Die erträumte Wirklichkeit – du und ich in der Rheinoper

Das „Festival Arsmondo Argentinien“ hat kaum begonnen, da strebt es bereits einem ersten Höhepunkt entgegen: In der Rheinoper Straßburg wird die Oper „Beatrix Cenci“des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera am Sonntag ihre Premiere erleben.

Beatrice Cenci in der Rheinoper Straßburg. Foto: Klara Beck OnR

(Von Michael Magercord) – Es gibt Lebensgeschichten, die fordern ihre Umsetzung in ein Kunstwerk geradezu heraus. Das sind natürlich nicht die Lebensläufe von dir und mir, die zum Gegenstand der Kunst werden. Zusammengedampft auf die Eckdaten, wie wir sie in den Bewerbungen verzeichnen, die man Arbeitsagenturen, Personalabteilungen und anderen organisierten Vereinfachern vorlegt, förderte unser Dasein nicht allzu viel Spannendes oder gar Dramatisches zutage.

Sicher, auch wir bemühen uns, unser Leben in Beruf, Freizeit und unseren menschlichen Beziehungen – mal freiwillig, mal ungewollt – einigermaßen aufregend zu gestalten. Ein Gestaltungsmittel dazu ist nicht zuletzt die Kunst. Indem wir Kunstwerke betrachten, genießen und sich mit ihnen – wie es so unschön und doch wohl auch treffend heißt – auseinandersetzen, versetzen wir uns im Geiste in andere Welten und erleben – wenn’s gut läuft – Gefühlswallungen, die wir uns sonst gar nicht zugetraut oder zugemutet hätten – von der poetischen Berührung bis zum peinigenden Grusel.

Nun wird sich so mancher Leser schon wundern, warum erzählt mir dieser Langweiler, dass wir so langweilig sind und zum Kunstwerk nicht taugen, im Gegenteil noch Kunst betrachten müssen, um uns nicht zu langweilen, wenn er uns doch über eine Opernaufführung berichten soll? Das tut er, weil es das ist, worum es – denkt man die Ausführungen, die der Regisseur vorab gemacht hat, zu Ende – wohl in der Neuinszenierung der Oper “Beatrix Cenci” gehen wird: um uns und unser Leben mit der Kunst.

Nun aber zu den Fakten: Wer also eignet sich dazu, zum Kunstwerk zu werden? Wessen Lebenslauf taugt zur Opernfigur? Das sind oft gerade Menschen, die ihr Leben gar nicht allein gestalten, sondern in ihre geschichtstaugliche Rolle gedrängt werden. Menschen, die gewaltsam in tragische Situationen gebracht, in denen jede folgerichtige Handlung falsch ist. Kurz: die in eine ausweglose Lage geraten sind.

Wie die junge römische Edelfrau Beatrice Cenci. Im ausgehenden 16. Jahrhundert musste sie genauso ein Leben geführt haben. Es währte war kurz, im Alter von zweiundzwanzig Jahren wurde sie geköpft. Was war geschehen? Das Mädchen lebte im Palast mit ihrem gewalttätigen Vater, einem Mann mit etlichen Komplexen. Er verging sich wohl nicht nur regelmäßig an seiner Tochter, sondern sammelte Kunst, die immer nur seine Tochter darstellte. Eine Manie, aus der ihr Opfer nur einen Ausweg fand: Sie beauftragte Mörder, die ihren Vater töteten. Das blieb nicht unentdeckt, als Drahtzieherin des Auftragsmordes wurde sie schließlich zum Tode verurteilt und hingerichtet, auch, weil die Richter den Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihren Vater keinen Glauben schenkten.

Schon zu ihren – beinahe hätte man gesagt – Lebzeiten, aber wohl eher zu ihrer Todeszeit, erregte ihr Schicksal großes Aufsehen – und Anteilnahme. Das blieb natürlich auch der Kunst nicht verborgen: Bilder, Skulpturen, aber auch Theater und Musik beschäftigen sich mit ihr und ihrem Leben. Und eben auch diese Oper aus dem Jahre 1971, die ab Sonntag in Straßburg auf die Bühne kommt. Sie stammt aus der Feder des argentinischen Komponisten Alberto Ginastera, und auch der Regisseur Mariano Pensotti, der diese Aufführung gestaltet, kommt aus Argentinien, wo er derzeit einer der gefragtesten Theatermacher ist.

