Wie könnte die europäische Zukunft am Oberrhein aussehen?

Bei einer Konferenz in Straßburg hat Alexis Lehmann nicht nur eine Bilanz des heutigen «Upper Rhine Valley» gezogen, sondern auch eine hoch interessante Vision für die Zukunft des Oberrheins präsentiert.

Alexis Lehmann stellte ein interessantes Konzept vor - das "Life Valley" in der neuen europäischen Region. Foto: Eurojournalist(e)

(KL) – Am Montag hatten der Marketing Club Straßburg und die Stiftung Fondation Entente Franco-Allemande (FEFA) zu einer Konferenz in Straßburg eingeladen, deren Thema die Perspektiven der Wirtschaft und des Arbeitsmarkts am Oberrhein und in der neuen europäischen Großregion war. Alexis Lehmann, der seit Jahren zu den Säulen der deutsch-französischen Beziehungen zählt, präsentierte eine Art Zustandsbeschreibung der aktuellen Situation im „Upper Rhine Valley“ und stellte eine Vision vor, die das Potential hat, zu einer der wichtigen Ausrichtungen der Wirtschaftsentwicklung der Region zu werden.

Rund 50 Unternehmenschefs und Marketingexperten verfolgten die Präsentation von Alexis Lehmann, der anhand von nüchternen Zahlen nachwies, dass die grenzüberschreitende und dreistaatliche Zusammenarbeit in der Region keine Frage der Philosophie, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist – die gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten zwischen dem Elsass, Baden und dem Nordwesten der Schweiz sind offenkundig: Um sie zu erkennen, muss man sich nur die Zahlen der Grenzgänger zwischen den drei Staaten der Region anschauen. Doch, wie Alexis Lehmann unterstrich, ist dieser Zustand kein Selbstläufer, sondern muss immer wieder neu erfunden werden.

Zu dieser „Oberrheinfrage“ kommt nun auch noch die Realität der neuen französischen Großregion im Osten des Landes dazu, die aus der neuen Region mit Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne die europäischste aller französischen Regionen macht, grenzt diese doch gleich an vier andere Länder – Luxemburg, Belgien, Deutschland und die Schweiz. Doch die europäische Geographie bietet dieser neuen Region ganz besondere Vorteile, die es nun zum Nutzen der gesamten Region umzusetzen gilt.

Doch wie soll man das anstellen, vor allem, wenn man bedenkt, dass die verschiedenen Stellen, deren Aufgabe es ist, diese dreistaatliche Region zu entwickeln, genau das seit Jahren nicht schaffen? Diese Organisationen sind inzwischen in einer Art „Selbstverwaltung“, einem end- und ergebnislosen Sitzungsmarathon und einer „Technokratisierung“ versunken, die dazu geführt hat, dass sich weder die Menschen, noch die Wirtschaft auf beiden Rheinseiten mehr für diese virtuellen Gebilde engagieren wollen. Dabei präsentierte Alexis Lehmann verschiede Berichte, die in Zusammenarbeit mit der Fondation Entente Franco-Allemande und dem Euro-Institut erstellt wurden, die deutlich zeigen, dass sich sowohl die Wirtschaft, als auch die Zivilgesellschaft eine spürbare Stärkung der grenzüberschreitenden Beziehungen wünschen würden. Was also ist zu tun?

Für Alexis Lehmann ist klar, dass die Diskussionen aus dem Kreis des Elfenbeinturms der Politik wieder auf den Boden der Realitäten der Menschen kommen müssen, die in dieser großen europäischen Region leben und arbeiten. Der Arbeitstitel, den er hierfür vorstellte, ist gleichermaßen sympathisch wie vielversprechend – er möchte in dieser Region ein „Life Valley“ ins Leben rufen, wie es auch schon Daniel Frommweiler vorhergesehen hatte, der Präsident des „Biovalley Alsace“. Doch das „Life Valley“, das Alexis Lehmann vorschlägt, wäre deutlich näher am täglichen Leben der Menschen, es wäre deutlich weniger „verwaltungslastig“ als die Ansätze, die in der Vergangenheit gescheitert sind.

Unter dem Oberbegriff „Life Valley“ können sich sowohl Bereiche wie die „Wellness“, die Gastronomie, Outdoor-Aktivitäten und moderner Tourismus oder die medizinische Forschung wiederfinden, alles Bereiche, die das tägliche Leben der Menschen in der Region und der Touristen betreffen, alles Bereiche, in denen bereits heute zahlreiche Arbeitsplätze bestehen und morgen noch viel mehr dazu kommen können und alles Bereiche, in denen die Region einen Exzellenz-Status vorzuweisen hat.

Das Projekt, diese neue große Region auf ein „Life Valley“ auszurichten, mag utopisch erscheinen, doch wer hätte je gedacht, dass eines Tages aus einem ausgetrockneten Tal in Kalifornien das Weltzentrum der Informationstechnologien würde? Auch das „Silicon Valley“ startete einst als reine Utopie. Um ein solch ambitioniertes Projekt in die Praxis zu tragen, ist vermutlich erforderlich, erste, konkrete Kooperationen aufzusetzen, die sowohl den Unternehmen, als auch den Menschen einen echten Mehrwert bieten. Und auch hier hat Alexis Lehmann eine Idee – er schlägt vor, eine Art Netzwerk der Thermalquellen in der Region ins Leben zu rufen, das von Mondorf in Luxemburg bis nach Basel in der Schweiz reichen könnte und an dem sich rund 20 Städte mit solchen Thermalquellen beteiligen könnte. Diese könnten dann gemeinsame Marketingaktivitäten durchführen, auf verschiedenen Ebenen kooperieren und dabei nicht nur interessante Wirtschaftsimpulse geben, sondern auch dieser neuen europäischen Region Leben einhauchen.

Das Projekt von Alexis Lehmann mag ambitioniert sein, doch er hat völlig Recht. Wenn jetzt, wo gerade diese neue europäische Region entsteht, nicht der richtige Zeitpunkt ist, eine neue Strategie umzusetzen, die sich auf die vorhandenen und enormen Trümpfe der Region stützt, dann gibt es diesen richtigen Moment nie. Doch „Life Valley“ ist ein Konzept, mit dem es sich lohnen kann, sich zu beschäftigen – zum Nutzen der gesamten Region!

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