Corona – na und? Eine Meinung zur Meinung – Teil 1

Sind wir mit dem Gröbsten durch? Steht uns eine zweite Welle ins Haus? Egal, es ist höchste Zeit, wieder Worte zu finden. Wird nun alles anders? Nur, wenn man darüber redet. Aber wie? In dem man Fragen stellt – und die dümmsten finden Sie in loser Folge hier.

Welche Farbe hat das Virus. Heute im teuflischen Giftgrün... Foto: HFCM Communicatie / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(Michael Magercord) – Es ist gar nicht mehr so leicht, recht zu haben. Denn wer könnte heutzutage seine Meinung noch klar begründen? Nichts weiß man mehr so richtig. Nicht einmal die Wissenschaftler. Die wissen aber wenigstens, was sie alles nicht wissen. Kaum haben sie irgendwas entdeckt, öffnet sich vor ihnen ein weiteres Feld des Unentdeckten und ihr Wissen von heute kann morgen schon ein Irrtum sein. Aber jemand – egal ob Wissenschaftler, oder ob du oder ich –, der für sich eine felsenfeste Meinung gefasst hat, kann ab dem Moment, in dem er seine Meinung gefasst hat, gar nicht mehr all das entdecken, was er eigentlich nicht weiß.

Wie kann es dann aber noch passieren, dass jemand mit seiner festgefassten Meinung trotzdem recht hat? Aus Zufall. Jedenfalls, wenn es nach dem Surrealisten André Breton geht: Denn genauso, wie man als subjektives Subjekt die Wirklichkeit nur zufällig für einen kleinen Moment objektiv wahrgenommen haben könnte, ebenso kann nur der Zufall dafür sorgen, dass jemand mit seiner Meinung auch einmal recht haben könnte – und mal ganz ehrlich: Allzu oft dürfte dieser Zufall in der Spanne eines Lebens wohl nicht eintreten.

Trotzdem werde ich den Versuch unternehmen, dem Wesen der Meinungen des Menschen auf die Spur zu kommen und schließlich auch wieder eine richtig dumme Frage stellen. Vorab allerdings schon das Eingeständnis: Diese Untersuchung wird ohne gültiges Ergebnis bleiben, wenn vielleicht auch nicht ohne Erkenntnis, im Grunde also dort enden, wo jedes wissenschaftliche Bemühen endet, nämlich auf dem weiten Feld des Ungewissen – und damit könnte ich mir’s auch gleich sparen, heutzutage, in den Corona-Zeiten, in denen sich die Meinungen nur so überschlagen und es noch nie so einfach war, seine Meinung allenthalben kundzutun: Je weniger man von einer Sache wissen kann, desto unumstößlicher die Meinungen darüber.

Das wahre Virus ist die Meinung über das echte Virus – Der Vergleich zwischen Virusverbreitung und Meinungsflut drängt sich geradezu auf: beides ist ebenso schnell verbreitet und übertragen, und ebenso verwirrend. Hat der Eine recht, liegt es der Andere falsch und umgekehrt. Wie viel Schaden und Verwirrung sowohl der echte und der wahre Virus auf lange Sicht schließlich stiften wird, hängt auch davon ab, wie empfänglich Menschen für Meinungen anderer sind – und wohl noch mehr davon, wie unempfänglich ein Mensch von der Unmöglichkeit der Richtigkeit der eigenen Meinung ist.

Und so hat das Coronavirus, das nichts als Natur ist, uns wieder auf das weite Spielfeld zurückverwiesen, auf dem wir arme Menschenkinder seit jeher abmühen: jenem von Glauben und Wissen. Mal rackert man sich eher auf der einen, dann wieder auf der anderen Seite ab, wobei man oft gar nicht merkt, wann man mal wieder die Seiten gewechselt hat. In der Wissenschaft ist das so – und in der Politik erst recht. Und eine Demokratie beackert dieses Feld ganz besonders intensiv, wie auch die hohe Schlagzahl an Meinungsumschwüngen immer wieder zeigt.

Wissen oder Glauben ist Zufall – So ist das mit der freien Meinungsäußerung: Nie wird es eine endgültige Entscheidung auf dem weiten Feld von Wissen und Glauben geben, was sich schon daran zeigt, dass recht zu haben und recht zu bekommen zwei völlig verschiedene Dinge sind. Meinungsfreiheit gilt als Grundrecht in einer Demokratie, es gibt aber kein Recht darauf, auch recht zu haben. Wenn jene, die besonders auf dieses Grundrecht pochen, darüber vergessen, dass die freie Äußerung ihrer Meinung zwar ein hohes Gut ist, nicht aber ihre Meinung selbst, kann die eigene Meinung schnell zu einer zwanghaften Besessenheit werden. Wie unter einem echten Virus leidet der Meinungsführer dann regelrecht an seiner Meinung, wenn man ihm nämlich nicht recht gibt. Denn was meinen und doch nichts zu sagen zu haben, das tut weh. Wehleidig darf ein Demokrat also eigentlich nicht sein, wenn Meinungen auf Meinungen prallen, trotzdem vermehrt sich die Zahl der Menschen, die ihrer Meinung nach Opfer im Meinungsstreit sind, zusehends.

