War da nicht noch was mit einer Pandemie?

Fast überall wird das Ende der Covid-Maßnahmen verkündet, auch in Deutschland und Frankreich. Blöd nur, dass wir uns gerade in der 6. Welle mit dem Variant BA.2 befinden. Rekord-Infektionen und neue Studien werfen Fragen auf.

Auch, wenn gerade die sanitären Massnahmen abgeschafft werden, befinden wir uns gerade in der "6. Welle". Foto: Sakhaa24 / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – Super, wir haben die Pandemie hinter uns! Auf diesen Gedanken könnte man kommen, wenn man sieht, wie praktisch alle Länder ihre Covid-Maßnahmen auf Null fahren. Wäre da nicht der Ukraine-Krieg, könnte man fast schon wieder von Normalität sprechen. Nur – momentan verzeichnen viele Länder, darunter auch Deutschland, die höchsten Infektionszahlen seit Beginn der Pandemie und eine Studie zur weltweiten Übersterblichkeit lässt ebenfalls aufhorchen. Auch, wenn die Politik sich so gerne als „Bezwinger der Pandemie“ feiern würde, so muss man festhalten, dass die Pandemie alles andere als vorbei ist und dass das Abschaffen selbst der rudimentärsten Sicherheits-Maßnahmen hochgradig unverantwortlich ist.

Eine Studie eines internationalen Forscherteams vom „Institute for Health Metrics and Evaluation“ im amerikanischen Seattle, die im Magazin „The Lancet“ erschienen ist, ist auch nicht gerade beruhigend. Die Forscher haben ermittelt, dass in den beiden Pandemie-Jahren 18,2 Millionen Menschen mehr gestorben sind als in „normalen“ Jahren. Während die WHO von 5,9 Millionen Toten spricht, gehen die Forscher von einem dreimal so hohen Wert aus. Ob das nun der richtige Moment ist, alle Schutz-Maßnahmen über Bord zu werfen und den Menschen so zu suggerieren, dass sich niemand mehr vor nichts schützen muss, darf bezweifelt werden.

Doch das ist leider noch nicht alles. Das Forscherteam aus Seattle geht davon aus, dass es eine noch wesentlich höhere Dunkelziffer gibt, die von den Statistiken nicht erfasst werden kann, weil in vielen Ländern gar keine Strukturen vorhanden sind, mit denen man ermitteln kann, ob ein Patient an, mit oder wegen Covid gestorben ist.

Dazu verzeichnen viele Länder, auch in Europa, seit über einer Woche steigende Inzidenzzahlen, in Deutschland registriert man sogar die höchsten Zahlen seit Beginn der Pandemie und das in einem Moment, in dem das Variant BA.2 die Überhand gewinnt. Warum man in einer solchen Situation den Menschen sagt, dass sie keine Masken mehr tragen müssen und auch Tests überflüssig sind, ist rätselhaft. Knickt die Politik vor der gärenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein, nach mehr als zwei Jahren der Einschränkungen?

Für den Bioinformatiker Lars Kaderali, Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung, ist die Situation klar – „wir befinden uns in der 6. Welle“. Warum nur ist es in einer solchen Situation nicht möglich, den Menschen andere Verhaltenstipps mit auf den Weg zu geben als ausgerechnet die Ansage, dass alles vorbei sei? Warum sagt man den Menschen nicht, dass angesichts der sehr hohen Infektionszahlen Gesichtsmasken und soziale Abstände immer noch zu den Dingen gehören, die wenigstens einen kleinen Schutz bieten?

Viel gewinnen werden wir nicht, wenn wir jetzt diese Pandemie weiter künstlich anheizen. Beispiel Karneval: in Köln sprang die Inzidenz nach dem Karneval auf rund 2500, ein Wert, der fast doppelt so hoch ist wie in den Tagen vor dem Karneval. Doch wer Schunkeln, Saufen und Bützchen für wichtiger erachtet als die Volksgesundheit, der trägt die Verantwortung für das nun stattfindende Aufflammen der Pandemie.

„Nur eine kleine Grippe“, höhnen diejenigen, die immer schon wussten, dass Covid-19 nicht so ernstgenommen werden muss. Was diese Helden des Zeitgeschehens allerdings vergessen, dass nach wie vor ungefähr 250 Menschen täglich in Deutschland an, mit, wegen Covid-19 sterben. Das ist so, als würde jeden Tag ein voll besetztes Passagierflugzeug abstürzen. Für die Insassen dieses Flugzeugs dürfte die Pandemie allerdings alles andere als „nur eine kleine Grippe“ sein. Daher der gut gemeinte Tipp – egal, was profilierungssüchtige Politiker auch erzählen, schützen Sie sich weiterhin! Tragen die eine Gesichtsmaske, wenn sie in Menschenmengen unterwegs sind, halten Sie Abstand, sofern dies möglich ist, und wenden Sie weiterhin die Maßnahmen an, an die wir uns mehr als zwei Jahre lang gewöhnt haben! Und glauben Sie nicht den Diskurs vom „Freedom Day“ – die Pandemie ist leider noch lange nicht vorbei.

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