Nichts kann den Fortschritt aufhalten…

… aber nicht alles ist „Fortschritt“, was als „Fortschritt“ verkauft wird. Häufig sind die „Fortschritte“ nur ein weiterer Schritt hinein in digitale Abhängigkeiten.

Langsam müssen wir uns vom Konzept der Kassiererin im Supermarkt verabschieden. Foto: eurojournalist(e) / CC-BY 2.0

(KL) – In Frankreichs Städten sind viele Lebensmittelgeschäfte am Sonntagvormittag geöffnet, was praktisch ist, wenn man mal etwas beim Einkaufen vergessen hat. Aber gleichzeitig wird in diesen Geschäften auch der „personalfreie Supermarkt“ trainiert. Und ob das wirklich eine so tolle Entwicklung ist?

Sonntagmorgen, ein Liter Milch, 4 Yoghurts, ein Baguette. Nichts besonderes. Es ist noch früh, nicht viele Kunden im Supermarkt. Aber – keine Kasse ist geöffnet. Ein junger Mann in der Uniform des Supermarkts winkt mich gelangweilt in den Bereich der automatischen Kassen. Genau dorthin, wo ich aus Prinzip nicht hingehe. Stattdessen stehe ich lieber in der Schlange an der Kasse, denn die automatischen Kassen sind einerseits ein Jobkiller und andererseits ein weiteres Element in der Gefügigmachung der Verbraucher. Aber es ist keine Kasse geöffnet.

„Machen Sie keine Kasse auf?“ – „Alle automatischen Kassen sind geöffnet, Monsieur“, antwortet der Supermarktmitarbeiter, sichtlich irritiert von meiner Frage nach einer von einem Menschen besetzten Kasse. „Aber ich möchte nicht an eine automatische Kasse“, antworte ich, „die Dinger werden Sie alle Ihre Jobs kosten!“ – „Wenn Sie die Kassen nicht benutzen wollen, ist das Ihr Problem“, entgegnet der inzwischen genervte Mitarbeiter.

So ist es. Wenn ich meine Einkäufe aus dem Supermarkt herausbringen möchte, muss ich eine automatische Kasse nutzen, ansonsten kann ich nicht einkaufen. So lange man wählen konnte, ob man die SB-Kasse oder eine „normale“ Kasse nutzen will, ging das noch. Doch jetzt wird hier der vollautomatische Supermarkt getestet, in dem die Kunden teilweise die Aufgaben der Mitarbeiter übernehmen müssen, die nach und nach entlassen werden können.

Selbst das Bezahlen mit Bargeld ist schwierig. Nur ein paar Kassen akzeptieren überhaupt noch Bargeld, und an diesen Kassen wird man ständig am Bildschirm aufgefordert, sich doch eine digitale Kundenkarte zuzulegen. Für ein paar Cent Rabatte legen die Supermarktketten komplette Kundenprofile an, können Werbung individuell gestalten und bekommen den transparenten Kunden.

Ein Fortschritt ist das allemal. Für die Supermarktketten, die mit modernen Technologien ihre Gewinne maximieren, Mitarbeiter entlassen können und ihre Kundschaft voll im Griff haben. Für die Mitarbeiter sind diese Systeme der Weg in die Arbeitslosigkeit, für die Verbraucher inzwischen fast schon ein Zwang, sich digital auf seinen Konsum scannen zu lassen.

KI, digitale Vollüberwachung, eine Welt voller Probleme – auch dieses Stück vermeintliche Bequemlichkeit wird teuer erkauft werden. Doch auf der schiefen Ebene, auf der sich die Gesellschaft befindet, hält niemand mehr solche Entwwicklungen auf. Nur – um „Fortschritt“ handelt es sich wirklich nicht.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*



Copyright © Eurojournaliste