Spielerisch forschen

Die IHK Südlicher Oberrhein unterstützt das „Haus der kleinen Forscher“ - zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses.

Die fünfjährige Ella und ihre dreijährige Schwester Mara lassen aus durchsichtigen Plastikbeuteln Winddrachen werden. Foto: IHK
(NB) – Die gemeinnützige Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ engagiert sich seit 2006 für eine bessere Bildung von Mädchen und Jungen im Kita- und Grundschulalter in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Netzwerkpartner im Südwesten Baden-Württembergs ist die IHK Südlicher Oberrhein. Zum zehnten Geburtstag vom „Haus der kleinen Forscher“ zeigt der Blick in die evangelischen Kindergärten in Kehl-Bodersweier und Herbolzheim sowie in das Kinder- und Bildungszentrum in Umkirch, wie das Projekt in der Praxis umgesetzt wird.

Im Turnraum der Kita in Kehl-Bodersweier sitzt ein halbes Dutzend Kinder in roten Gummikitteln um einen Tisch. Auf dem Tisch gelbe, grüne, rote und blaue Farbschalen, die Farben darin ziemlich verwässert. Mit einem Pinsel klecksen die Vier- bis Fünfjährigen die Farbe auf ein weißes Blatt Papier, um sie dann mit einem Strohhalm zu langgezogenen Farbrinnsalen quer über das Blatt zu pusten. „Damit erledigen wir gleich drei Dinge auf einmal“, sagt Kita-Leiterin Martina Zaum-Hoffmann. „Durch das Experiment lernen die Kinder erstens, dass Luft Wasser bewegen kann und zweitens, welche neuen Farbtöne entstehen, wenn verschiedene Farben gemischt werden. Und drittens haben wir am Ende wunderschöne Einladungen für unser Sommerfest.“

Seit sieben Jahren besuchen die Fachkräfte der Einrichtung die Fortbildungen, die die IHK Südlicher Oberrhein als lokaler Netzwerkpartner vom „Haus der kleinen Forscher“ anbietet. „Einmal sind wir schon zertifiziert, die zweite Zertifizierung erfolgt noch diesen Sommer“, berichtet Zaum-Hoffmann. Neben den angeleiteten Experimenten haben die Mädchen und Jungen die Möglichkeit, im speziell eingerichteten Forscherzimmer selbst zu forschen. Sogar in der Krippe, in der die Ein- bis Dreijährigen untergebracht sind, machen die Kita-Mitarbeiterinnen schon erste Versuche mit den Kleinen. Zaum-Hoffmann: „Auch die ganz kleinen Kinder forschen schon gern.“ Manche Eltern treibt allerdings die Sorge um, dass das Forschen und Experimentieren im Kindergartenalter für ihre Sprösslinge noch zu früh ist.

„Hin und wieder ist eine Mutter etwas erschrocken, dass ihr Sohn oder ihre Tochter bei uns mit Scheren arbeitet oder mal nass wird. Aber wir erklären ihnen dann, dass die Kinder am besten etwas lernen, wenn sie es selbst austesten.“ Gerade für das Ausprobieren bliebe heute im Alltag wenig Zeit. „Hier bei uns können die Mädchen und Jungen noch in Ruhe nach Wegen und Lösungen suchen und sehen, was aus ihren Aktionen entsteht oder eben nicht entsteht. Dafür reicht manchmal schon Verpackungsmaterial“, sagt die Leiterin lachend und zeigt auf ihre Kollegin Carolin Greth, die mit der nicht einmal dreijährigen Lea geduldig Styroporkugeln auf einen Schaschlikspieß aufreiht.

Das Experimentieren ist außerdem die ideale Basis für den Vater-Kind-Tag, wie die Leiterin der Einrichtung vor zwei Jahren festgestellt hat. „Damit haben wir viele Väter in die Kita geholt. Und sie haben aktiv mitgearbeitet an dem Tag – ein voller Erfolg.“ Für den kommenden Herbst ist ein Großeltern-Tag geplant, wieder mit Experimenten. Martina Zaum-Hoffmann: „Sie sollen sehen und selbst erleben, dass die Kindertagesstätte heute mehr ist als betreutes Spielen.“

In der Kita in Herbolzheim dreht sich an diesem Tag alles um das Thema Luft. An sieben Stationen lernen die Mädchen und Jungen das Element kennen. So finden sie beispielsweise durch Experimente heraus, was passiert, wenn sie ein mit Luft gefülltes Glasrohr mit der Öffnung nach unten ins Wasser tauchen: das Wasser dringt nicht in das Glasrohr ein. Mit selbst gebastelten Flugzeugen aus Papier und einem Trinkhalm erfahren sie, dass Luft trägt – manchmal mehr, manchmal weniger gut. Und im Hof der Kindertagesstätte haben einige Kinder durchsichtige Plastikbeutel an dünne Stricke gebunden. Bei jedem Windstoß heben die Tüten vom Boden ab und schweben begleitet von den lauten Freudenjuchzern der Kinder in der Luft wie Winddrachen.

