andere Wirklichkeit zusammenzimmern, aber wir wissen, dass unsere Wünsche und unser Glück nicht auf ihr beruhen.”

Cheick Moctar Ba ist Professor für afrikanische Philosophie an der Universität Dakar. Er ruft auf, sich selbst zu verstehen, indem man sich in dem anderen spiegelt. Ausgerechnet der deutscheste aller Philosophen, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, hilft ihm dabei. Der hatte in seiner Weltgeschichte Afrikanern die Fähigkeit zum geschichtlichen Handeln abgesprochen, weil sie Gottheiten, also die Überrealität,  nicht aus der naturgegebenen Realität abstrahiert haben. Ihre Realität ist allumfassend, magisch, sie kann somit nicht historisch werden. „Ja“, sagt Cheick Moctar Ba, „Hegel hatte recht, und nun ist es an der Zeit, dass im Westen umgekehrt erkannt wird, dass mit der Ausgliederung des Göttlichen aus der Natur das Band zur Überrealität zerschnitten wurde“.

Und das zeitigt bis heute Folgen, denn wer nämlich sind nun die wahren Materialisten? „Das afrikanische Denken beruht auf dem Wissen um die Totalität der Wirklichkeit. Während sich die kantische Ethik für nichts weiter als das Prinzip an sich interessiert, basiert bei uns die Moral auf dem Materialismus. Unser Denken materialisiert sich in der Umwelt und nimmt entsprechend der Unmöglichkeit der Einschätzung aller ihrer Elemente die Unvollkommenheit der Moral an. Das ist ein großer Unterschied zum unbedingten moralischen Prinzip, das sich aber gerade wegen seiner Unbedingtheit um die materielle Umwelt nicht kümmert.”

Und wer sind die wahren Magier? – “Was bei uns im Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen in den westlichen Sprachen mit den Begriffen ‘Zauber’ oder ‘Magie’ belegt wird, das wird im Westen selbst als ‘Zufall’ bezeichnet. Die Idee des Zufalls belässt einfach eine Leerstelle dort, wo man nichts versteht. Uns aber zwingt diese Leerstelle eine Verbindung zwischen den Ereignissen und den daran wirkenden Kräften zu suchen. Diesen Zusammenhang anzuerkennen, ohne ihn mit dem Verstand erfassen zu müssen, bewahrt mich vor dieser Leere. Aber erst das Verständnis dieser Kräfte wäre der Weg, endlich den Zugang zum Verständnis der ökologischen Probleme zu finden, denn Ökologie ist keine Frage der Technik, sondern der Erkenntnis, und damit eine kulturelle Frage.”

Zugegeben, Professor Cheick Moktar Ba ist Philosoph, ein Theoretiker. Mag er klug reden, doch soll uns ausgerechnet Afrika, wo Hokuspokus und Voodoozauber walten, die Heimat näher bringen? Ein Besuch in einem afrikanischen Dorf wird genau das tun. Kein Strom in den Lehmhütten, kein Licht auf den Wegen und sobald es dunkel ist brüllen, bellen und meckern die Haustiere. Die längst verstorbenen Ahnen gehen dann durchs Dorf und schauen nach dem Rechten. Und die Tiere können sie sehen und tun davon kund, erklären die Dorfbewohner. „Glauben die das wirklich?“, fragt sich der Besucher. Nein, die müssen das nicht glauben, das ist für sie so.

Stellen wir uns vor, jemand von uns käme in dieses Dorf und erklärte den Menschen unser Börsensystem, spräche über Derivate, Leerverkäufen und Sekundenhandel, die über Computer abgewickelt werden und deren Resultate einzig als virtuelle Digits existieren. „Glauben die das wirklich?“, werden sich nun die Dorfbewohner zuraunen, aber wieder muss die Antwort lauten: Nein, das ist so. Das ist, worauf sich unser wirtschaftliches Leben aufbaut, vom Hauskauf bis zu Pensionskassen. Das ist unsere Art von Wirklichkeit, von der wir allerdings nicht mehr merken, dass auch sie nichts anderes ist als eine Überrealität.

Es sind solche Hirngespinste, die unsere Gesellschaft formen. Und nicht nur die Wirtschaft. Das Überreale bestimmt, was wir produzieren und wie viel, und auch wohin wir streben und was wir mögen. Heimat ist zuerst die geistige Heimat eines jeden Einzelnen, die dann kollektiv zur Landschaft wird – in Deutschland eben in dieser eigentümlichen Mischung aus Romantik und Industrie. Wie diese in Zukunft gestaltet sein soll, darüber muss man doch in der Lage sein können in seiner ganzen, also auch überrealen Dimension zu diskutieren. Und wenn das Wort „Heimat“ bisher der einzige Begriff ist, der in der politischen Debatte zur Verfügung steht, um vom Überrealen zu sprechen, ohne gleich völlig verlacht zu werden, sollte man doch froh sein, dass es ihn gibt.

Aber worüber redet man eigentlich, wenn man von Heimat spricht? Über Dinge, die einfach erscheinen, aber letztlich hoch kompliziert sind, komplizierter jedenfalls, als Zahlen und Fakten: das Wohlfühlen in bestimmten Umgebungen, die Gewohnheit, die auch ihre Rechte hat, oder die Grenzen der Grenzenlosigkeit. Eine Debatte darüber wird schließlich aufzeigen, in welchen inneren und kulturellen Zwängen wir leben, und sich auch davon handeln, in welchen Zwängen wir letztlich leben wollen

Und sobald in einer politischen Debatte die schlichte Aussage: „Ich finde den alten Bahnhof aber schöner“ genauso soviel Gewicht bekommt wie die Aussicht auf Millionenumsätze, oder der tägliche Spaziergang im Park ebensolche Besitzrechte nachsichzieht, wie ein Eintrag im Grundbuch, dann – endlich – hat uns Afrika beigestanden, ohne damit irgendeinem spinnerten Hokuspokus oder populistischen Vereinfachungsgesäusel verfallen zu sein.

Weitere Links zum Thema:

http://www.deutschlandfunk.de/essay-diskurs-30-03-2014-denksystem-afrika-der.media.a41d3b19cc847bd7497932f5823babd4.pdf

http://www.deutschlandfunk.de/afrikanisches-denken-die-kunst-des-palavers.1184.de.html?dram:article_id=310909

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