„Die Polizei kann eine Brandstiftung nicht ausschließen“

Von den Schwierigkeiten, die Dinge beim Namen zu nennen. Und wenn es jemand tut, dann rauscht gleich der Blätterwald. Es ist Zeit, klar zu sagen, wo man steht.

Wir dürfen nicht länger tolerieren, dass solche Leute im öffentlichen Raum Angst und Schrecken verbreiten. Foto: Marek Peters / www.marek-peters.com / Wikimedia Commons / GFDL

(KL) – Deutschland muss ein Bau- und Brandschutzproblem haben. Ein Problem, das seltsamerweise vor allem Gebäude betrifft, in denen Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Denn diese Gebäude, quer durch die Republik, fallen momentan fast täglich den Flammen zum Opfer. Lapidar heißt es dann hinterher in den Meldungen: „Eine Brandstiftung kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden“ oder „eine politisch motivierte Tat liegt im Bereich des Denkbaren“. Man sollte ein wenig weniger um den heißen Brei herumreden. Jeder weiß, was dahinter steckt, wenn eine Flüchtlingsunterkunft brennt : Wirre Ausländerhasser haben gezündelt, damit keine Flüchtlinge in ihren Ort kommen. Und zahlreiche „Normalbürger“ stehen daneben, grinsen sich eins und ermutigen dadurch diese minderbemittelten Schlägertrupps in ihrem Handeln. Es ist Zeit aufzustehen und deutlich zu sagen, wo man steht.

Doch seltsamerweise, wenn jemand wie Sigmar Gabriel diese Kriminellen „Pack“ nennt, dann entrüstet sich die deutsche Presse. Das wäre dann ja schon ganz schön starker Tobak, kann man lesen. Dabei hat Sigmar Gabriel sorgsam vermieden, diese Leute etwa als „Rechtsradikale“, „Neonazis“ oder „militante Nationalkonservative“ zu bezeichnen – und hat damit völlig Recht. Denn diesen Schwachköpfen geht es nicht etwa um die Demonstration eines politischen Anliegens, weswegen sie keine Bezeichnung verdienen, die auch nur im Entferntesten an so etwas wie (selbst falsch verstandene) Politik erinnert – es handelt sich schlicht um Gewalttäter, die, würden sie nicht gegen Flüchtlinge, Gegendemonstranten oder die Polizei „kämpfen“, in ihren Kneipen hocken und Nazilieder grölen würden. Und sich ansonsten zu Tode langweilen, weil es in ihren Kleinstädten und Dörfern in Sachsen und anderswo keine Perspektiven gibt.

Das Phänomen, selbst, wenn es in den neuen Bundesländern besonders ausgeprägt ist, hat sich wie eine Seuche über ganz Deutschland ausgebreitet. Bis hin in unser schönes, reiches Baden-Württemberg. Und das erfordert Reaktionen. Nicht etwa Reaktionen wie die der Kanzlerin, die tagelang abwartete, wie denn die anderen reagieren, bevor sie sich offensichtlich ziemlich unmotiviert dann doch entschloss, einen Besuch in Heidenau zu machen. Die Menschen müssen anfangen, sich auch im Alltag zu wehren.

Denn die Fremdenfeindlichkeit und den Ausländerhass kann man inzwischen viel zu oft und an viel zu vielen Stellen spüren. Ob in der Straßenbahn, wo ältere Herren über Ausländer herziehen, ob an der Kasse im Supermarkt, ob auf der U-Bahnhaltestelle, überall. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man dann aufstehen muss und diesen Leuten den Mund verbieten sollte. Laut und deutlich. Sie werden sehen, je lauter Sie diesen Hetzern Ihre Meinung sagen, desto überraschter werden sie sein. Und tatsächlich den Mund halten, während viele Ihrer Mitmenschen ins Grübeln kommen. „Warum habe ich eigentlich weggeschaut?“, wird sich mancher fragen und vielleicht vornehmen, beim nächsten Mal selbst schützend Partei zu ergreifen.

Natürlich sollen Sie nicht den Helden spielen. Wenn Sie alleine einer angetrunkenen Meute von 15 glattgeschorenen Lederjacken mit Hakenkreuzen gegenüberstehen, ist das sicher nicht der Moment, mit einem Satz wie „Dein ausländerfeindliches Gegeifer ist unerträglich – halt bitte endlich die Fresse“ anzutreten. Nichts aber hält sie davon ab, in einer solchen Situation diskret übers Handy eine der Notrufnummern anzurufen, die es überall in Bussen, Zügen, Straßenbahnen gibt und Hilfe anzufordern, falls eine Situation bedrohlich wirkt. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass Ihr Nachbar das schon tun wird, denn der verlässt sich vermutlich schon auf Sie und am Ende hilft keiner.

Und wir alle zusammen dürfen uns nicht auf die Politik verlassen – die bei diesem Thema inzwischen am Bodensatz des Erträglichen angekommen ist. Da man Ausländerhass nicht wirksam verbieten kann, muss man ihn bekämpfen. Mit Zivilcourage und Selbstbewusstsein. Den kriminellen Ausländerfeinden müssen im Alltag Grenzen aufgezeigt werden.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen sieht das ähnlich, schaut aber im entscheidenden Moment immer wieder weg. Was dann dazu führt, dass man langsam das Gefühl bekommt, als seien diese dumpfen Schläger in unserer Gesellschaft in der Mehrheit. Das sind sie aber nicht. Und es ist an uns, sie das jeden Tag spüren zu lassen, egal, wo man ist. Mit Wegschauen hat es schon einmal nicht funktioniert – und wird es auch dieses Mal nicht.

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