„Hey, Abschaum!“ – Mordsfrauen im Knast

Mordsfrauen. Foto: PUCK

Das Schicksal des Uli Hoeneß hat die Republik wachgerüttelt: Es gibt Gefängnisse im Land! Und Jeder, aber wirklich Jeder kann da reinkommen, wenn er Mist baut. Jetzt sind die Medien voll mit Reportagen über unsere Justizvollzugsanstalten, wie es darin aussieht, was es zu essen gibt, welche Farbe die Tapeten haben – alles wird unter die Lupe genommen, denn wir ahnen es: In uns allen steckt ein kleiner Hoeneß, der irgendwann zum Vorschein kommen könnte und rufen: „Kuckuck, da bin ich!“

Auch der Kolumnist des euroJournals erhielt Weisung, sich in einem Knast seines Vetrauens umzuschauen und Einblicke zu vermitteln. Zum Gefängnis meiner Wahl bestimmte ich vorsichtshalber einen Ort mit größtmöglichem Rückkehrfaktor: Der Keller des E-Werks in Freiburg schien mir gerade richtig. Hier hocken zu wechselnden Spielzeiten fünf weibliche Häftlinge des Theaterensembles PUCK in einem selbstgebauten Knast und lodern vor sich hin. Das Publikum ist Zeuge des Vollzugs und erhält Einblicke in die Psyche derer, die sich zwangsweise mit unerwünschten Lebenslagen herumschlagen müssen.

Die 40 Jahre junge Theaterautorin Corina Rues-Benz aus Gottmadingen setzt ihre fünf „Mordsfrauen“ in einem plötzlich als doppeldeutig gebrandmarkten ‚Aufenthaltsraum‘ im Inneren eines Gefängnisses aus. Natürlich gibt es kein Entrinnen, und sogar das Publikum darf im Shakespeare’schen Sinne vor und hinter Gittern gesiebte Luft ein- und ausatmen, denn die Bühne ist mit vertikalen Stäben vom Zuschauerraum abgetrennt. Das Setting erinnert an das 1978 in London uraufgeführte Theaterstück “Klassen Feind” des Engländers Nigel Williams, in dem sechs Schüler in einem – wenngleich von innen – verriegelten Klassenzimmer ohne Lehrer eigene Beschäftigungstherapien und Psychosen entwickeln.

Der selbsternannte Leitwolf Iron, in der deutschen Fassung Fetzer, heißt in Rues-Benz‘ Stück Margot (gespielt von Juliane Flurer). Die junge Frau ist Metzgerin, sie selbst nennt sich „Innereienzerlegungskünstlerin“ oder „DJ Schlachtraum“, und hat im Knast die Latzhosen an. Uschi (Ilona Brandenburg), Paula (Giulia Doreen Artemann), Erika (Jana Skoloski) und Fernande (Julia Binneweiß) sind zunächst die Schafe im Zwangskollektiv und werden von Margot in die Ecken gebissen. Die Zellen sind den jungen Frauen aus dubiosen Gründen verschlossen; im Aufenthaltsraum lässt sich kein Wärter blicken.

Und jetzt geht’s ab. Denn Langeweile – und hier ähneln sich die Stücke „Klassen Feind“ und „Mordsfrauen“ am meisten – ist eine mächtige Triebfeder. Oder, wie es eine Protagonistin vermerkt: „Gedanken bei sich zu behalten schadet der Psychohygiene.“ Und so fängt die „Erinnerungskacke“ an zu dampfen. Dabei ist es egal, ob der missliebigen Schwester ein Föhn in die Badewanne geworfen wurde, ein Pfarrer mit einer Statue erschlagen oder der Chef durch den Fleischwolf gedreht wurde – gemordet haben alle Fünf. Und sie erzählen es sich, weil etwas sie eint: „Abführmittel oder Arsen – derselbe Hintergedanke.“

Das Hauptproblem im Gefängnisalltag scheint derweil ein latenter Lakritzschneckenmangel zu sein, wobei sich die Insassinnen selbst als Schnecken bezeichnen. Das erscheint schlüssig, denn langsamer als hier kann man nicht leben. Eine beliebte Anrede im Frauenknast ist auch das zynische „Hej, Abschaum!“ Lustvoll hauen sich die fünf Freiburger Schauspielschülerinnen der Abschlussklasse im siebten Semester den Gefängnisslang um die Ohren. Der Besucher ahnt, was Uli Hoeneß erwartet.

„Hast du noch irgendwelche Einwände bezüglich meines Sozialverhaltens“ schnauzt Margot aggressiv im Theater hinter Gittern und verrät, ganz Metzgertochter, ihren größten Wunsch: Sie möchte am liebsten „Leberwurst Deluxe bis zum Nordpol exportieren“. Auch dies ein künftiger Erfahrungswert für den Metzgersohn Uli Hoeneß? Die rothaarige Paula setzt dem entgegen, wie gerne sie im Supermarkt „am Weichspüler riechen“ würde. An diesem Ort der dämmernden Seelen bleiben Träume der einzige Trost.

Daneben fahnden die Fünf mit ihren räumlich und kommunikativ beschränkten Mitteln nach den Gründen für das Ausgesperrtsein aus den Zellen. Ein gerüchteweiser Wasserrohrbruch scheint immer weniger plausibel; die Frauen schwanken in ihren Mutmaßungen zwischen einem Betriebsausflug der Wärter “zum Wassertreten nach Bad Wörrishofen” und einem Stelldichein des Gefängnismitarbeiters Brickmann mit einer ominösen Rosa-Lippenstift-Frau in einer der nun leerstehenden Zellen.

Immer wieder aber feinden sich die Fünf untereinander an. „Es gibt keine Freunde in dieser Galaxie – die gibt es nur bei Rosamunde Pilcher“, lautet eine Erkenntnis. Und immer wieder jammert die fromme Fernande: „Mir erschließt sich das nicht“, und: „Es war Alles ganz anders“. Das scheinen zwei zentrale Gedankenprobleme im Knast zu sein, der sich seinen Insassinnen als „Point of no return“ unaufhaltsam in den Kopf frisst. Doch es geht immer noch schlimmer, und sei es gerüchteweise, zum Beispiel durch eine Verlegung in die “JVA Ripfelhofen”, wo es gilt, „verkalkte Duschköpfe mit dem Zahnstocher freizubohren.“

Zum Abgesang schleimt ein hörbar verunsicherter Minister beim politischen Knastbesuch über die Sprechanlage in den Aufenthaltsraum: „Guten Abend liebe Strafgefangene”, und endet mit: “In diesem Sinne: Weiter so!“ Eine Aufforderung von zweifelhaftem Charakter, der die fünf jungen Schauspielerinnen gleichwohl nachkommen: Weitere Vorstellungen gibt es am 21., 22., 28. und 29. März, sowie am 4., 5., 11. und 12. April, jeweils um 20 Uhr.

“Mordsfrauen”, Regie: Nuscha Nistor, Kammerspiele im E-Werk (KIEW), Kellertreppe an der Parkplatzseite. Weitere Infos: Theaterensemble PUCK.

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