Es lebe die ultrarepräsentative Demokratie!

Der Fehler im System sind ganz eindeutig wir - weil permanent Bürgerinnen und Bürger Politik und Kapital stören - dabei arbeiten die doch nur zu unserem Besten!

In der "ultrarepräsentativen Demokratie" könnten uns auch DIE hervorragend vertreten! Foto: Carsten Frenzl / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.0

(KL) – Da streiten wir uns über so dämliche Begriffe wie „direkte Demokratie“ oder „repräsentative Demokratie“ und sind alle zusammen auf dem Holzweg. Man muss sich nur einmal anschauen, wie unruhig es in der Gesellschaft ist – da wird gestreikt, demonstriert, diskutiert, als ob die Leute nichts Besseres zu tun hätten. Dabei ist doch die Rollenaufteilung ziemlich klar – Bürgerinnen und Bürger sind dazu da zu arbeiten und zu konsumieren, Kapital und Politik sind dafür da, den Rahmen zu schaffen, dass alles korrekt läuft. Was zwangsläufig zur Forderung nach einer „ultrarepräsentativen Demokratie“ führt. Wobei man den Begriff „Demokratie“ eigentlich auch streichen könnte, aber es klingt hübscher.

Entscheidungen sollten künftig nicht mehr öffentlich debattiert werden – getroffen werden sie ja auch hinter verschlossenen Türen, von Menschen, die man gar nicht kennt und die man nicht gewählt hat. Also ist das ganze Brimborium mit Wahlen, Parlamenten, Debatten eigentlich völlig überflüssig, kostet Zeit, Nerven und Ressourcen und bringt letztendlich eh nichts. Die Lösung für diese sinnlose Vergeudung wertvoller Konsum- und Arbeitszeit ist – die „ultrarepräsentative Demokratie“!

Es könnte so einfach sein – statt mühsam so genannte Volksvertreter zu wählen, könnte man ein Miniparlament einrichten, in dem nur 40 Entscheider sitzen – die Vorstandschefs der im DAX notierten Großunternehmen. Die wissen doch am besten, was das Land gerade braucht. Und da sie ja auch die größte Anzahl Arbeitnehmer vertreten, wären diese Leute folglich auch „ultrarepräsentativ“ – man stelle sich nur die Einsparungen vor, wenn keine Wahlkämpfe mehr geführt werden müssten, wenn wichtige und sinnvolle Entscheidungen nicht mehr mühsam von teuren Lobbyorganisationen herbeigeschmiert werden müssten, sondern wenn so sinnvolle Projekte wie ein unterirdischer Bahnhof in Stuttgart oder das Führen eines regionalen Kriegs nicht mehr von Pfeifen wie uns diskutiert werden müsste, sondern von denen entschiedenen werden, die davon richtig Ahnung haben – also Bauunternehmer, Waffenproduzenten, Industriemagnaten!

Das über eine so schlank aufgestellte Entscheidungsstruktur eingesparte Geld wiederum könnte in die Zerstreuung des Volks investiert werden. 300 TV-Kanäle dürften auch dem letzten Protesthansel die Lust nehmen, etwas anderes in seiner knappen Freizeit zu tun als in die Glotze zu starren. Und überhaupt, Freizeit! Statt teure Urlaubsreisen zu machen, könnte man die Berufsarmee in eine Art „Freizeit-Armee“ umwandeln, Nervenkitzel garantiert. „3 Wochen Rebellenschießen in der Ostukraine, mit Vollpension und einfacher Unterbringung“ – das wären doch Angebote zur sinnvollen Freizeitgestaltung! Oder „1 Woche Flüchtlinge-Fischen im Mittelmeer, all inclusive“ – da langweilt sich garantiert niemand mehr!

Und vor allem – so eine „ultrarepräsentative Demokratie“ wäre doch auch wesentlich ehrlicher. Im Grunde haben wir sie ja heute schon und die Entscheider müssen einen Heidenaufwand bringen, um uns immer wieder vorzugaukeln, dass wir mit den Dingen, die in der Welt passieren, irgendetwas zu tun hätten. So ein Quatsch!

Und warum dieses System noch den Terminus „Demokratie“ beinhaltet? Einfach – weil die Vorstandschefs der großen Unternehmen ja von ihren Vorständen gewählt werden – und das ist dann doch schon ganz schön demokratisch.

Die dann überflüssigen Protzbauten der politischen Macht könnten dann ebenfalls in den Kreislauf der Volksbelustigung eingebaut werden. So könnte der „Quatsch Comedy Club“ eine neue Heimat im Reichstag finden – das hätte doch was! Oder das Europäische Parlament in Straßburg – da würde es reichen, den Innenhof des Gebäudes Louise Weiss zu überdachen und die ausgezeichneten Straßburger Basketballer der SIG könnten dort vor 12000 Zuschauern spielen! Die ehemaligen Ministerien könnten in eine Art bewachte Wohnheime für die ewig Unzufriedenen umgebaut werden – dann wären die nämlich von der Straße weg und würden nicht permanent für Unruhe sorgen. Und wenn Sie bei diesem Vorschlag gleich an so hässliche Dinge wie „Lager“ oder Schlimmeres denken – ganz falsch! Man könnte für die dort internierten Nörgler Flipper, Videospiele und Billardtische installieren, was dann ja auch alle zufrieden stellen sollte.

Man sieht – die „ultrarepräsentative Demokratie“ bietet nur Vorteile. Und da ja jeder weiß, dass das große Kapital ohnehin zum Wohle der Menschen agiert (die Sozialverpflichtung von Besitz steht ja sogar im Grundgesetz!), müssten wir uns auch vor nichts fürchten. Die Fußball-Bundesliga würde es weiterhin geben, auch die Kinos und Kneipen würden nicht abgeschafft werden und Shopping in der Fußgängerzone wäre nicht nur weiterhin möglich, sondern geradezu eine Art Bürgerpflicht. Denn der Schornstein muss rauchen. Worauf warten wir also?

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