„Es braucht gar nicht viel, um den Forschergeist spielerisch zu wecken“, sagt Kita-Leitern Theresia Liebig beim Anblick der vergnügten Luftforscher. Dabei geht es für sie bei den Experimenten nicht nur darum, den Kindern Naturwissenschaften, Mathematik und Technik näherzubringen. „So fördern wir gleichzeitig die Sprachfähigkeiten der Kinder und ihre Einstellung dazu, Dinge selbst auszuprobieren.“ Liebig merkt immer wieder, wie der Entdeckergeist in das normale Spiel der Kinder herüberschwappt. Aber genauso würden die Erzieherinnen in den Fortbildungen lernen, wie sie auch im Alltag die Neugier ihrer Schützlinge nähren könnten. „Ich bin froh, dass es heute anders ist als vor einigen Jahrzehnten und es eben nicht mehr darum geht, den Kindern einfach nur zu sagen, was Sache ist.“

Die erfahrene Erzieherin ist überzeugt von der Frühbildungsinitiative „Haus der kleinen Forscher“. Davon zeugen auch die drei Zertifizierungsplaketten, die neben dem Eingang der Kita hängen. Noch diesen Sommer soll die vierte hinzukommen. Damit wäre der evangelische Kindergarten in Herbolzheim der erste im Gebiet der IHK Südlicher Oberrhein, der bereits zum vierten Mal ausgezeichnet wird. Theresia Liebig: „Beim Forschen und Experimentieren geht bei den Kindern ein Fenster auf, das kann man sehen. Und das möchten wir auch in Zukunft unterstützen.“

Im Kita-Bereich des Kinder- und Bildungszentrums in Umkirch ist Silvia Roser vor zweieinhalb Jahren speziell für das Forschen eingestellt worden. Sieben Fortbildungen hat sie in dieser Zeit bei der IHK absolviert. An drei Vormittagen in der Woche steht sie für die Mädchen und Jungen im sogenannten offenen Aktionsbereich bereit, um mit ihnen zu experimentieren. „Die Kinder probieren ganz von allein. Da muss ich nicht viel vorgeben“, berichtet sie. Manchmal ist das Forschen sogar ein Türöffner. „Ein kleines Mädchen mit Migrationshintergrund und geringen Deutschkenntnissen hat wochenlang vorsichtig an der Tür gestanden und uns beobachtet. Schließlich hat die Neugier gesiegt, die Kleine hat mit uns geforscht. Und das hat letztlich auch ihrer Sprachentwicklung geholfen.“

Der Lerneffekt für die Kinder ist da. Das merkt Schulleiterin Eva Oyntzen nebenan im Grundschulbereich. „Die Schulanfänger in spe kommen ein halbes Jahr vor ihrem ersten Schultag einmal wöchentlich zu uns. Da kann so manches Kind den Erstklässlern etwas erklären.“ In der Grundschule wird seit drei Jahren geforscht. „Zufällig sind wir dann im Internet auf das ,Haus der kleinen Forscher’ gestoßen“, erinnert sich Oyntzen. „Wir waren sofort begeistert, so konnten wir uns noch besser fortbilden und mit dem Thema beschäftigen.“ An diesem Tag befassen sich die Grundschulkinder unter anderem intensiv mit den Regenwürmern und ihren Sinnesorganen.

Mithilfe von Instrumenten, Taschenlampen und in Essig getränkten Wattestäbchen erforschen die Kinder, ob der Wurm hören, sehen oder riechen kann. Eva Oyntzen zeigt auf zwei Kinder, die das Verhalten des Regenwurms beobachten, der vor dem Strahl der Taschenlampe flüchtet. „So ein Satz wie ‚Der Wurm zieht sich in die Dunkelheit zurück‘ ist für ein Kind im ersten Schuljahr, das noch nicht lange in Deutschland lebt und das zu Hause kein Deutsch spricht, schon ein großer Erfolg“, freut sich die Schulleiterin über einen der vielen positiven Nebeneffekte des Forschens.

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Drei Zertifizierungsplaketten hängen neben dem Eingang des evangelischen Kindergartens in Herbolzheim. Noch diesen Sommer soll die vierte hinzukommen. Foto: IHK

 

Hintergrund: Die gemeinnützige Stiftung “Haus der kleinen Forscher” engagiert sich seit 2006 als größte frühkindliche Bildungsinitiative für eine bessere Bildung von Kindern in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Die Stiftung hilft Kitas, Horten und Grundschulen, den Entdeckergeist von Mädchen und Jungen zu fördern und sie qualifiziert beim Forschen zu begleiten. Von den 4200 bundesweit als „Haus der kleinen Forscher“ zertifizierten Einrichtungen sind 1000 in Baden-Württemberg, im Kammerbezirk der IHK Südlicher Oberrhein waren es Ende 2015 insgesamt 53 Einrichtungen. Hier ist die IHK seit dem Jahr 2010 lokaler Netzwerkpartner der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. Sie unterstützt die Aktion im Kammergebiet nicht nur finanziell, sondern die Fachkräfte der Kitas auch mit 30 Workshop-Angeboten im Jahr an den fünf Standorten in Emmendingen, Freiburg, Offenburg, Rust und Biberach. Damit schafft sie die Basis für die Zertifizierung. Fast 1000 Fachkräfte hat die IHK in den vergangenen fünf Jahren bereits geschult. Andreas Kempff, Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein: „Mit der Unterstützung der Aktion investiert die Wirtschaft in ihre Zukunft.“ Aktuell besuchen Fachkräfte aus 65 Prozent aller Kitas im Kammerbezirk die angebotenen Workshops. „Wir haben uns vorgenommen, noch in diesem Jahr die 70-Prozent-Marke zu knacken“, kündigt Kempff an, um möglichst viele Kindergartenkinder mit den Themen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik in Berührung zu bringen. „Berufliche Bildung ist eine wichtige Aufgabe der IHK. Durch die Zusammenarbeit mit der Stiftung ,Haus der kleinen Forscher’ wird unsere Zielgruppe eben nur etwas jünger.“ Auch für die Integration von Flüchtlingskindern sieht Kempff in der Aktion Chancen: „Das Staunen und die Faszination über die Experimente funktioniert über alle Sprachbarrieren hinweg.“ Weitere Informationen im Netz unter www.freiburg.ihk.de/forscher.

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