Die Grenzen sind los

Ein kurzes Video in der Ausstellung „Aux frontières de l’enfermement, de l’intime et du rêve“ im „Syndicat potentiel“ in Straßburg öffnet uns die Augen auf die Grenzen unserer Wahrnehmung – und zu noch ganz andere Grenzerfahrungen.

Und hinter der Grenze ist nichts. Oder doch? "Zone d'indifférence" von Brigitte Zieger. Foto: Brigitte Zieger / Syndicat potentiel

(Von Michael Magercord) – Unter einem fahlgrauen Himmel wellt sich ein hoher Zaun durchs Bild. Davor eine Fahrstraße und gepanzerten Patrouillenautos – und dahinter? Eine abgeschnittene Landschaft: ein Loch? Ein Geländeabbruch? Alles mit Aussicht – aber worauf? Nein, nichts ist dahinter, nichts als graue Pixelmasse, denn in diesem Video wurde alles, was hinter dem Zaun war, wurde mit Hilfe von einem digitalen Verarbeitungsprogramm weggepixelt, und zusammen mit dem Himmel ins Grau gewendet.

Und doch ist alles in diesem kurzen Film von der in Paris lebenden deutschen Künstlerin Brigitte Zieger wahr: Ihr kurzer, aber ziemlich irrer Film zeigt den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko, so wie er sich durch die Landschaft zieht, und dazu absurd langsam fahrende Wachfahrzeuge. Auf der anderen Seite fehlt eben nur Mexiko. Aber wozu sollte es auch zu sehen sein? Über den Zaun kommt doch sowieso keiner. Sollte zumindest keiner. Und so, wie es jetzt aussieht, kommt da auch niemand, denn da ist ja nichts, wo noch jemand herkommen könnte: aus den Augen, aus dem Sinn.

Mauern, Zäune, Barrikaden sind wieder in Mode. Und wen das noch wundert, sollte sich daran erinnern, wie es war, als Drüben auch das Nichts war. Oder hat da schon irgendwer vergessen, wie weiß der Fleck gewesen ist, der vom Westen aus betrachtet hinter dem Zaun der Zonengrenze und der Mauer von Berlin lag?

Sicher, man darf diese wunderbare digitale Spielerei mit der Wahrnehmung nun auch nicht übergewichten, aber es tut gut, einmal vor Augen geführt zu bekommen, wie einfach sich die Normalität infrage stellen lässt. Also alle Achtung bei der Betrachtung des Videos: sich bloß nicht täuschen lassen, weder von der digitalen Wirklichkeit noch dann, wenn man gar keine Grenzen mehr sieht. Da sind sie eben doch! Auch wenn es uns in letzter Zeit eher schien, als gebe es sie nur noch in Form von direkter physischer Abtrennung.

Stimmt aber eben nicht. Grenzen sind überall. Oben-unten, arm-reich, sicher-gefährlich und was man sonst noch alles gegenüberstellen und dann dazwischen eine Grenze ziehen kann. Grenzen sind eben immer auch Leistungsbemessungsgrenzen, egal ob die Leistung reicht, um die Grenze zu überschreiten oder zu unterschreiten. Und jede Staatsgrenze ist dies auch. Sogar das hochaktuelle Grenzüberschreitungskriterium des politischen Asyls ist eine – wenn auch elegant verkleidete – Leistungsbemessung: Denn nur Leute, die ein westlich definiertes demokratischen Bewusstsein vorzuweisen haben, das vielleicht nicht mit ihren Ursprungsgesellschaften, durchaus aber mit der modernen Welt kompatibel ist, kommen in seinen Genuss.

Aber ginge es denn überhaupt ganz ohne Grenzen? Schon vor über fünf Jahren wurde beiderseits des Rheins das „Lob der Grenze“ gesungen. In seinem „Eloge des frontières“ hatte Régis Debray das Globalisierungspostulat „ohne Grenzen“ hinterfragt: alles ist erlaubt, alles ist möglich, alles wird banal. Und Konrad Paul Liessmann aus Wien kritisierte 2013 das „Pathos der fallenden Grenzen“ und rief dazu auf, sich nicht der Forderung nach dem stetigen Überschreiten von eigenen Grenzen zu beugen, weder im Berufsleben noch im Privaten, und seine Würde nicht einer grenzenlosen Wertsteigerungsmanie preiszugeben. „Es sind die Schwachen, die Minderheiten, die Mindermächtigen, die Grenzen brauchen; nicht die Starken“, schrieb Liessmann damals. Grenzen niederzureißen kann demnach auch ein aggressiver Akt sein, und vor allem dann, wenn sich dahinter doch nichts weiter befindet, als eine weitere Grenze, die es dann wiederum einzureißen gelte – oder eben gar nichts mehr.

Was tun? Besser im begrenzten Modus verharren und immer schön faul bleiben? Die Grenzen seiner Wahrnehmung kann man ja ruhig trotzdem einmal testen. Zum Beispiel mit dem Video von Brigitte Zieger. Dies ist noch bis zum 16. April in der Galerie „Syndicat potentiel“ in Straßburg zu sehen, zusammen mit weiteren Kunstwerken zum Thema Grenze.

Ausstellung „Aux frontières de l’enfermement, de l’intime et du rêve“
Brigitte Zieger, Anne-Marie Filaire und Frédéric Lagny
Syndicat potentiel, 13 rue des couples, Straßburg
noch bis 16. April
Infos unter: http://syndicatpotentiel.free.fr/

Weitere Ausstellungvon Brigitte Zieger in der Region ab 17. April 2016 im Kunstverein Mannheim.

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