„Die Ukraine – die große europäische Verblendung“

Interview mit General (2*) Jean-Bernard Pinatel, herausragender Militär-Experte, Autor zahlreicher Bücher, der über die Lage in der Ukraine spricht.

Der bedeutende Experte für Militärstrategie und Geopolitik General Jean-Bernard Pinatel (2*) hat auf unsere Fragen geantwortet. Foto: privat

(KL) – General Jean-Bernard Pinatel (2*), großer Spezialist für Militär-Strategie und Geopolitik, Träger der höchsten französischen Auszeichnungen, weiß genau, wovon er spricht. Dabei ist nicht unwichtig, dass er nicht etwa persönliche Interessen verfolgt wie viele der politischen Akteure. Pinatel, der gerade ein neues Buch veröffentlicht hat, das den französischen Titel dieses Artikel trägt, erläutert seine Sicht auf die Lage in der Ukraine und zeigt sogar einen möglichen Weg aus dieser furchtbaren Krise auf. Interview.

EJ: Herr General, kommen wir gleich zum Kern des Themas – kann die Ukraine diesen Krieg gegen Russland gewinnen? Wenn auch niemand die Schuld Russlands in Frage stellt, das am 22. Februar 2022 in der Ukraine einmarschiert ist, muss man doch feststellen, dass heute Russland rund 19 % des ukrainischen Territoriums besetzt hält, trotz der pharaonischen Summen, die in die Ukraine gepumpt werden und dass nichts die russischen Truppen aus den besetzten Regionen vertreiben kann. Also, sind Sie der Ansicht, dass die Ukraine diesen Konflikt noch militärisch gewinnen kann?

Jean-Bernard Pinatel: Ich sage es seit September 2022, dass die Ukraine diesen Krieg verloren hat, wenn man das Kriegsziel betrachtet, dass ständig von Selensky wiederholt wird, also die Rückeroberung der vier von Russland annektierten Oblasts und der Krim.

Warum ist das so? Weil die europäischen Führer und die meisten unserer Medien nicht verstanden haben oder verstehen wollen, dass Biden und seine Strategen die nukleare Bedrohung durch Putin sehr ernst nehmen, in einem Krieg, der aus russischer Sicht ein Krieg um die Verteidigung seiner existentiellen Interessen ist.

Dies hatte zur Folge, dass Biden im Pentagon seiner Verwaltung bereits am 24. Februar 2022 spezifische Anweisungen gab, die The Economist im November 2023 veröffentlichte: „Joe Biden, Amerikas Präsident, hat bereits zu Beginn der russischen Invasion die Ziele definiert: Sicherstellen, dass die Ukraine nicht verliert und dass die USA nicht in eine Konfrontation mit Russland gezogen werden.“ Ein befreundeter amerikanischer General übersetzte das etwas brutal als: „Wir geben der Ukraine genug zum Überleben, aber nicht genug zum Gewinnen“.

Biden hat sich mehrfach öffentlich zu dieser Befürchtung geäußert, was in meinem neuen Buch „Ukraine, le grand aveuglement européen“, Verlag Baland, Seiten 23 bis 33 nachzulesen ist. Am 6. Oktober 2022 sagte er bei einem Fund Raising-Dinner während des Wahlkampfs für den demokratischen Senator in New York: „Wladimir Putin, ein Kerl, den ich ziemlich gut kenne, scherzt nicht, wenn er von einem möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen oder biologischer oder chemischer Waffen spricht, denn seine Armee, das kann man sagen, ist im Ukraine-Konflikt nicht sehr leistungsstark.“

EJ: Der Westen und insbesondere die NATO hat keine andere Strategie, als immer stärkere Waffen zu liefern und die ersten Länder genehmigen bereits ausdrücklich den Einsatz dieser Waffen für Angriffe auf russisches Gebiet und wir hangeln uns von Eskalation zu Eskalation. Glauben Sie, dass diese „Strategie“, die gar keine ist, zu irgendeinem Erfolg führen kann?

JBP: Natürlich nicht, denn die USA, die alleine die NATO anführen, auf jeden Fall verhindern wollen, dass Putin diesen Konflikt auf eine nukleare Ebene bringt, denn kein vernünftiger Stratege kann davon ausgehen, dass die USA mit Atomschlägen auf eine solche Eskalation reagieren würden. Warum? Weil kein amerikanischer Präsident das Risiko einer nuklearen Antwort eingehen würde, um die Ukraine zu verteidigen, da diese kein vitales Interesse für die USA darstellt.

Sollte dieser Fall eintreten, befürchten die Amerikaner, dass sie ihre Glaubwürdigkeit gegenüber den Europäern verlieren würden, die ihre Sicherheit dem amerikanischen Atom-Schutzschild anvertraut haben…

Im Übrigen schreibt „Foreign Affairs“ in seiner Ausgabe vom 20. Dezember 2023 das Gleiche: „Die traurige Wahrheit ist, dass Washington Putin nicht von einer weiteren Eskalation abhalten kann, bei der er Atomwaffen im Krieg in der Ukraine einsetzen würde. Auch, wenn Putin eine solche Eskalation nicht auf die leichte Schulter nähme und sich der ernsten Risiken für Russland bewusst ist, geht er dennoch davon aus, dass er den Krieg mit Entschlossenheit bei einer atomaren Krise gewinnen würde.“

EJ: Ist der Westen genauso Opfer seiner eigenen Propaganda wie Russland? Seit Beginn dieses Konflikt ist das Handelsvolumen zwischen dem Westen und Russland viermal höher als die Unterstützungen für die Ukraine. Der Westen unterläuft weiterhin seine eigenen Sanktionen, finanziert den Krieg für Putin und die Verteidigung für die Ukraine – wie wird sich dieser Krieg unter diesen Umständen weiter entwickeln?