Nun wäre es sicher ein Leichtes gewesen, in heutiger Zeit der Debatten um MeToo und Kindesmissbrauch genau dort den Bezug der historisierten Gestalt und ihrer Lebensgeschichte zur Aktualität zu schaffen. Das hat der Regisseur wohl nicht getan, sondern für steht das Kunstwerk im Mittelpunkt, das ihr Vater mit aller Gewalt aus ihr macht, und aus dem die Tochter schließlich zu fliehen versucht.

Und damit flieht sie im Grunde auch vor uns, die wir noch heute an ihrem Schicksal Anteil nehmen können, gerade weil sie nun tatsächlich eine Kunstfigur geworden ist. Auf der Bühne wird sie Wirklichkeit, und ihre Erscheinung und unsere Anteilnahme stellt das Wesen der Realität infrage – oder wie der Regisseur es formuliert: Inwieweit strukturieren die Formen der Kunst unsere Wahrnehmung von dem, was wir Realität nennen? Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kunst als explizites Werk daherkommt oder uns ein Gegenstand oder eine Situation plötzlich wie aus der Wirklichkeit gefallen erscheint. In diesen Momenten erfahren wir, dass wir Menschen immer auch in der Fiktion Zuhause sind, und nicht nur in einer physischen Welt.

Die Flucht der Beatrice Cenci vor ihrem Vater und vor uns ist gescheitert. Wir können sie sehen und ihr Leiden daran, dass wir sie nun immer noch anschauen können, ebenfalls: Es gibt kein Entrinnen aus der Fiktion. Und nun ahnen wir, du und ich, dass sich auch unser Leben nur zu einem kleinen Teil in dem, was wir Realität zu bezeichnen pflegen, abspielt, der größte und bedeutendste Teil aber auf einer Bühne, die wir nur Wirklichkeit nennen. Dann merken wir auch, dass wir alles andere als langweilig sind, jedenfalls nicht so langweilig, wie unsere Lebensläufe suggieren mögen. Doch wenn wir nun im Opernhaus sitzen und am Leben der Beatrice Cenci teilnehmen, sind wir gleich wieder froh, dass wir immerhin langweilig genug sind, um wenigstens nicht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, auch noch zur Kunstfigur zu taugen.

Um diesen Ausflug in die Totalität der Kunst wenigstens wie eine Reise in eine ferne Welt erscheinen zu lassen, wird uns nicht nur die Musik des Argentiniers Alberto Ginastera nach Südamerika versetzen. Auch die Inszenierung arbeitet mit Referenzen an die Ästhetik Lateinamerikas in den 70er Jahren. Zusammen mit den Musikern und Sängern wird das fremde Ambiente dazu beitragen, dass uns im Opernhaus nicht langweilig wird – wobei, das ja auch nur wieder ein Beweis wäre, dass wir im Geiste immer auch anderswo sind, als dort, wo wir gerade sind: Es gibt eben kein Entrinnen aus der Fiktion, selbst dann, wenn sie nur Fiktion ist.

Beatrix Cenci – Oper von Alberto Evaristo Ginastera
(Uraufführung 1971)

Regie: Mariano Pensotti
Musikalische Leitung: Marko Lentonja
Philharmonie Straßburg OPS

Straßburg – Opéra
SO 17. März, 15.00 Uhr
DI 19. März, 20.00 Uhr
DO 21. März, 20.00 Uhr
SA 23. März, 20.00 Uhr
MO 25. März, 20.00 Uhr

Mulhouse -La Filature
FR 5. April, 20.00 Uhr
SO 7. April, 15.00 Uhr

Information und Tickets unter: www.operanationaldurhin.eu

Hinweis:
Für Zuschauer U30 gibt es ein Kontingent von Eintrittskarten in allen Kategorien für den Vorzugspreis von 12 Euro.
Telefonische Anfrage unter: 0033-(0)825 84 14 84

Nächste Veranstaltung beim Festival Arsmondo (Auswahl):

Filmvorführung
Beatrice Cenci, Goldschmidt
Bomarzo, Ginastera
SA 23 März, 14.30 und 17.30 Uhr
Opéra Straßburg, Salle Ponnelle (Eintritt frei)

Konzert
Misatango
SA 30. März, 20 Uhr, Straßburg, Kirche St. Paul
MI 3. April, 20 Uhr Colmar, Kirche St. Matthieu

Musiktheater
mit Alfredo Arias
FR 5. April, 20 Uhr
Opéra Straßburg

Komplettes Festivalprogramm hier

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