Nach all dem könnte man meinen, dass die freie Meinungsäußerung vielleicht doch nicht das höchste Gut der Demokratie ist. Das überlegte Nachdenken oder gar die tiefe Meditation wären vielleicht höher einzuschätzen, doch sind beide keine grundgesetzlich verankerten Rechte, jedenfalls sieht die Demokratie dafür kein geregeltes Zeitbudget vor. Stattdessen scheint es, als verstärke jede Äußerung der eigenen Meinung nun – und sei es nur durch die heutzutage umgehend hervorgerufene Gegenmeinung – letztlich die politischen Tendenzen gegen die demokratische Kultur.

Fakten und Fakes sind kein Zufall – Sowohl Tatsachen wie auch der Quatsch, den man damit anstellt, sind was sie sind. Was sie aber werden, Glauben oder Wissen, hängt davon ab, wo ich sie verorte. Sie bleiben subjektive Einschätzungen, die nur aus Zufall der Objektivität entsprechen kann. Nur zufällig kann ich auch mal richtig liegen, was aber – wie gesagt – wohl nicht allzu oft passiert. Denn wie jeder andere auch, habe ich immer nur eine Meinung, nämlich meine. Eine Zweitmeinung steht mir nicht zur Verfügung, und damit bin ich nicht nur zu einem Problem der Demokratie und Politik im allgemeinen geworden, sondern für mich selbst.

Und weil dies alles in den Coronazeiten noch verzwickter geworden ist, wird es nun wieder höchste Zeit für eine dumme Frage. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Das waren die Fragen, die sich Immanuel Kant vor bald 250 Jahren gestellt hatte, um zu erfahren, wie es um den Menschen, diesen notorischen Rechthaber, bestellt sei. Vor einem Monat hatten wir eine weitere Frage hinzugefügt: Was brauche ich wirklich? Dabei wurde an dieser Stelle (http://eurojournalist.eu/corona-und-nun-frage-an-uns-kuenstler/) die Meinung vertreten, dass Kultur alles bestimmt, was geschieht und geschehen wird. In der modernen Kultur konstruiert Kunst und Künstlichkeit – etwa als Technik – weitgehend unsere Wahrnehmung. Kurz, das Übersinnliche ist als Quelle der Kunst und des Künstlichen der eigentliche Gestalter unserer Gesellschaft: Jede gesellschaftlich akzeptierte Realität – wie etwa unsere Wirtschaftsform – ist ein Abbild des kollektiven Übersinnlichen – und ich und du, wir alle sind dabei die Esoteriker unserer selbst.

Gewissheit auf der Couch – Das Meinungsbild ist Ausdruck unseres allgemeinen geistigen Zustandes und die vermeintliche freie Meinungsäußerung erfüllt im Ringen zwischen Glauben und Wissen die Rolle der Couch des Psychotherapeuten. Also hopp hopp aufs Seelensofa und sich wieder ganz dumm stellen, wird nämlich langsam Zeit den Fragen des Herrn Kant noch diese dümmliche Frage hinzuzufügen: Was muss ich glauben – oder besser woran –, wenn ich nun doch einmal so tun will, als wüsste ich, wie es um das Wesen des Menschen bestellt ist?

Antwort: an mich! Und zwar daran, dass es mich überhaupt gibt. Dass ich mit mir identisch bin, selbst wenn ich heute das denke und morgen dies. Oder schon im nächsten Moment an was ganz anderes. Trotzdem ist mein Geschwätz von gestern heute noch gültig. Die Annahme eines in sich geschlossenes „Ichs“ ist die vielleicht schönste Erfindung des modernen Menschen, denn so glaubt er jetzt ja sogar, dass er eine eigene Meinung habe! Und diese nur aus ihm selbst komme, es wirklich seine ist oder eben meine. Welch süße Illusion vom Ich, kommt doch das Material der Meinungsbildung meist von außen auf uns zu. Meine Meinung drückt dann nur noch aus, für welche Gedanken und Ideen ich aus kulturellen Gründen empfänglich bin und für welche eben auch nicht.

Das ist ja unglaublich! – Religiöse wissen, dass sie glauben. Verschwörer glauben, dass sie wissen. Und bei wieder anderen führt erst das Wissen zum Glauben. Dann nennen sie eine Erkenntnis, die ihnen erst die Wissenschaft verschafft hat, als „unglaublich“. Ganz schön komplex ist das mit dem Wissen und dem Glauben, und das nicht erst seit heute. Im Wackelbild zwischen Wissen und Glauben bewegen sich die Menschengemeinschaften seit jeher, und das Verhältnis zwischen beidem gilt es immer wieder neu zu justieren, sobald einstmals festgefügt scheinende Tatsachen zu Problemen werden. Das allerdings geschieht in einer modernen Gesellschaft in einem Prozess des Aushandelns, der Debatte und Diskussion. Meinungen sind die Triebfeder in diesem Laufwerk einer Demokratie, aus dem ausgefochtenen Meinungsstreit wächst die notwendige Normierung, die aus den Problemen wieder allgemein anerkannte Tatsachen generieren lässt.

