Wenn der Tellerrand zu hoch ist…

Berlin ist die Hauptstadt der Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker in Deutschland. Da man es im arroganten Berlin gewohnt ist, sich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen, kann man das sogar verstehen.

Die Berliner haben bisher viel Glück gehabt - das Coronavirus ist schnell an der Hauptstadt vorbei geflitzt. Foto: Martin Falbisoner / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – Ach, Berlin! Nabel der Welt, Zentrum des deutschen Denkens und Handelns, gestern, heute und morgen! Was in Berlin geht, das geht auch anderswo. Doch während in Deutschland immer alle Augen auf Berlin schauen, schaut Berlin nicht zurück. Was soll es auch schon anderswo Interessantes geben? Berlin ist der Maßstab aller Dinge. Auch während der Coronakrise. Nur dass der fehlende Blick über den Berliner Tellerrand den Berlinern eine völlig falsche Sicht auf die Situation gibt.

Während der gesamten bisherigen Coronakrise gab es in Berlin gerade mal 10.000 Infektionsfälle, die zu 224 Toten geführt haben. In der Millionenmetropole Berlin sind 224 Tote natürlich verschwindend wenig (und es gab wohl nur 224 Personen und deren Angehörige, die das anders sehen). 224 Tote – da wundern einen eure schrägen Aussagen, dass es das Virus gar nicht gäbe kaum. Es gibt in Berlin nur wenige Menschen, die direkt oder indirekt von diesem Virus betroffen waren. Ihr Berliner kennt also das Virus nur aus dem Fernsehen und ihr glaubt nicht einmal an dessen Existenz, da ihr niemanden kanntet, der elend an diesem Virus verreckt ist. Und da ihr eben nicht über euren Berliner Tellerrand hinweg schauen könnt, ignoriert ihr weiter tapfer die Dramen, die sich seit Monaten anderswo abspielen.

Nehmt beispielsweise das Elsass. Tausende Tote, Zehntausende Infizierte, überfüllte Krankenhäuser, in denen die Betten so knapp wurden, dass Hunderte akut Erkrankte per Flugzeug, Hubschrauber, Rettungswagen und Armee-Flugzeugen in andere Regionen verlegt werden mussten, ja, selbst Deutschland nahm weit über 100 Patienten aus dem Elsass auf. Aber das hätte man nur sehen können, wenn man die Nase ein wenig über den Tellerrand gehoben hätte. Aber das macht ihr Berliner ja nicht.

Bei uns regt man sich über eure Demonstrationen, kruden Theorien und vor allem die Vermutung auf, dass es dieses Virus gar nicht gäbe. Nur, weil ihr es nicht gesehen habt, bedeutet das noch lange nicht, dass es das Virus nicht gibt. Das ist ein wenig so, als würdet ihr den Liquidatoren in Tschernobyl erzählen, dass es gar keine Radioaktivität gibt, weil ihr noch keine gesehen habt. Aber, liebe Berliner, es gibt auch Dinge auf diesem Planeten, die es in Berlin nicht gibt, die aber trotzdem existieren. Das Virus SAR-2-CoV gehört dazu.

Bei 224 Corona-Toten in Berlin kann man Verständnis dafür haben, dass ihr nicht glaubt, dass dieses Virus existiert oder dass es gefährlich ist. Die fast 800.000 Corona-Toten weltweit, na ja, die sterben halt nicht vor dem Brandenburger Tor, damit ihr sie sehen könnt und deswegen leugnet ihr deren Existenz.

Heute weiß niemand, wie es mit dieser Pandemie (um die es sich tatsächlich handelt) weitergeht. Berlin hat bislang viel Glück gehabt, dass es weitgehend verschont geblieben ist. In der Zwischenzeit wurden weder die Demokratie abgeschafft, noch wurde die Meinungsfreiheit beschnitten und Bill Gates hat auch nicht die Weltherrschaft übernommen. Die minimalen Gesten zu eurem Schutz und dem eurer Mitmenschen sind nicht etwa ein unerträglicher Eingriff in unsere Grundrechte, sondern der Versuch, mit minimalem persönlichen Aufwand Leben zu retten.

Es wäre wünschenswert, würdet ihr ein wenig die weltweite Entwicklung dieser Pandemie verfolgen, als weiterhin auf der Position „hamm wer nich, kenn’ wer nich, gibt’s also nich“ zu beharren. Herzlichen Dank dafür.

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