Telearbeit – eine Herausforderung für alle

Seit Beginn der Pandemie haben wir bereits dreimal Felix Braun, der die „Universalschlichtungstelle des Bundes“ in Kehl leitet, zum Thema „Telearbeit“ interviewt. Hier das vierte Interview.

Die USS in Kehl - schon länger gut aufgestellt für Telearbeit. Foto: privat

(KL) – Seit im März 2020 über Nacht die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland geschlossen wurde, haben wir bereits dreimal mit Felix Braun gesprochen, der in Kehl die „Universalschlichtungsstelle des Bundes“ leitet. In seiner Organisation wurde bereits vor der Grenzschließung aufgrund der gerade startenden Pandemie eine funktionierende Telearbeit-Struktur eingerichtet. Daher zählt Felix Braun zu den Experten zu diesem Thema, der die Situation unter verschiedenen Gesichtspunkten bewerten kann. Hier nun das vierte Interview. Telearbeit.

Herr Braun, dies ist das vierte Interview zum Thema „Telearbeit“, das wir mit Ihnen führen. Hätten Sie im März 2020 gedacht, dass wir dies im Januar 2021 wiederholen müssen?

Felix Braun: Etwas flapsig ausgedrückt, hatte ich mir im März 2020 gedacht: „So, jetzt bleiben wir alle mal für ein paar Wochen zuhause, dann ist das ausgebremst“. Tja, wie man sich täuschen kann. Zum einen gibt es immer wieder unerwartete Wendungen, zum anderen muss sich erst einmal langsam die Erkenntnis einstellen, was eine Pandemie ist und was sie bedeutet. Ich weiß nicht, ob ich das vollends verinnerlicht habe. Aber schon im Juni schwante mir, dass uns das alles länger begleitet als gedacht. So haben wir im Sommer dann auch nur sehr begrenzt den Bürobetrieb gelockert und seit dem Herbst erneut das Präventionskonzept verschärft. Zu einem normalen Präsenzbetrieb sind wir nie zurückgekehrt, das „Home Office“ machte immer einen großen Teil aus. Vorteil davon ist, dass wir so seit Monaten ein recht stabiles, verlässliches Konzept mit hohem Schutzlevel haben und gut einspielt sind, so dass wir bei uns bislang kaum etwas ändern mussten. Und etwas unaufgeregte Stabilität ist gerade Gold wert. Ich bin ziemlich sicher, dass das mein Team auch so sieht. Im Dezember konnten wir die jährlichen Mitarbeitergespräche, zu diesem und anderen Themen, ganz im Lichte der Pandemiebegrenzung, bei Spaziergängen am Rhein absolvieren.

Wie läuft bei Ihnen die Organisation der Telearbeit? Machen Ihre MitarbeiterInnen auch nach fast einem Jahr noch mit?

FB: Wir haben von Anfang an alles sehr offen und transparent im gesamten Team diskutiert, alle können sich jederzeit mit eigenen Ideen einbringen und das geschieht auch. Natürlich kann nicht jedem Wunsch automatisch stattgegeben werden, wenn es nicht sinnvoll für die Arbeit oder die Prävention ist und schon gar nicht, wenn es gegen die geltenden Arbeitsschutzstandards und andere Regeln verstößt. Aber daran merke ich, dass wir ein super Team sind: Es wurde ganz überwiegend viel Sinnvolles und Machbares vorgeschlagen. Durch einen offenen Umgang kann man den Sachen auf den Grund gehen, erklären, was geht und was nicht. Und wir wissen alle, dass wir trotz oder gerade wegen mehr Arbeit gerade im Vergleich zu anderen sehr dankbar sein können. Das alles trägt zur Akzeptanz bei, auch wenn es aus unterschiedlichsten Gründen nicht gerade eine permanente Quelle der Freude und Erbauung ist, in einem überwiegenden „Home-Office“-Betrieb zu arbeiten – sondern eine ziemliche Zumutung, leider absolut notwendig. Und daher Hut ab vor meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Was erleichtert bei Ihnen die Telearbeit im täglichen Leben und was wird erschwert?

FB: Das ist pauschal nicht so leicht zu beantworten und jede und jeder wird das anders empfinden. Bei mir gibt es zum Beispiel ganz trivial folgende positive Punkte: Wenn ich zuhause einen Kaffee trinke, kann ich nebenher schon mal die Waschmaschine ein- oder ausräumen. Wenn ich Lieferungen erwarte, bin ich da. Ich spare mir die Wegezeiten von und zur Arbeit. Und wichtiger noch: Manchmal kommen mir in der Ruhe daheim plötzlich ganz neue Gedanken, etwa zur strategischen Ausrichtung unserer Schlichtungsstelle. Allerdings: Das ist natürlich nicht jeden Tag der Fall, das heißt ein überwiegendes „Home-Office“ ist mehr von Nachteilen als Vorteilen behaftet. Vorher habe ich allerdings nie „Home-Office“ gemacht. Wenn die Krise mal ‘rum ist, werde ich das punktuell sehr gerne nutzen, tage- oder vielleicht sogar mal wochenweise. Und ich habe gelernt, dass ich sich Arbeitszeiten flexibler gestalten lassen, wenn man sich gut organisiert. Ich glaube, mein Team wusste das schon, ich hab’s so gelernt.

