Ein neuer Begriff in der Energie-Debatte: „Streckbetrieb“

Angesichts der zu erwartenden Energie-Verknappung zeichnet sich ab, dass zumindest das AKW Isar 2 länger als bis Jahresende am Netz bleiben soll. Im „Streckbetrieb“.

Aufgrund der Energie-Verknappung könnte die Laufzeit von Isar 2 vorübergehend verlängert werden. Foto: Bjoern Schwarz / Wikimedia Commons / CC-BY 2.0

(KL) – Die Energiekrise, die durch den Ukraine-Krieg und das russische Verhalten ausgelöst wurde, wird uns noch eine Weile beschäftigen. Die Politik läutet alle verfügbaren Alarmglocken für den kommenden Winter und auch, wenn es momentan heiß ist, muss man heute für die nächsten Monate vorplanen. Angesichts des Umstands, dass Russland bereits seine Gas-Lieferungen an mehr als zehn europäische Länder eingestellt hat, ist die Energie-Verknappung keine Option, sondern eine Realität, mit der man umgehen muss. Eine der Optionen ist eine Verlängerung der Laufzeit zumindest eines der drei in Deutschland verblieben AKWs, die eigentlich alle zum Jahresende abgeschaltet werden sollten. Nun zeichnet sich ab, dass zumindest der Betrieb von Isar 2 vorübergehend verlängert werden soll. Im „Streckbetrieb“.

Die Situation erfordert, möglichst ideologiefrei zu überlegen, wie man die Energie-Knappheit managen soll, in einer Übergangsphase, in der das Ziel sein muss, sich von der Abhängigkeit von russischen Energieträgern zu lösen. Dazu gehört eben auch die Frage, ob man die Laufzeiten der noch nicht abgeschalteten AKWs temporär verlängert. Auch, wenn damit das Energie-Problem noch lange nicht gelöst ist – die verbliebenen drei AKWs produzieren momentan nicht mehr als 6 % des Energieverbrauchs in Deutschland.

Also spricht man nun vom „Streckbetrieb“ – ein Begriff, der suggerieren soll, dass eine solche Verlängerung nicht etwa eine grundsätzliche Abkehr vom Atomausstieg bedeutet, sondern eine kurzzeitige Überbrückung des von Russland ausgelösten Energie-Notfalls.

Doch auch der „Steckbetrieb“ kann nur ein Teil einer europäischen Strategie sein, wobei die gemeinsame Beschaffung und Verteilung von Energie-Ressourcen zwischen den europäischen Partnern an nationalen Egoismen zu scheitern droht. Doch wird nun die Zeit knapp und die europäischen Partner werden Lösungen finden müssen. Denn Putin spielt mit seinem „Joker Energie“ und man muss damit rechnen, dass er diesen speziell zu Beginn und während des Winters einsetzen wird.

Erfreulich ist, dass diese Frage auch zwischen den Koalitionsparteien in Berlin weitgehend ideologiefrei diskutiert wird. Selbst die Parteioberen der Grünen führen diese Debatte ergebnisorientiert und das ist gut so. Doch die Frage des nächsten Winters muss europäisch geklärt werden, denn die EU sollte tunlichst vermeiden, dass Putin den europäischen Zusammenhalt aushebelt, womit er bereits begonnen hat. Die EU muss in der Ukraine-Krise mit einer Stimme sprechen und gemeinsam handeln – nationale Alleingänge haben ebenso wenig Aussicht auf Erfolg wie in der Pandemie. Hoffentlich ist das allen Spitzenpolitikern der EU-Mitgliedsstaaten auch klar.

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