Nichts dazugelernt

Am 11. November 1918 unterzeichneten deutsche Unterhändler im Wald bei Compiègne den Waffenstillstand, der faktisch den I. Weltkrieg beendete. Dazugelernt hat die Welt seitdem nichts.

Am 11. November 1918 dachte die Welt, dass die Zeit der grossen Kriege vorbei sei. Was für ein Irrtum. Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1982-089-18 / Unknown Author / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0de

(KL) – Was ist das heute nur für ein Feiertag! Seit vielen Jahren feiert die Welt den 11. November als den Tag, an dem der I. Weltkrieg endete. Ein Jubeltag! Nie wieder Krieg, so versprachen sich die Menschen seitdem, obwohl man natürlich wusste, dass nach dem I. Weltkrieg von 1914 – 1918 auch noch ein zweiter folgte, von 1939 bis 1945. Doch wie will man ernsthaft im Jahr 2023 einen Tag begehen, der unter dem Motto „Nie wieder Krieg!“ steht?

Technisch gesehen endete der I. Weltkrieg erst im folgenden Jahr, am 28. Juni 1919, mit dem Versailler Vertrag, doch das störte am 11. November 1918 niemanden. Der eigentlich für 36 Tage geltende Waffenstillstand, der in einem Zugwaggon im Wald bei Compiègne in Nordfrankreich unterzeichnet wurde, beendete die Kämpfe, die zum Glück danach auch nicht mehr ausbrachen. Dere Krieg war vorbei, nachdem er rund 20 Millionen Menschenleben gekostet hatte.

Doch was ist seitdem aus „Nie wieder Krieg!“ geworden? Leider nichts – heute spricht der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius davon, die Bundeswehr „kriegsfähig“ aufzustellen, wir sind dabei, sämtliche Weltgleichgewichte für den Krieg in der Ukraine zu opfern, es herrscht Krieg in Israel und an vielen anderen Orten der Welt und das macht aus dem 11. November fast schon einen heuchlerischen Feiertag. Denn ganz offensichtlich wollen die Mächtiger der Welt Kriege führen, denn diese sind ein wunderbares Geschäftsmodell für eine Handvoll Unternehmer, die an jedem Krieg prächtig verdienen.

Was den Mächtigen der Welt heute Sorgen macht, sind nicht etwa die Kriege, in denen erneut die Jugend und Zivilbevölkerung der direkt betroffenen Länder stirbt, sondern die „Kriegsmüdigkeit“ in der Bevölkerung, die als Gefahr betrachtet wird. Denn man erwartet von uns, dass wir uns für diese Kriege, für dieses Töten und Sterben, auch noch begeistern.

Doch mit welchen Parolen will man den heutigen „Feiertag“ begehen? „Nie wieder Krieg!“ kann man getrost vergessen, denn wir leben im Jahr 2023 wieder im Krieg. Anders als 1918 will heute auch niemand verhandeln, der Begriff „Frieden“ ist zu einem Schimpfwort geworden und auf allen Seiten ist man gewillt, bis zum bitteren Ende zu gehen. Das bittere Ende wird die Eskalation in den III. Weltkrieg sein, mit hochmodernen Waffensystemen und einer nuklearen Bedrohung, die das Potential hat, das Leben auf diesem Planeten ernsthaft zu gefährden.

Lange Jahre dachte man, dass die Millionen Toten der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts dazu ermahnen, den Wahnsinn des Kriegs hinter sich zu lassen. Doch sind diese Millionen junger Menschen und Zivilisten umsonst gestorben. Ihr Leiden und ihr Tod haben nicht etwa dazu geführt, dass die Menschheit innehält und sich für den Frieden engagiert, sondern dazu, dass wir heute unsere Armeen wieder in „Kriegsbereitschaft“ versetzen und sämtliche zur Verfügung stehenden Mittel dafür einsetzen, uns gegenseitig umzubringen.

Das Einzige, was ein wenig Mut macht, ist dass am Ende des I. Weltkriegs die Menschen für einen kurzen Moment erwachten und ihre verbrecherischen Regierungen stürzten – 1918/19 waren Jahre der Revolution und der Emanzipation, kurze Jahre, in denen man glaubte, dass es möglich sei, die Welt gerechter und friedlicher zu machen. Doch das war ein Irrtum, wie man in den Folgejahren und bis heute unschwer erkennt.

Was also fängt man mit so einem „Feiertag“ an? Vielleicht sollte man sich lediglich daran erinnern, wie diese Kriege beginnen, damit man eines Tages lernt, solche Entwicklungen zu verhindern. Doch muss man sich die Frage stellen, ob es dafür nicht schon viel zu spät ist und ob es nicht in der Genetik des Menschen liegt, sich gegenseitig umzubringen.

Ja, der 11. November 1918 war eigentlich ein guter Tag, denn er beendete das Töten und Sterben von Millionen von Menschen. Doch ist es kein Datum zum Feiern, denn heute, im Jahr 2023, geht das brutale Töten und Sterben weiter. Und wir alle taumeln weiter hinter den verbrecherischen Führern hinterher, die uns erzählen, dass diese Kriege „alternativlos“ sind. Und solange wir diesen Führern hinterherlaufen, wird sich auch nichts ändern. Wahrlich kein Grund zum Feiern…

1 Kommentar zu Nichts dazugelernt

  1. Mir ist kein westlicher Politiker bekannt, der von uns erwartet, dass wir uns für Kriege, Töten und Sterben begeistern. Und übrigens, Die Bundeswehr kriegsfähig aufzustellen ist Sinn und Zweck einer jeden Armee.: Dies gehört schlicht und einfach zur Kernfunktion der Abschreckung. Wenn die Kriegsfähigkeit nicht vorhanden ist, dann sind tatsächlich die Milliarden, die für Verteidigungszwecke vergeben werden völlig sinnlos.

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