Generation der Versager (1)*

Am vergangenen Wochenende wurde auch in Straßburg demonstriert: für das Klima. Oder besser: gegen seinen angenommenen zukünftigen Zustand. Am Freitag waren zunächst die Schüler unter sich, am Samstag waren wir dann mit von der Partie. Wir, die Versager.

Keine Ruhe im Karton: "Ich will Glück auf Erden!" - und zwar jetzt... Foto: MM / Eurojournalist(e) / CC-BY-SA 4.0int

(Michael Magercord) – Ich schreibe diesen Text über den Klimawandel und die Kundgebungen dagegen, dafür verbraucht mein Laptop Strom, und die Internetnutzer, die das jetzt – hoffentlich – lesen, haben mit jedem ihrer Klicks, die sie zu dieser Webseite brachte, die Energie gebraucht, die all die Server auf Island verbrutzeln, wo es im Winter auch nicht mehr so richtig schneit.

Halt! Jetzt sich nicht einfach davonklicken! Das kostete nur noch mehr Energie. Wo Sie schon mal hier sind, können Sie mein Geständnis lesen, denn ja: Ich bin ein Versager! Also nicht ich, sondern meine ganze Generation – wobei ich lieber von Alterskohorte spreche. Eine Generation sind wir ja alle, die sich gerade diesen einen Planeten teilen, egal wie alt. Nur mir ist das nicht egal.

Denn ich war letzten Samstag auf einer Demonstration, fast wie früher zu den Zeiten meiner Alterskohorte. Selbst das Thema ist ein gutes altes: Klimawandel. Ein „marche pour le climat“ zog durch Straßburg, nur einen Tag nach den Freitagsprotesten von fünftausend Schülern nochmal soviele Menschen nun aller Altersstufen. Auch meiner. Dabei waren auch ein paar richtig Alte, die jetzt noch mit Schildern herumrennen: „Es wird Zeit“. Denen kann ich ja sogar hinterherrufen: Zeit ist es seit bald fünfzig Jahren, als der Club of Rome 1972 seine Studie „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht hatte und sich dann niemand mehr vor der Erkenntnis drücken konnte, wohin unsere industrielle Lebensweise führen würde.

Das wäre’s aber auch schon mit der Gnade der späteren Geburt, denn im Grunde ist mein Fall noch erbärmlicher gelagert: Ich gehöre nämlich zur ersten Altersgruppe, der das alles schon bewusst war; die in ihrer Jugend ähnlich wie die Schüler heute schon demonstriert hatte, als es noch nicht Klima hieß, sondern sich noch „Umwelt“ nannte. Wir waren alarmiert vom Waldsterben und vom Ozonloch, und es ging gegen die Atomkraft, diese Technologie, in dessen endlos strahlendem Müll sich das industrielle Wohlstandprinzip der verbrannten Erde geradezu inkarniert.

Und ja, es gibt seither sogar ein paar Erfolge zu verzeichnen: Das „Treibhausgas“ FCKW wurden verboten und das Ozonloch immerhin notdürftig gestopft. Und wenigstens in Deutschland ist bald Schluss mit der Atomkraft, Windräder stehen heute allenthalben in der Landschaft. Alles also gut? Natürlich nicht. Das industrielle Wohlstandsprinzip regiert weiterhin: nur Mehr ist mehr. Wir redeten damals von einem Verkehrssystem ohne Autos und jetzt gilt es schon als öko, wenn es mit von Lithium betriebenen E-Autos munter weitergehen wird wie zuvor: mit massenhaften individuellen Verkehrsmitteln, Flächenverbrauch für Fahrwege und Stellplätze inklusive.

Ja, wir haben uns einlullen lassen. Anfangs konnten wir gefügig gehalten werden mit der Drohung von der vermeintlichen Chancenlosigkeit, der wir uns als geburtenstarke Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sahen, dann schlug der sogenannte Wohlstand zu – und Billigfliegen ist ja auch nicht übel… So leben wir in einer Gesellschaft, in der selbst wir Älteren sagen: „Ich will noch was erleben!“, und wo die Jungen schon das Echo vernehmen dürfen: „Ihr werdet noch was erleben!“ – und das alles, weil wir es nicht hinbekommen, allesamt ein wenig bescheidener durchs Leben zu gehen und dazu auch einmal etwas zu unterlassen, was noch möglich wäre.

Warum? Weil unser Ansatz zu groß und zu klein in Einem war, um die nötige Kraft für eine wirkliche Veränderung zu entfachen. Mit uns gescheitert ist – und diese Erkenntnis lässt mich über mich selber frösteln – die Verantwortungsethik. Die Verantwortung gegenüber einer  Zukunft hat schon immer die Zukunft oft noch düsterer werden lassen, als die Gegenwart schon war. Der Ursprungssatz allen Übels heißt: Unseren Kindern soll es einmal besser gehen. Woher will ausgerechnet ich heute wissen, was einmal gut für die Kinder sein wird, die in einer völlig anderen Welt leben werden? Und noch abstruser ist es, wenn ich meine, für zukünftige Generationen kämpfen zu müssen, für Menschen also, die ich nicht einmal mehr kennenlernen werde – das ist pure Moral-Science-Fiction.