Wenn die Maschine allerdings derart heiß läuft, dass die schrägen Meinungen einem nur so um die Ohren fliegen, wird man das Gefühl nicht los, die Demokratie bestehe nicht wegen, sondern trotz der Meinungsfreiheit. Unwillkürlich fragt man sich, wie etwas letztlich derart ungewisses, beeinflussbares und flatterhaftes wie die Meinung so wichtig sein kann? Trotzdem muss die Frage wohl anders herum gestellt werden: Wie konnte etwas so wichtiges, wie die freie Meinungsäußerung, derart aus dem demokratischen Ruder laufen, dass ausgerechnet den Demokraten nun Angst und Bange vor ihr wird?

Ach, wie tragisch – Und nun auch noch Corona… Aber halt, wagen wir an dieser Stelle jetzt eine hoffnungsvolle Aussicht auf die Zukunft! Denn ausgerechnet Corona wird uns wieder dem eigentlichen Wesen des Menschen und damit seiner demokratischen Natur näherbringen. Bislang sieht es zwar so aus, als befördere das Virus das Gegenteil, aber auf lange Sicht wird es uns die tragische Seite der menschlichen Existenz wiederentdecken und uns verstehen lassen, dass die Demokratie der gesellschaftliche Ausdruck dieser Tragik ist. Niemand wusste das besser, als die alten Griechen, als sie beides zugleich erfanden: die Demokratie und die Tragödie.

Der Mensch ist ein tragisches Wesen und nur die Demokratie spiegelt diese Tragik wider. Allerdings ist uns über die glatte Funktionslogik der modernen Demokratien mit ihren Juridokratien und Technokratien das demokratische Tragikbewusstsein abhandengekommen und damit das Wissen, dass man immer auch falsch liegt, wenn man richtig liegt: die Tragik, dass man vielleicht das Gute will und doch Böse schafft, und dass gutgemeint das Gegenteil von gut ist, wenn die Realität eine andere ist, als sie dem Ideal vorschwebt.

Ideal und Wirklichkeit, sprich: Glauben und Wissen – in deren Unauflöslichkeit liegt unsere Tragik und sie offenbart sich im offensichtlichen Scheitern der Ideale im Realen. Unsere Tragikvergessenheit ist besonders gravierend, weil wir als moderne Menschen, denen ja weder das Paradies noch die Hölle in gesicherter Aussicht steht, unsere Zukunft nicht mehr kennen und wir uns deshalb mit kaum etwas anderem befassen, als dieses unbekannte Kommende gestalten zu wollen. Festgefügte Meinungsweltbilder, man möge sie auch „Werte“ nennen und ihnen kontinentale oder gar universelle Gültigkeit zuschrieben, sollen dafür die Richtschnur sein. Oft genug sind sie aber der Ausgangspunkt zukünftiger Tragik, und zwar deshalb, weil sich ihre Verfechter ihrer tragischen Wirkung selten bewusst sind. Sie denken sich das gesellschaftliche Leben in einer kommenden Weltordnung als tragikfreie Veranstaltung und sind damit bereits an der zukünftigen Wirklichkeit gescheitert.

Das gilt leider auch für jenen Wertekatalog, den man gemeinhin den „humanistischen“ nennt – aber das ist ja jetzt nicht unser Thema, denn darüber, wie sich Werte, die für sich beanspruchen, sich an den „Rechten“ von Menschen zu orientieren, ausgestalten, wer sie wirklich vertritt und wem sie gelten, können die Meinungen weit auseinandergehen – soweit soll es aber erst morgen kommen, wenn im zweiten Teil dieser Betrachtung der Zufall des Rechthabens herausgefordert wird…

2 Kommentare zu Corona – na und? Eine Meinung zur Meinung – Teil 1

  1. Hans-Jürgen Ritter // 9. September 2020 um 1:21 // Antworten

    Wir waren 14 Tage in kroatien(korcola)alle hatten Distanz gewahrt,Keiner redet über einen Virus. Man hält Distanz.so geht’s auch. Mit der autofähre von korcula nach Split gefahren,Klimaanlage läuft. Noch Fragen.???? Wir fünf waren gotsei Dank negativ.

  2. Oseland Michael // 1. Oktober 2020 um 9:15 // Antworten

    Corona kann etwas verhindert werden .Alle kunden beim einkaufen tragen mundschutz nasen schutz. RISIKO FAKTOR VERKAUFER/IN: Warum tragen verkauferin Kein schutz. ETWAS PARANOID IST ES.

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