Warum ich mich heute schäme, Deutscher zu sein

Die deutsche Politik, von verbitterten alten Männern und Frauen geprägt, zerfetzt gerade Europa. Wir knüpfen wieder an Kaiser Wilhelm und die Nazis an.

Was glaubst du, wer du bist, dass du dich über das Unglück anderer lustig machen kannst? Foto: Eurojurnalist(e)

(KL) – Im Grunde ist es erstaunlich, dass man in Europa über einen „Grexit“ und nicht über einen „Gerxit“ diskutiert, denn angesichts der massiven Angriffe der deutschen Regierung auf die europäische Kohäsion wäre ein Ausschluss Deutschlands aus der Europäischen Union weitaus nahe liegender als ein Ausschluss Griechenlands. Doch da das nach dem II. Weltkrieg hochgepäppelte Deutschland heute größter Nettozahler der EU ist, kuschen die anderen europäischen Länder vor dem Diktat von Schäuble und Kollegen und nehmen dabei sogar hin, dass sich diese Dinosaurier der Politik, die aus einer Zeit stammen, in der das Internet noch „Neuland“ war, über die Leiden der Menschen in Südeuropa lustig machen. Heute ist ein Tag, an dem man sich als Deutscher durchaus mal schämen darf, dass man nichts dafür tut, unseren Politikern in den Arm zu fallen. Stattdessen schauen wir in Ruhe zu, wie Deutschland zum dritten Mal in einem Jahrhundert alles daran setzt, Europa mit Not und Elend zu überziehen.

Deutschland, das Land der Dichter und Denker, Heimatstatt des oberrheinischen Humanismus, hat sich zum Land der Erbsenzähler und Waffenschmiede entwickelt und dabei die Grundideen des Humanismus längst über Bord geworfen. Und wenn Europa dann wieder in Schutt und Asche liegt, wenn hungernde Europäer, die keinen Zugang mehr zu medizinischer Versorgung haben, eines nahen Tages zu den Waffen greifen werden, was werden wir dann sagen? Das gleiche wie immer? Dass wir nichts geahnt und nicht gewusst haben?

Gehören Sie auch zu der Mehrheit der Deutschen, die nach Lektüre von BILD oder anderen Massenmedien der Ansicht sind, dass wir nun aber wirklich genug für Griechenland gezahlt haben, dass die Griechen faule Hunde sind und dass sie sich jetzt eben vom Mund absparen sollen, was wir unseren Banken in den Hals geworfen haben? Keine Milliarden mehr für gierige Griechen? Haben Sie auch, wie die Merkels, Schäubles, Gabriels „das Vertrauen in die griechische Regierung“ verloren? Warum haben Sie nie das Vertrauen in die Vorgängerregierungen der Syriza verloren, die diese Misere zu verantworten haben? Weil unter denen unsere Banken fette Gewinnen mit Spekulationen auf die Griechenlandkrise machen konnten? Warum haben Sie nicht das Vertrauen in die Troika verloren, die in fünf Jahren das Elend der Menschen in Griechenland zementiert hat? Aber jetzt haben Sie das Vertrauen in die griechische Regierung verloren, weil die es wagt, die Mechanismen der Finanzmärkte in Frage zu stellen, die alles in Europa kontrollieren? Ist Ihnen eigentlich klar, dass alles, was in Griechenland passiert, schon morgen auch bei uns passieren kann?

Politische Dominanz wird heute in Europa nicht mehr wie vor 100 Jahren mit dem Sturmgewehr und Panzern ausgeübt, sondern über „die Märkte“. Die im Übrigen ziemlich sensible und zarte Wesen sind, die, wenn sie einen leichten Schnupfen haben, ganze Volkswirtschaften zum Einsturz bringen können.

Mit ihrer unnachgiebigen Haltung versucht die deutsche Regierung über ihr jahrelanges Versagen beim Aufbau von Europa hinweg zu täuschen. Jeder wusste, dass eine Währungsunion ohne eine gemeinsame Wirtschafts- und Steuerpolitik keine Chance haben würde. Doch den Schritt zu den Vereinigten Staaten von Europa haben sich unsere großartigen Politiker nicht zu gehen getraut. Die Quittung für dieses politische Versagen zahlen aber nicht etwa die dafür verantwortlichen Politiker, sondern die Menschen in Ländern wie Griechenland.

Im II. Weltkrieg überfiel Nazideutschland Griechenland, ermordete die Bevölkerung ganzer Dörfer auf Kreta, deportierte die große jüdische Gemeinschaft Thessalonikis in Konzentrationslager, wo sie ermordet wurde, plünderte das Land aus und trotz dieser Gräueltaten hatten die Griechen die Größe, 1953 das Londoner Abkommen zu unterzeichnen, mit dem Deutschland 110 Milliarden Mark (die Kaufkraft dieser Summe übersteigt heute bei weitem die Gesamtschulden Griechenlands) erlassen wurden, da 70 Länder gemeinsam der Überzeugung waren, dass man Deutschland erneut eine Chance geben müsse, sich in der europäischen Völkergemeinschaft zu bewähren. Heute müssen diese Länder bitter bereuen, dass sie Deutschland nach dem Krieg nicht endgültig in den Staub gezwungen haben. Und klar, dass wir Deutschen bis heute nicht den „Zwangskredit“ (476 Millionen Reichsmark) zurückgezahlt haben, den die Nazis aus der griechischen Staatskasse erpresst hatten, das ist sicher auch ganz OK so. Selbst schuld, wenn die faulen Griechen nicht mit mehr Nachdruck dieses Geld früher von Deutschland zurückgefordert haben.

Das wirft die Frage auf, was Europa eigentlich Positives von Deutschlanderhalten hat. Große Komponisten und Dichter, sicherlich. Erstklassige Fußballer, keine Frage. Ingenieure der Weltklasse, um die uns jeder beneidet. Und dann?

Die Überheblichkeit, mit der sich ein Wolfgang Schäuble über die Not der Menschen in Griechenland lustig macht, der ungezähmte Hass auf eine linke Regierung, die es wagt, die Logik der finanziellen Abhängigkeiten von Spekulanten und Banken in Frage zu stellen, lässt Deutschland international erneut als die „hässlichen Deutschen“ dastehen. Zucken Sie nicht mit den Schultern und sagen Sie nicht, dass „die da oben“ ohnehin machen, was sie wollen und dass Sie damit nichts zu tun haben. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass Menschen wie Angela Merkel und Wolfgang Schäuble in unser aller Namen erneut ganze Völker an den Abgrund treiben – wir haben sie gewählt oder schlimmer noch, dadurch, dass wir es nicht für nötig gehalten haben wählen zu gehen, haben wir es diesen Menschen ermöglicht, ihr Unwesen zu treiben.

Die Schlagzeilen der BILD wiederzukäuen reicht nicht – die Arroganz, mit der die große Mehrheit der Deutschen heute auf Länder wie Griechenland und andere schaut, die uns nach den von uns angezettelten Kriegen wieder auf die Beine geholfen haben, schreit zum Himmel. Hoffentlich bin ich heute nicht der einzige, der sich schämt, Deutscher zu sein.

1 Kommentar zu Warum ich mich heute schäme, Deutscher zu sein

  1. Karl-Heinz Völker // 1. Juni 2018 um 10:57 // Antworten

    Schämen Sie sich, am besten gleich für mich mit :-)

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