Fischerei-Streit rund um Jersey

London schickt Patrouillenboote in die Gewässer rund um Jersey, Frankreich droht damit, die Stromversorgung der Kanalinsel zu kappen und französische Fischer blockieren die Insel. Das klingt nach Ärger.

Die HMS Severn ist eines der britischen Patrouillenboote, die gerade rund um Jersey unterwegs sind. Foto: Tim Green from Bradford / Wikimedia Commons / CC-BY 2.0

(KL) – Die Kanalinseln Jersey, Guernsey und Sark liegen, wie der Name schon sagt, im Ärmelkanal, näher an der französischen Küste als an der englischen. Jahrzehnte lang zeichneten sich diese Inseln nicht nur als Steuerparadies aus, sondern auch als ein Ort, an dem sich die britische Kultur und die französische Lebensart auf einzigartige Weise miteinander vermischten. Doch die ruhigen Zeiten sind vorbei, rund um die Kanalinseln braut sich mächtiger Ärger zusammen. Denn die Briten denken gar nicht daran, die Klauseln des Brexit-Vertrags einzuhalten, die vorsehen, dass den französischen Fischern uneingeschränkter Zugang zu den dortigen Fanggründen gewährt wird. Und plötzlich lassen London und Paris die Muskeln spielen.

Großbritannien will von einem freien Zugang der französischen Fischer in das Seegebiet rund um die Kanalinseln nichts mehr wissen. Um dies deutlich zu machen, hat London Patrouillenboote in dieses Seegebiet geschickt, um zu verhindern, dass französische Fischer ihre Netze dort auswerfen, so, wie sie es immer schon getan haben. Die französischen Fischer haben ihrerseits den Hafen des Hauptorts Saint Helier blockiert und angesichts der britischen Militärboote hat auf Frankreich ein Patrouillenboot dorthin entsandt. Die militärische Bedrohung ziviler Fischfangschiffe ist ein ungeheuerlicher Vorgang, der zeigt, in welchem Geist die Briten ihren Brexit organisieren. Nicht etwa im Sinne einer harmonischen Zusammenarbeit, sondern mit einem Trump’schen „Britain first“. Aber ganz so einfach, wie sich Boris Johnson das vorstellt, wird es wohl nicht ablaufen. Die Antwort auf die militärischen Drohgebärden aus London ließ nicht lange auf sich warten.

Annick Girardin, die französische Ministerin für maritime Angelegenheiten, erinnerte daran, dass die Stromversorgung der größten Kanalinsel Jersey zu 95 % per Unterwasserkabel von Frankreich aus erfolgt. Sollte London nicht einlenken, droht nun die Ministerin damit, Jersey den Strom abzuschalten, was für die Insel eine Katastrophe wäre, da das Steuerparadies Jersey auf eine funktionierende IT-Struktur angewiesen ist. „Es wäre bedauerlich, wenn wir es tun müssten“, sagte die Ministerin, „aber wenn es sein müsste, werden wir es tun.“

Das Ganze passiert zu einem Zeitpunkt, zu dem Boris Johnson innenpolitisch stark angeschlagen ist. Nicht nur seine persönlichen Skandale dürften ihn momentan belasten, sondern auch die aktuellen Wahlen in Schottland, die, je nach Ausgang, bereits das nächste Referendum über die schottische Unabhängigkeit einläuten könnten. Da kommt eine solche „Ablenkung“ wie ein Fischereistreit gerade zum richtigen Zeitpunkt.

Festzuhalten bleibt, dass Großbritannien nur wenige Tage nach der endgültigen Verabschiedung des Brexit-Vertrags diesen bereits nicht mehr einhält. Wir werden uns wohl an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Großbritannien kein zuverlässiger Partner für die EU mehr ist und nachdem die EU den Briten, die viereinhalb Jahre lang nicht in der Lage waren zu erklären, was sie mit ihrem Brexit eigentlich beabsichtigen, jede Menge goldene Brücken gebaut hatte, ist nun der Zeitpunkt gekommen, den Briten deutlich zu machen, dass es so nicht geht.

Die militärische Bedrohung ziviler Schiffe durch die britische Marine ist nicht hinzunehmen. Die einzige Antwort der EU auf diesen Zwischenfall kann eigentlich nur in scharfen Sanktionen bestehen, denn es kann nicht sein, dass die nationalistischen Fanatiker rund um Boris Johnson die EU am Nasenring durch die Manege führen.

Mitten hinein in eine ohnehin schon große Anspannung aufgrund der Pandemie meint London, jetzt auch noch einen Fischereikonflikt lostreten zu müssen. Die Idee, Jersey den Strom abzudrehen, könnte ziemlich wirkungsvoll sein. Nicht auf die britischen Provokationen zu reagieren, wäre allerdings ein diplomatischer Fehler. Aber hatten nicht alle ein solches Verhalten der Briten kommen sehen? Was, bitteschön, hat man in Brüssel erwartet, als der Brexit beschlossen wurde? Dass sich die Briten weiter als „gute Europäer“ verhalten werden? Das sie genau das nicht vorhaben, das erkennt man gerade rund um Jersey…

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