Die Nerven liegen blank

Gewaltsame Auseinandersetzungen begleiteten die erste Nacht der Ausgangssperre in den Niederlanden – doch richten sich diese Proteste kaum gegen die getroffenen Maßnahmen. Sie sind eher ein Ventil.

"Wahnsinn" - ja, das stimmt. Die Empfehlung, auf alle sanitären Gesten zu verzichten, ist genau das - Wahnsinn. Foto: Edoderoo / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

(KL) – Die Zeiten für Covid-Leugner werden immer schwieriger, da es einfach zu viele Fälle, Erkrankungen und Todesfälle gibt. Dass sich nun in mehreren niederländischen Städten die Frustration durch gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei ausdrückte, hat weniger mit den Maßnahmen selbst, als vielmehr mit der Frustration der Demonstranten zu tun. Sind solche Bilder wie aus Eindhoven, Amsterdam, Den Haag, Tilburg, Enschede, Urk, Venlo, Roermond, Breda, Arnheim oder Apeldoorn auch in anderen Ländern möglich? Vermutlich ja…

Geplünderte Geschäfte, brennende Autos, ein brennendes Covid-Testzentrum, Schlägereien mit der Polizei, geworfene Pflastersteine, Wasserwerfer und Tränengas – in den Niederlanden hat ein Teil der Bevölkerung erstaunlich gewalttätig auf die Verhängung einer nächtlichen Ausgangssperre reagiert. Bei den Auseinandersetzungen wurden rund 240 Menschen festgenommen und Tausende Strafzettel über 95 € wegen Verstößen gegen die Corona-Regeln ausgestellt. Doch dürften diese Straßenschlachten noch lange nicht das Ende der Irritationen darstellen, sondern im Gegenteil, lediglich den Beginn. Und diese neue Welle der Gewalt auf der Straße dürfte in der Tat schnell in andere Länder schwappen.

Wie wirr diese Proteste sind, erkennt man daran, dass die Protestierer grundsätzlich gegen jede Art von Maßnahme sind, ob Abstand, Masken, Kontaktbegrenzungen, Händewaschen – nichts davon passt diesen Leuten in den Kram. Es handelt sich höchst wahrscheinlich um den Teil der Bevölkerung, der bislang von der Pandemie verschont geblieben ist. Dennoch muss man genau hinschauen und versuchen, kommende Entwicklungen auch in anderen Ländern zu antizipieren.

Es ist klar, dass die sanitäre eine wirtschaftliche Krise im Schlepptau hat, die inzwischen anfängt, einen Kahlschlag in kleinen und mittleren Unternehmen auszulösen. Ein Gang durch die Innenstädte reicht um zu erkennen, dass diese Wirtschaftskrise bereits begonnen hat und eine neue Arbeitslosigkeit und Armut schafft, deren Auswirkungen gerade einsetzen. Jugendliche, und das sind die Protestierer überwiegend, die bereits vor der Pandemie nur wenige Zukunftsperspektiven besaßen, sehen diese weiter schwinden und ihre wachsenden Existenzängste machen sich in unkontrollierter Wut und Gewalt Luft. Warum sollte das für die gleichen Bevölkerungsschichten in anderen Ländern anders sein?

Wir wissen, dass vor der Pandemie in den europäischen Ländern rund 15 % der Menschen von Armut bedroht waren. Diese Bedrohung wird nun konkret und betrifft weitaus mehr Menschen als vor der Pandemie. Hier entsteht ein Gewaltpotential, auf das man Antworten finden muss und die Antwort kann nicht nur die reflexartige Repression und Perfektionierung des digitalen Überwachungsstaats sein. Man wird Geld in die Hand nehmen müssen – nicht nur, um Konzernen unter die Arme zu greifen und deren Restrukturierungen zu finanzieren, sondern um Sozialprogramme aufzulegen, bevor unsere Gesellschaften in einer Orgie der Gewalt versinken. Man wird „unten“ ansetzen müssen, denn dass die Theorie des „Ruissellements“ (das überschütten des Großkapitals mit mehr Geld, in der Hoffnung, dass davon etwas bis unten „durchsickert“) in der Praxis nicht funktioniert, das sehen wir täglich in Frankreich. Diese Strategie des „Ruissellements“ vertieft die Gräben, die heute schon die verschiedenen Bevölkerungsgruppen voneinander trennen.

So lange gewalttätige Protestierer die Existenz dieses Virus leugnen, sollte man sich überlegen, ob man nicht lieber statt Strafzetteln Arbeitsstunden in Covid-Abteilungen in den Krankenhäusern verhängen sollte. Ein Corona-Leugner, der einen Tag in einer Covid-Abteilung eines Krankenhauses zugebracht hat, dürfte weniger laut sein, wenn es darum geht zu krähen, dass es das Virus ja gar nicht gibt.

Auf jeden Fall sollten auch die anderen europäischen Länder genau hinschauen, was gerade in den Niederlanden geschieht – denn genau das kommt auch auf alle anderen Länder zu. Die Nerven liegen blank und die nächsten Lockdown-Maßnahmen, von denen jeder ahnt, dass sie unmittelbar vor der Tür stehen, werden diese Entwicklung zu mehr Gewaltbereitschaft nicht verbessern. Wer sich jetzt den Luxus leistet, sozial Schwache in den Corona-Planungen außen vor zu lassen, der hält sein Feuerzeug an die Lunte eines gesellschaftlichen Pulverfasses. Und das sollte man sich doch lieber zweimal überlegen.

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