Die echte Hauptstadt ist Grün

Um den Titel als „Grüne Hauptstadt Europas“ muss man sich bewerben. Die Stadtverwaltung von Straßburg hat sich bei der EU-Kommission darum beworben, ihn im Jahre 2021 tragen zu dürfen – mutig oder übermütig?

Trotz des schönen Namens - Orangerie - hat das Neubaufieber die Risikozone von Robertsau ereilt. Was 2017 noch als Verheißung im Grünen erschien, ist 2019 (kleines Bild) bereits Realität aus Beton. Foto: Michael Magercord / EJ 2019

(Von Michael Magercord) – Straßburg bewirbt sich um einen weiteren Hauptstadttitel. Nicht nur das politische Zentrum Europas will man sein, sondern auch noch die „Grüne Hauptstadt“ des Kontinents werden. Für das Jahr 2021 wird die EU-Kommission den „European Green Capital Award“ dann zum elften Mal vergeben. Biologische Vielfalt, nachhaltige Verkehrspolitik, Anpassung an den Klimawandel, Luft- und Wasserqualität oder Abfallbewirtschaftung sind einige der Kriterien. Nun käme dieser Preis nicht von der EU-Kommission, wenn nicht sogleich das von ihr propagierte Ziel des andauernden Wirtschaftswachstums mitgedacht würde: so heißt es, jene Stadt, die es schaffe, beides, Wachstum und Ökologie, zu verbinden, sich mit dieser Auszeichnung schmücken könne.

Straßburg macht sich Hoffnungen. Immerhin hat die Stadt 2017 landesweit Platz drei belegt, als das „Observatoire des villes vertes“ die Natur in den französischen Städten beurteilt hatte. Allerdings konnte sich die Hauptstadt des Elsass deshalb hinter Angers und Nantes – das übrigens 2013 Europas Grüne Hauptstadt war – einreihen, weil es über besonders viel ererbtes grünes Kapital verfügt. Im Vergleich zu den anderen Städten bescherte der historische Bestand an städtischen Grünflächen Straßburg eine höhere Einstufung, etwas niedriger wurde dafür der derzeitige Stand der Bemühungen um eine ökologische Stadtplanung beurteilt.

Aber es geht beim „Green City Award“ ja auch um die Verknüpfung von beidem, Ökologie und Wachstum – und die Bemühungen der Stadtplanung in Straßburg um Wachstum sind kaum zu übersehen, und zwar des Wachstums der Einwohnerzahl. Neben etlichen Großprojekten wie das Geschäftsviertel „Archipel 2“, dem großzügigen Neubau für ein Off-Theater und eine Sporthalle in Wacken, sind es die Wohnbauprojekte, die Straßburg in einer seit der Errichtung der Neustadt zu Kaiser Wilhelms Zeiten und dem Bau der großen HLM-Siedlungen Esplanade, Hautpierre oder Neuhof in den 60er und 70er Jahren nie dagewesen Intensität betreibt.

Die Frage, ob dieses Baufieber schließlich auch ein Wirtschaftswachstum mit sich bringen wird oder gar schon eines darstellt, berührt eine alte Auseinandersetzung in der Wirtschaftswissenschaft: ist das Bauen ein Teil von Wirtschaftsleistung oder nur eine Vorleistung dafür? Diesen Gelehrtenstreit beizulegen, darum dürfte sich die Grüne-Hauptstadt-Jury der EU-Kommission eher nicht kümmern, wohl aber um die Frage: Ist die Ausgestaltung dieser Bautätigkeit wenigstens ökologisch oder gar „Grün“?

Wachsen tun in Straßburg zumindest schon einmal die Zweifel. Vielleicht weniger die gewaltige Stadterweiterung in Richtung Kehl auf alten Gewerbeflächen und bislang grünen Wiesen, als vielmehr die extreme Nachverdichtung in den Vororten löst bei Alteinwohnern Unbehagen aus. Abgesehen davon, dass die neuen Wohnkomplexe selten schön sind und sich kaum ins gewachsene Gefüge einpassen – über Geschmack lässt sich ja politisch leider nicht gut streiten –, macht sich der Unmut an dem massiven Verlust von Grünflächen fassbar. Bürgerinitiativen wie ASSER verweisen immer deutlicher auf den Grundwiderspruch zwischen Wachstum und Ökologie, wenn, wie etwa im einstigen „Gemüsegarten“ von Straßburg, dem nördlichen Stadtteil Robertsau, nicht nur bestehende Altbauten und ihre Gärten neuen, größeren Anlagen weichen müssen, sondern auch die letzten Freiflächen zugebaut werden. Besonders seltsam: Wohnungen entstehen sogar in der offiziellen Risikozone des Ölhafens, wo den ansässigen Kleingärtnern schon seit etlichen Jahren die Nutzung des Grundwassers zum Gießen ihrer Nutzpflanzen wegen dessen Gesundheitsgefährdung verboten ist.

