Therapie erfolgreich, Patient komponiert wieder – Konzert des OPS

Nun auch endlich die Nummer Zwei! Und zwar der Klavierkonzerte von Sergej Rachmaninow. Es hat den Auftaktbogen mit der größten Sogkraft aller Klavierkonzerte. Die Straßburger Philharmoniker spielen am Freitag zudem Werke von Berlioz, Franck und Ravel.

Von der Couch in die Hängematte: Ob er hier seine innere Mitte wiederfand? Sergej Rachmaninow überwand seine Schaffenskrise und schenkte uns sein Zweites Klavierkonzert. Foto: Rachmaninow in New Jersey in den 20er Jahren, Wikimedia Commons / PD

(Michael Magercord) – Es gibt wohl nicht allzu viele Konzerte, die einem Neurologen gewidmet sind. Das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow aus dem Jahr 1901 gilt dem Moskauer Seelenarzt Nikolai Dahl, den der damals zutiefst deprimierte Komponist um Hilfe bat, wieder zurück in die Spur der Inspiration zu finden.

Jung von Erfolg verwöhnt, war aber plötzlich seine 1. Symphonie durchgefallen. Der Arzt versetzte Rachmaninow in Hypnose und redete auf den ihm hilflos ausgelieferten Komponisten ein, dem sich im Kopf nach eigener Aussage unentwegt folgende Mantra abspulte, die letztlich zum Leitmotiv seines 2. Klavierkonzertes werden sollte: Du wirst dein Konzert schreiben… du wirst mit großer Leichtigkeit arbeiten… Das Konzert wird von exzellenter Qualität sein…“. Und tatsächlich wurde es wahr: „Im Sommer begann ich zu komponieren. Das Material wuchs und neue musikalische Ideen begannen sich in mir zu regen.“

Es ist von den vier Klavierkonzerten Rachmaninows das lyrischste und schwermütigste mit einer Sogwirkung schon in den ersten Takten, die an eine Hypnosesitzung erinnern. Und damit auch die Pianisten vor diesem Meisterwerk nicht in Schaffenskrisen verfallen, gibt es für den Klavierteil zwei Versionen: Für die kräftigen Passagen braucht man für die weiten Akkorde eigentlich übergroße Hände. Aber selbst Rachmaninow mit seinen Pranken wählte für eine Tonaufnahme von 1929 eine „kleinere“ Akkordvariante, die damit ganz offiziell zur gültigen Version geadelt wurde. 

Schon etliche Jahrzehnte zuvor bedurfte der doch so erfolgreiche Pariser Komponist Hector Berlioz einer Therapie. Seit einiger Zeit lastete der Misserfolg seiner Oper „Benvenuto Cellini“ auf der Seele. Seine Lösung bestand darin, die wenigen dann doch populär gewordenen Gesangsnummern der Oper und ihre Ouvertüre zu einem eigenen Konzertstück umzuschreiben. Unter dem Titel „Le carnaval romain“ wurde es 1838 uraufgeführt. Beim ersten Konzert drohten die Bläser in eine Musikerkrise zu stürzen, denn sie mussten ohne vorherige Probe einsteigen. Doch uff, die Musiker sind Profis und die Noten nicht allzu schwer. „Sehen Sie so oft wie möglich auf meinen Taktstock, achtet genau auf eure Pausen, und es wird gut gehen“, beschwört sie Berlioz und klar, es klappte, das Publikum schrie „da Capo“ und der Komponist war therapiert.

Beim „Verfluchten Jäger“ von Cesar Franck ist es nicht der Komponist, der der Hilfe bedarf, sondern der Protagonist der Symphonischen Dichtung: Ein Jäger verirrte sich auf seiner Hatz nach dem Getier in den tiefen Wald, gespenstige Stimmen und teuflische Gesänge geleiten ihn direkt in den Höllenschlund. Ein hoffnungsloser Fall also, inspiriert vom dem gleichnamigen Gedicht des Göttinger Poeten Gottfried August Bürger. Der Dichter, der daselbst ziemlich oft in amourösen und finanziellen Schwierigkeiten steckte, konnte sich immerhin über seine phantastischen Werke von so manchen Fluch befreien, verdanken wir ihm doch nicht nur den Baron von Münchhausen, sondern auch so manches schöne deutsche Wort: „querfeldein“ reitet etwa der Jäger, der dabei doch ziemlich „sattelfest“ sein sollte. Das gilt natürlich auch für den Komponisten, der in seinem, gut viertelstündigem Werk die sinistre Stimmung in schöne Klänge zu versetzen verstand.

Hätte bald hundert Jahre später Maurice Ravel, der Komponist des Orchesterstücks „La Valse“, einer Therapie bedurft, so hätte er am besten noch einmal hundert Jahre gewartet. Denn tatsächlich wurde sein kurzer, aber schwungvoll mitreißender Walzer Anno Domini 2022 das meistgespielte Werk in den Orchestersälen der Welt. Ravel hatte damit Beethoven entthront – und das eben gerade nicht mit seinem Ohrwurm „Bolero“. Wo, fragen sich die Experten, liegen dafür die Gründe? Das Werklein mache es den Konzertplanern leicht, es ist kurz und füllt kleinere Programmlücken, belebt die Wiener Walzertradition und ist trotzdem modern, aber eben auf verträgliche Weise. Fraglich allerdings dann doch, ob die Aufzählung dieser Erfolgsgründe den Komponisten nicht wieder in eine Krise hätte stürzen können?

Der Zuhörer allerdings dürfte wohl davon verschont bleiben, wenn am Freitag der langjährige Chefdirigent der OPS, Marko Letonja, an das Straßburger Pult für einen Gastauftritt mit diesem Programm und zwei weiteren Stücken von Ravel zurückkehren wird. Im Gegenteil, wissen wir doch, dass Musik, auch ohne sie selbst komponiert zu haben, therapeutische Wirkung entfalten kann.

Konzert der Straßburger Philharmonie OPS

Hector Berlioz – Der römische Karneval
Sergej Rachmaninow – 2. Klavierkonzert
Cesar Franck – Der verfluchte Jäger
Maurice Ravel – Ma mere l’Oye, 5 Kinderstücke, La Valse

Dirgent: Marko Letonja

Klavier: Nikolai Lugansky

Palais de la Musique et des Congrès

FR 9. Februar, 20 Uhr

Infos und Tickets gibt es HIER!

Konferenz vor dem Konzert (auf Französisch)

Cyril Pallaud über das Märchen ohne Worte von der „Mutter von Oye“ von Maurice Ravel

19 Uhr im Marie-Jaëll-Saal im PMC, Eintritt frei

Folgendes Konzert im PMC:

Das Nationalorchester Frankreichs mit Werken von Claire-Melanie Sinnhuber, Schostawitsch (2. Violinkonzert) und Beethoven (6. Symphonie)

FR 15. März

Und noch einmal dieser CD-Hinweis für Genusshörer:

Alle vier Klavierkonzerte von Rachmaninow und seine Paganini-Rhapsody in einer neuen Aufnahme des Prager Symphonieorchesters FOK und dem Pianisten Lukáš Vondráček finden sich in einer Doppel-CD des Labels Supraphon.

Weitere Informationen und Hörbeispiele finden sich HIER!

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