Gut und Gerne – George und das Ritz

Für die 20. Ausgabe seiner Nicht-nur-Gastro-Kritik ist Mats Meeussen einmal quer durch die Schweiz gefahren. Und das hat sich richtig gelohnt – Lichtblicke in Coronazeiten...

Tolle Aussicht, gutes Essen, leckere Tropfen - ein Hoch auf die Schweizer Zug-Gastronomie! Foto: Mats Meeussen / CC-BY-SA 4.0int

(Von Mats Meeussen) – Meinen ersten Beitrag der „Gut und Gerne”-Kolumne begann ich mit einem Bekenntnis: Ja, ich bin ein großer Freund des Bordrestaurants der Deutschen Bahn. Heute lesen Sie die 20. Ausgabe. Und deshalb geht es heute zurück ins Bordrestaurant, aber in jenes der Schweizer Bahn. Das passt einerseits zur Jubiläumsausgabe. Und andererseits hat es eine weitere Doppelfunktion: Falls der Urlaub für Sie vorbei ist und eine Dienstreise ansteht, machen Sie es sich schön; falls Sie noch nicht Urlaub waren, ziehen Sie nach – beides im Zugrestaurant.

Neulich stieg ich in Biel um, auf dem Weg nach Genf. Es war schrecklich heiß, 15 Uhr vorbei und mein Frühstück meine letzte Mahlzeit. Also schaute ich, wo der Wagen mit dem Restaurant halten würde. Ich glaube, es war beim Buchstaben D. Egal, jedenfalls hielt der Zug wie er sollte und ich stieg in den von mir auserkorenen Wagen.

Wie groß war meine Überraschung, als ich mich dort willkommen geheißen fühlte wie in einer Bar eines Pariser Luxushotels, irgendwas, sagen wir, knapp hinter Ritz-Standards.

Der Bordchef, ein Herr mittleren Alters und – soweit seine Maske eine solche Einschätzung ermöglichen konnte – von George-Clooney-hafter Eleganz, stand in der Mitte des Gangs und begrüßte die Frischzugestiegenen mit einer solchen Freundlichkeit, dass sein Lächeln auch unter Maske sichtbar wurde. Auf Deutsch und Französisch. Welchen Platz er einem denn anbieten dürfe?

Eine gewandte Art, mit dem Sicherheitskonzept der Bahn umzugehen, um zu verhindern, dass sich Gäste durch selbständiges Hinsetzen zu nahe kommen – kein penibler Hinweis, sondern lässig in einen Extraservice gewandelt.

Schon in anderen Artikeln hatte ich es davon, dass ein Restaurant nicht nur für gutes Essen da ist, sondern auch für das Eintauchen in besondere Atmosphären. Der Schlüssel lag hier im Service. Aber nicht nur. In Bordrestaurants der Schweizerbahn stehen frei bewegliche Stühle, in dem Zug, mit dem ich fuhr, mit feinem Sattelleder bespannt, in die man sich angenehm fläzen kann, während man sich etwa an einem wohlausgesuchten Fendant oder St. Galler Bier kühlt. Oder mit einem Glas Rivella glücklicher Kindheitserinnerungen frönt.

Dabei ziehen dann auf dem Weg von Biel nach Genf gleich drei Seen an einem vorbei: Bieler See, Lac de Neuchâtel, Lac Léman, zwischen dem Zug und dem See teils nur ein paar Meter, teils Reben, teils Obstplantagen, Burgen, Villen. Schweift der Blick über die Seen: Berge, Alpen, zum Abschluss der verschneite Mont-Blanc.

Klingt nach luxuriösem Reisen? Orient-Express oder so? Nun ja.

Das Kreuzen der Schweiz von Basel nach Genf kostete rund 30 Euro, mit vier Tage vorher gebuchtem Sparpreis. Das Essen und Trinken ist im Schweizer Zug schon auf höherem Niveau als in Deutschland und auf der halben Strecke Basel-Genf kann man ohne Mühe weitere 30 Euro im Bordrestaurant lassen. Schauen Sie mal in die Karte! Wie die Einrichtung präsentieren sich auch die Gaumenfreuden recht wertig, fürs Auge, aber auch auf dem Gaumen. Und vom Apréro bis zum Kaffee, der zum Beispiel wie aus einem echten Schweizer Café schmeckt.

Gerechterweise: so einen passionierten Bordchef habe ich bisher noch nie erlebt, auch in der Schweiz nicht. Ich wünsche ihn Ihnen inständig, kann ihn aber nicht garantieren. Es dürfte aber auch ohne ihn immer noch recht erfreulich werden.

P.S.: A propos Bordchef: Beim Bezahlen sagte ich ihm, wie umwerfend der Service war. Neugierig fragte ich ihn, ob er aus der Spitzengastronomie käme. Er war Quereinsteiger und der Umstieg mitten im Leben sicher nicht in der ursprünglichen Lebensplanung aufgespurt. Einen Applaus mehr.

P.P.S.: Sollten Sie nachts reisen und nicht die Sicht auf die Seen genießen können, packen Sie ein gutes Buch ein. Wenn es etwas aus der Schweiz sein soll, empfehle ich Eigermönchundjungfrau von Alex Capus aus dem für seinen Bahnhof bekannten Olten. Kurzgeschichten über die großen Fragen im Leben, tiefsinnig; und ich habe trotzdem heftigst gelacht. Wenn Sie ihn mal kennenlernen wollen, er schenkt aus in der Galicia Bar.

P.P.P.S.: Sie fahren doch nicht so bald mit der Schweizer Bahn? Dann ab in das Restaurant „Les Secrets des Grands Express” in Geispolsheim bei Straßburg. Gehobene Küche in einem stillgelegten Restaurantwagen des Orient Express aus dem Jahr 1928.

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