Ich habe – wie vieles – aber auch wie unter einem Brennglas gesehen, wie toll es ist, ein Team im direkten Kontakt zu erleben. Zum einen, weil das beruflich inspiriert, aber auch, weil ich einfach gern Menschen um mich habe, noch dazu so engagierte. Und das sage ich, obwohl ich im Gegensatz zu vielen in dieser Krise eh nie allein bin, mit meiner Frau und meinen Kindern. Wobei letzteres natürlich auch vor Herausforderungen stellt (lacht). Aber ab Ausgangssperre und auch sonst viel allein daheim hocken – weitaus herausfordernder. Sie sehen, es ist eine gemischte Bilanz.

Am Mittwoch wird die neue SARS-CoV2-Arbeitsschutzverordnung in Kraft treten. Auch für Grenzgänger drohen neue Beschränkungen. Was bedeutet das für Sie als Arbeitgeber?

FB: Erstmal muss man genau schauen, ob man etwas ändern muss. Das kostet einiges an Zeit. Aufgrund unseres eher strengen Konzeptes musste ich bislang letztlich wenig ändern. Alle bei mir wissen, dass, wenn sie nur noch im „Home-Office“ arbeiten möchten, sie dies auch dürfen, solange alle notwendigen Betriebsabläufe sichergestellt sind. Solange also nicht alle gleichzeitig voll ins „Home Office“ wollen, geht das. Genau das muss ein Arbeitgeber jetzt anbieten, bei uns habe ich das schon seit Langem.

Ich muss aber betonen, dass ich doppelt Glück habe: Ein solidarisches und motiviertes Team, das mehr als bewiesen hat, eigenverantwortlich und effizient zu arbeiten, auch wenn sie allein im „Home-Office“ sind. Und eine Arbeit, die man mit einem Minimum an Büropräsenz voll aufrecht erhalten und umgekehrt zu einem sehr hohen Grad im „Home Office“ erledigen kann. Das sieht in anderen Betrieben anders aus, so dass die neuen Regelungen dort vor weitaus größere Herausforderungen stellen können.

Neu ist allerdings auch für uns als Betrieb mit mehr als zehn Beschäftigten, dass wir uns in dauerhaft  festgelegte Teams aufsplitten müssen.

Und neu könnte werden, dass diejenigen, die aus Frankreich einpendeln, wenn sie eben nicht alles im „Home-Office“ erledigen können, einen negativen Test beim Grenzübertritt vorweisen werden müssen, der nicht älter als 48 Stunden ist.

A propos Grenze, ist dieser Kontext besonders herausfordernd als Arbeitgeber?

FB: Ja, denn man muss ich permanent mit zwei Regelwerken auseinandersetzen. Manchmal ist das eher administrativ aufwändig, mal rechtlich nicht ohne. Zwei Beispiele:

Administrativ: Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Formulare und Bescheinigungen ich erstellen oder seit März aktualisieren musste, damit der in Frankreich wohnende Teil unseres Teams ohne Probleme von einem Land ins andere kommt oder etwa keinen Ärger bekommt, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Frankreich nach 18 Uhr nach Hause kommen – denn zur Entzerrung der Arbeit haben wir flexible Arbeitszeiten bis weit nach 18 Uhr.

Rechtlich: In Deutschland müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zwar „Home-Office“ anbieten, Arbeitnehmerinnen und Arbeiternehmer können es aber ablehnen und weiterhin ins Büro kommen. Aus Frankreich dürfen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber nur einreisen, wenn ich bestätige, dass ihre Präsenz auch wirklich notwendig ist. In der Praxis ist das bei uns zum Glück kein Problem, da alle sehr verständig und besonnen reagieren. Also: nochmals Danke. Das kann in anderen Betrieben ganz anders sein, sei es auf Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseite.

Was glauben Sie, wie lange Ihre Organisation weiterhin in der Telearbeit bleibt?

FB: Ein bisschen Telearbeit wird vielleicht für immer bleiben, wenn wir das so wollen. Sie meinen aber sicher das derzeitige pandemiebedingte „Home-Office“. Da mache ich lieber gar keine Prognose und freue mich einfach, wenn es dann doch früher endet als gedacht. Immerhin, 2021 scheint da besser aufgespurt zu sein als 2020.

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