Die Faszination des Bösen

Der rechtsextreme und fremdenfeindliche Publizist Eric Zemmour schwingt sich zum (noch nicht erklärten) Präsidentschafts-Kandidaten auf und wirbelt die französische Politik durcheinander.

Wenn solche Leute kandidieren, würden Sie dann wählen gehen? Foto: SuperManu derivating from Gorgalore / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

(KL) – Eric Zemmour, der in Deutschland weitestgehend unbekannt ist, marschiert gerade durch die französischen Umfragen für die Präsidentschaftswahl 2022. Der Polemiker, Stammgast vor den Gerichten wegen Volksverhetzung und anderer Dinge, macht gerade das, was Emmanuel Macron 2017 gemacht hat – er mischt das politische Establishment auf und so, wie Macron 2017 die linke PS zur Implosion gebracht hat, könnte Zemmour das Gleiche mit der französischen Rechten und vor allem den Rechtsextremen gelingen. Denn seine Zustimmung holt sich der intellektuelle Brunnenvergifter am äußersten rechten Rand.

In den aktuellen Umfragen liegt Eric Zemmour mit 15 % der Stimmen bereits auf Platz 3, (noch) weit hinter Emmanuel Macron (24 %) und nur einen Punkt hinter der Rechtsextremen Marine Le Pen (16 %), allerdings vor allen anderen Kandidaten, sowohl der Konservativen, als auch der verschiedenen linken Gruppierungen, von denen kein Kandidat momentan mehr als 8 % in den Umfragen holt. Das „Superwahljahr 2022“ wird die politische Entwicklung in Frankreich noch schlimmer aussehen lassen als das heute bereits der Fall ist – und das will etwas heißen.

Während Präsident Macron seine Amtszeit genutzt hat, um ein neues politisches System zu etablieren, den „digitalen Totalitarismus“, sind seine Wettbewerber fast ausnahmslos Vertreter des lähmenden politischen Establishments Frankreichs, Politiker und Politikerinnen, die seit Jahrzehnten auf der politischen Bühne stehen und alle eines gemeinsam haben – in ihren vielen Posten und Pöstchen, die sie in diesen Jahrzehnten bekleidet haben, waren sie unauffällig bis erfolglos. Warum sie das für eine Kandidatur für das höchste Staatsamt qualifiziert, das wissen wohl nur die Parteien, die in Frankreich ein einziger, verkrusteter Anachronismus sind.

Genau in diese Lücke prescht Eric Zemmour. Seine Positionen zu vielen Themen sind von einer unglaublichen Radikalität, wie beispielsweise der ernst gemeinte Vorschlag, dass Kinder von Immigrantenfamilien nur noch französische Vornamen tragen dürfen. Kleine Anmerkung: Der Vorname „Eric“ stammt aus dem Skandinavischen und der Familienname „Zemmour“ ist arabisch und bedeutet „Olivenbaum“…). Doch mit solchen Forderungen trifft Zemmour den Nerv all derjenigen, denen die rechtsextreme Marine le Pen nicht rechtsextrem genug ist. In den Umfragen ist klar ersichtlich, dass Zemmour in der Wählerschaft von Marine Le Pen unterwegs ist, denn je weiter er in den Umfragen steigt, desto mehr sinkt Marine Le Pen.

Genau diese Karte spielt Eric Zemmour, der nicht nur Ausländer hasst (was er da wohl für persönliche Traumata zu verarbeiten versucht…), sondern auch ein ausgesprochener Frauenfeind ist, der den guten, alten Zeiten nachtrauert, in denen ein freundlicher Busfahrer einer hübschen Passagierin den Hintern tätschelte – für Zemmour ist das normal und er bedauert, dass den Männern das „Animalische“ abhanden gekommen sei. Diese offensiv vorgetragenen “bösen” Positionen faszinieren viele Franzosen, die mit dem schnellen Wandel unserer Gesellschaft Probleme haben.

Die Dinge, die Zemmour zum Besten gibt, bringen ihm nicht nur zahlreiche Gerichtstermine ein, sondern auch die Bewunderung der frustrierten und zu kurz gekommenen Franzosen, die für komplexe Fragen einfache Antworten suchen. Eben das, was Populisten anzubieten haben. „Der sagt laut, was wir leise denken“, hört man an verschiedenen Stellen und die Tatsache, dass Zemmour in den Umfragen inzwischen alle linken und konservativen Kandidaten und Kandidatinnen hinter sich gelassen hat, spricht Bände.

Leute wie Eric Zemmour, ähnlich wie ein Björn Höcke von der AfD, tragen dazu bei, dass Positionen, für die man vor Jahren noch vor Gericht gestellt worden wäre, plötzlich „hoffähig“ und „normal“ werden. Doch offen „das Böse“ zu vertreten, die Menschen gegen alles aufzuhetzen, was keine französische AOC trägt, das ist eben keine Meinung, sondern häufig nicht anderes als Volksverhetzung.

Es bleibt die Hoffnung, dass Zemmour mit seinem frühen Wahlkampfstart einen Fehler gemacht hat. Zwar hat er sich noch nicht offiziell zum Kandidaten erklärt, doch ist er bereits mitten im Wahlkampf und eilt von Meeting zu Meeting. Doch selten gewinnen diejenigen Wahlen, die als erstes ihren Hut in den Ring werfen – eine Erfahrung, die erst kürzlich in Deutschland sowohl die CDU als auch die Grünen machen mussten.

Dass allerdings Leute wie Eric Zemmour einen solchen Durchmarsch durch die Umfragen hinlegen können, ist bedenklich. Rutscht Frankreich immer weiter nach rechts? Die Schuld an dieser Entwicklung liegt jedenfalls bei den traditionellen Parteien, die immer wieder die gleichen „Dauerkandidaten“ in die verschiedenen Wahlen schicken und allgemein ein Bild von ausgebrannter Korruption vermitteln. Dass dann Populisten wie Zemmour ein leichtes Spiel haben, ist eine fast logische Konsequenz. Die französische Politik, inklusive Wahlsystem, braucht eine Runderneuerung, denn alleine die Vorstellung, dass ein Eric Zemmour in eine ähnliche Allmacht-Stellung wie Emmanuel Macron kommen könnte, ist bedenklich. Frankreich muss aufpassen, nicht im politischen und gesellschaftlichen Chaos zu versinken…

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