Geführt hat sie zu einem seltsamen, fast schon religiösen Umgang mit dem Wachstums- und Wohlstandsprinzip. Um wenigstens die übelsten Auswüchse ein klein bisschen einzudämmen, rufen wir nun Juchtenkäfer und Feldhamster zu Hilfe. Wir selber schaffen es nicht mehr, unsere Tätigkeiten zu beschränken, das Getier muss uns das Elfte Gebot erteilen: Du darfst nicht deine ganze Landschaft zu betonieren! Früher war es ein Gott, der den Menschen aus einem fernen Himmel ein paar Regeln zu einem friedlicheren Zusammenleben in die Hand gab, nun speisen wir unser Verantwortungsgefühl aus vermeintlichen Rufen aus der Natur und dem Jenseits der Moderne, der Zukunft. Ganz schön erbärmlich, dass es unsere Gesellschaft nicht aus sich heraus schafft, sich zu beschränken.

Ich bin trotzdem bei der Demonstration am letzten Samstag mitgegangen. Irgendwie treibt mich ein diffuses Gefühl des Etwas-Tun-Müssens da immer wieder hin, und klar, auch dieser „Marsch für das Klima“ stand wieder unter dem Motto: Eure Kinder werden es euch danken. Wofür bloß? Für die drei Stunden durch die Stadt zu laufen unter sonnigen, klimagewandelten Wetterbedingungen? Das können sie selber, und machen das jetzt auch jeden Freitag. Wie es auf so einer Schülerdemo zugeht, weiß ich allerdings nicht, denn daran nähme ich niemals teil. Das bleibt mal schön deren Sache, oder soll das denn etwa auch so enden wie bei uns?

Ich war kurzzeitig Lehrer und könnte natürlich nun klagen über die wild gewordenen Teenager dieser ersten komplett vor Bildschirmen groß gewordenen Alterskohorte. Viel bedrückender aber war die negative Vision von ihrer Zukunft, die diese jungen Menschen hegen. No future – das kannten wir auch schon, und trotzdem ist für sie alles anders, die technischen Herausfoderungen genauso wie die globalen Bedingungen. Einen Rat hat man nicht mehr parat. Ich könnte natürlich trotzdem loslegen: Lasst euch nicht von so einem Scheinproblem wie Arbeitslosigkeit einlullen; und ja: Schulstreik ist der richtige Ansatz, denn das Bildungssystem, das nur willige Arbeitskräfte und Konsumenten heranzüchten soll, ist ein Teil des Problems; lasst euch bloß nicht von den Falschen auf die Schulter klopfen, gut, dass so manche Politiker sich selbst zum Gegenbild aufbauen, indem sie euch zu Schulschwänzern degradieren; und sich jetzt bloß keinen Nobelpreis um den Hals hängen und damit wieder vom System der Belobigung vereinnahmen lassen!

Aber all das werde ich den Schülern nicht sagen, nicht einmal, dass die Verantwortungsübernahme für das Überleben von Kleingetier und Zustände in fernen Sternzeitaltern nichts ändert, selbst wenn mir das mittlerweile glasklar erscheint. Aber klar nennt man ja sowieso immer nur die Ideen, die dasselbe Maß an Verwirrung haben, wie sein eigener Geist. Und der ist verwirrt, keine Frage, und doch ist er auch wieder klar. Denn da noch etwas auf der Klimamarsch am Samstag. Da haben nämlich ein paar junge Leute etwas Ungeheuerliches kundgetan. Etwas besonders Kraftvolles haben sie ins Spiel gebracht, etwas, das vielleicht doch eine Wirkung haben wird: Als sie von Natur, Umwelt und vom Klimaschutz sprachen, haben sie „Ich“ gesagt. Sie haben gesagt „Ich will“. Daraus könnte etwas noch Ungeheuerlicheres erwachsen: „Ich will nicht“. Und daraus mag sich schließlich etwas ableiten, was alles Gegenwärtige auf Kopf stellen würde: „Ich will nicht mehr!“

Veranstaltungshinweis: „Welche Luft atme ich in Straßburg?“ – das kann man heute abend auf einer gleichnamigen Konferenz von Wissenschaftlern erfahren (auf Französisch):
DO 21. März, 19.00 Uhr im Anticafe, 1 rue de la Division Leclerc, Strasbourg

Weitere Infos finden Sie hier: https://strasbourg-go.com/

*Dieser Artikel wird fortgesetzt, bei der nächsten Demo, und die kommt bestimmt…

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