Nichts scheint die Verwaltung derzeit davon abhalten zu können, neben dem Abriss bestehender Altbauten auch immer mehr neue Grundstücke zur Bebauung freizugeben. Sogar die Kehrtwende der politischen Führung der Stadt von der Ablehnung hin zur Unterstützung der Westumgehung, dem sogenannten GCO, ließe sich so erklären: Die nach der Inbetriebnahme der neuen Trasse beabsichtigte Umwidmung der bestehenden, stadtnahen A351 in einen „Boulevard Urbain“ ermöglicht die Erschließung neuen Baugrunds entlang der einstigen Autobahn.

Das alles klingt noch nicht nach „Grüner Hauptstadt“. Was tun, um sich den wohlklingenden Titel 2021 anheften zu können, wo der ja so gut fürs Image der Stadt wäre? Denn in der Imagepflege scheint Straßburg bisher erfolgreicher zu sein als so manche andere. Noch immer wird im inneren Frankreich vom elsässischen Radfahrerparadies geschwärmt, obwohl ein Blick nach Kopenhagen – übrigens auch einer der ehemaligen Titelträger – oder Holland zeigt, wie weit man in der verkehrlichen Klimavorsorge dem internationalen Standard hinterherhinkt. Für das politische Klima sorgt nun immerhin der „Klimaplan 2030“. In elf Jahren, so der Stand der Dinge, soll für Straßburg ein umfangreicher Klimaplan greifen, der dann zusammen mit Bürgerinitiativen und unter Bürgerbeteiligung ausgearbeitet sein soll.

In elf Jahren wohlgemerkt, und weil das ja noch eine Weile hin ist, könnte schon bald eine „Charta für die Natur in der Stadt“ Richtlinien aufstellen, nach der ein Ausgleich der Interessen von Bauwirtschaft und eingesessenen Bewohnern sowie den ökologischen Belangen etwas früher erfolgen soll. An ihrer Formulierung werden Akteure von Bürgerinitiativen und aus der Bau- und Immobilienwirtschaft teilnehmen. Wenn man allerdings sieht, wie Immobilien-Entwickler mit dem Grünzeug bislang umgehen, ist die Hoffnung nicht unbedingt grün: Auf der Betondecke einer Tiefgarage wächst bestenfalls noch Gras und kleine Hartlaubgewächse, der Rest kommt in den Blumentopf.

In der Verkehrspolitik setzt Straßburg weiterhin eher auf das Auto, kaum anders, als die meisten Städte Frankreichs, aber eben auch Europas. Ob die anderen Bewerber um den grünen Titel allerdings immer noch ernsthaft Projekte zum Bau großer Tiefgaragen in unmittelbarer Innenstadtnähe betreiben, wie sie in Straßburg unter dem Vorplatz des Universitätsgebäudes noch entstehen könnte, wird die Jury sicher in ihrer Bilanz vermerken. Und sie wird sich auch die Frage stellen müssen, ob es in einer europäischen „Grünen Hauptstadt“ tatsächlich genügen darf, wohlwollende Bürger dazu zu animieren, für die kompostierbaren Abfälle einige wenige Sammelstellen in der Stadt zu betreiben, anstatt – wie heute in den Großstädten in vielen umliegenden Ländern üblich – biologische Hausabfälle generell durch die städtische Müllabfuhr zu sammeln?

Allzu viel Zeit ist nicht mehr. Die Jurymitglieder besuchen alle Bewerberstädte und werden im März eine erste Beurteilung abgeben. Das Rennen ist offen, mit dabei aus Frankreich sind Lille und Dijon, aber auch Tirana und Skopje – und man sollte sich im Westen Europas nicht immer einbilden, die dahinten im Südosten könnten mit ihren wenigen Mitteln sowieso nichts „Grünes“ zustande bringen. Vielleicht ist ja gerade in der Ökologie weniger schon mehr. Die Entscheidung der EU-Kommission über die Vergabe des Titelträgers des Jahres 2021 fällt jedenfalls in diesem Frühjahr. Dann wird sich zeigen, ob die Jury in Straßburg mehr als grüne Symbolpolitik gefunden hat. Mutig ist diese Bewerbung um die „Grüne Hauptstadt“ in Anbetracht der ökologischen Realität allemal.

Interessante Links zum Thema:

“Grüne Hauptstadt” der EU-Kommission

Allgemeine Information der Stadtverwaltung Straßburg zum Klimaplan auf Deutsch

Informationen speziell zum Klimaplan 2030 der Stadt Strasbourg (Französisch)

Bulletin der Bürgerinitiative ASSER aus Robertsau

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