JBP: Ja, der Westen ist Opfer seiner eigenen Propaganda, was auch den Titel meines neuen Buchs erklärt: „Ukraine, le grand aveuglement européen“. Bis wohin sich dieser Krieg entwickeln wird? Es würde den Rahmen dieses Interviews sprengen, das hier zu erläutern. Ich habe drei Szenarien entwickelt, die ich am 16. Januar 2023 auf der Site des ThinkTanks „GEOPRAGMA“ veröffentlicht habe und das Ihre Leser unter DIESEM LINK nachlesen können und die ich auch auf den Seiten 62 bis 68 meines Buchs erläutere.

EJ: Die Militär-Doktrin Russlands sieht den Einsatz des atomaren Arsenals „in Falle eines Angriffs oder einer Bedrohung des russischen Staatsgebiets“ vor. Seit geraumer Zeit versucht der Westen, diese Doktrin mit einem „Na, so weit wird er schon nicht gehen“ abzutun – kann man diese Doktrin in einem Moment ignorieren, in dem ukrainische Angriffe bis 1200 km von der Grenze entfernt auf russisches Gebiet stattfinden?

JBP: Auf diese Frage habe ich schon geantwortet. Washington befürchtet eine atomare Eskalation, denn Putin steht unter dem Druck der Ultra-Nationalisten in der Duma, die seit Beginn dieses Kriegs fordern, dass er seine „nicht-strategischen“ Atomwaffen einsetzt.

Aber ich bin sicher, dass Washington der Ukraine weiterhin nur den flächendeckenden Einsatz von Drohnen gestatten wird, die keine echte Bedrohung für Russland darstellen und die jedes Mal zu blutigen Gegenschlägen auf die Ukraine führen.

Sollte die Ukraine andere Mittel einsetzen, die erhebliche Schäden hervorrufen, wie beispielsweise, als sie gegen die amerikanischen Anweisungen die Krim-Brücke angegriffen hatten, dann dürften sie vor der amerikanischen Drohung zurückschrecken, sämtliche Hilfen einzustellen, insbesondere die der CIA, die zwölf Posten entlang der Front unterhält und die Ukraine nachrichtendienstlich informiert.

EJ: Was halten Sie von der Haltung der westlichen Führer, die mit dem Säbel rasseln und sich dabei nicht einmal vorstellen, dass die Entsendung westlicher Truppen zu einem Gemetzel führen würde, das den Verlauf des Kriegs nicht ändern könnte?

JBP: Ich habe das vierte Kapitel meines Buchs dieser Frage gewidmet. Das Kapitel heißtEin entwaffnetes Europa vor diesem hochintensiven Krieg“. Und bereits zuvor hatte ich auf diese Frage hingewiesen, in einem Beitrag mit dem Titel „Die Bundeswehr hat überhaupt nichts und die französische Armee hat nur ein wenig von allem, der ebenfalls auf der Site von „GEOPRAGMA“ veröffentlicht wurde.

EJ: Was halten Sie von der Situation, in der 650.000 ukrainische Männer ihr Land verlassen haben, um nicht an die Front eingezogen zu werden? Ist es vernünftig, nun an ihrer Stelle die Möglichkeit zu erwägen, stattdessen NATO-Truppen zu entsenden?

JBP: Non! Das ist absoluter Quatsch!

EJ: Und was denken Sie über die „Friedenskonferenz“, die im Juni in der Schweiz stattfindet? Ist der Wunsch realistisch, Brasilien, China, Indien und Südafrika, also mit Russland die Gründungsmitglieder der BRICS-Organisation, auf die Seite des Westens zu ziehen, oder zeigt das nur, dass man immer noch nicht die Bedeutung dieser im Januar 2024 sogar erweiterten Organisation verstanden hat?

JBP: Man muss die BRICS-Organisation aus mehreren Gründen ernstnehmen, insbesondere, da bereits heute die industrielle Produktion der BRICS-Staaten über derjenigen der G7-Staaten liegt.

Ich glaube nicht an diese Konferenzen, da Putin direkt mit Selensky verhandeln will und nicht an mit dem Westen unterzeichnete und garantierte Verträge glaubt, vor allem seit er weiß, dass Minsk2 von Merkel und Hollande nur mit dem Ziel unterzeichnet wurde, Zeit zu gewinnen, um die Ukraine aufrüsten zu können.

Deutschland hat dabei den gleichen Verrat an einem Vertrag begangen wie beim deutsch-russischen Nichtangriffspakt während des II. Weltkriegs, der nur zum Ziel hatte, Hitler genug Zeit zu geben, um seinen Krieg im Westen zu gewinnen, bevor er auch im Juni 1941 Russland überfiel.

EJ: Was für einen Weg sehen Sie, um diesen Krieg zu stoppen? Der italienische Friedensplan wurde sofort von beiden Seiten abgelehnt, oder sollte man über den Ansatz des verstorbenen amerikanischen Ministers Henry Kissinger nachdenken, der Selensky aufgeforert hatte, „über einen zeitweisen Verzicht auf die von Russland besetzten Regionen“ nachzudenken?

JBP: Ich glaube eher an mein „koreanisches Szenario“.

Seit 76 Jahren schweigen die Waffen, obwohl es weder einen formellen Waffenstillstand oder Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea gibt. Beide Teile dieses Volks sind durch eine entmilitarisierte Zone von 10 km getrennt. Warum? Weil die USA und China einig sind, diesen Konflikt nicht länger zu unterstützen.

Herr General, vielen Dank für Ihre Antworten und Ihre Zeit!

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