Wieso nehmen wir die BRICS-Staaten nicht ernst?

Nach dem Auftritt des brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula in China wundert sich der Westen, warum Lula die USA aufgefordert hat, keine Waffen mehr an die Ukraine zu liefern. Dabei war das klar.

Hatten Frau Baerbock und Herr Macron ernsthaft geglaubt, sie könnten China und Brasilien auseinander dividieren? Foto: Ricardo Stuckert/PR / Wikimedia Commons / CC-BY 2.0

(KL) – Aus einem unerfindlichen Grund weigert sich der Westen, die Existenz und Bedeutung der BRICS-Staaten wahrzunehmen und in die eigenen strategischen Überlegungen zu integrieren. Das geht schon seit vielen Jahren so, doch in den aktuellen Weltkrisen ist es unglaublich, dass die westliche Diplomatie so tut, als gäbe es die BRICS-Staaten überhaupt nicht. Doch das ist ein schwerer Fehler.

BRICS, das ist ein Staatenbund, dessen Name sich auf den Namen der Länder begründet, die diesem Staatenbund angehören: Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Diese fünf Staaten, zu denen demnächst auch noch Argentinien und Mexiko hinzukommen könnten, repräsentieren rund 41 % der Weltbevölkerung und 25,8 der Wirtschaftskraft dieses Planeten. Dabei sind die BRICS-Staaten gut organisiert und verfügen seit 2014 über eine hochpotente Bank, die „New Development Bank“ in Shanghai (an der die EU damals einen angebotenen Anteil nicht annehmen wollte, da man offenbar in Brüssel nicht die Bedeutung eines Staatenbundes dieser einzigartigen Dimension verstand). Über diese Bank werden Projekte wie die „Seidenstraβe 2.0“ oder auch das pharaonische Pipeline-Projekt zwischen Russland und China finanziert, also Projekte, bei denen der Westen heute jammert, nicht dabei zu sein. Darüber, dass die EU die historische Chance verstreichen lieβ, sich an dieser Bank und damit an den Projekten zu beteiligen, die heute laufen, kann man sich nur wundern.

Doch offensichtlich wundert man sich im Westen auch noch im Jahr 2023 darüber, dass es die BRICS-Staaten gibt und dass diese auch noch untereinander solidarisch sind. So sind die westlichen Hoffnungen, dieses Bündnis würde keine Rolle spielen und Brasilien könnte im westlichen Sinne auf China einwirken, damit China im westlichen Sinne auf Russland einwirkt, völlig sinnlos. Natürlich werden sich die BRICS-Staaten nicht auseinander dividieren lassen, denn sie stellen den momentan wohl wichtigsten Macht- und Wirtschaftsfaktor der Welt dar, auch wenn dieser von der EU und den USA weiter tapfer ignoriert wird.

Wer sich über die Aufforderung des brasilianischen Präsidenten an die USA wundert, keine Waffen mehr an die Ukraine zu liefern, der hat nicht begriffen, was die BRICS-Staaten sind. Die Vorstellung, Brasilien würde sich offen gegen seine beiden Partner China und Russland stellen, ist so realitätsfremd, dass man sich wundert, dass sich westliche Politiker wundern, dass Lula klar an der Seite Chinas und Russlands steht.

Wenn man sich vorstellt, dass westliche Politiker reihenweise nach China reisen und dabei die irrige Vorstellung im Gepäck haben, dass China, Russland oder auch Brasilien anfangen, im Interesse des Westens zu handeln, dann fragt man sich, wofür in den politischen Instanzen Think Tanks, Sonderabteilungen, politische Analysten und andere „Experten“ hoch bezahlt werden. Doch wenn schon die grundlegende Einschätzung der Weltlage in Brüssel und Washington derart Probleme bereitet, dann wird schnell klar, warum die westliche Diplomatie in diesen Weltkrisen so erfolglos ist. Aber einen Staatenbund zu ignorieren, der fast die Hälfte der Weltbevölkerung umfasst, um in Peking wie Frau Baerbock kundzutun, wie die Wünsche von 80 Millionen Deutschen aussehen, oder wie Präsident Macron, der denkt, dass die Welt nach den Vorstellungen von 66 Millionen Franzosen funktionieren muss, das ist schon sträflich ignorant.

Für alles, was jetzt folgen wird, sind diese politischen Fehleinschätzungen des Westens ein gefährliches Gift. Denn die Welt ist eben nicht mehr so, wie man sich das in Washington, Brüssel, Paris oder Berlin wünscht, sondern sie ist so, wie sie gerade von den BRICS-Staaten gemacht wird, an denen niemand mehr vorbeikommen wird.

Wenn man wissen will, warum die europäische Diplomatie gerade scheitert, dann sollte man die Entstehungsgeschichte und die heutigen Aktionen der BRICS-Staaten nachlesen. Dass der Westen und insbesondere Europa das Gewicht der BRICS-Staaten einfach nicht wahrhaben will, erinnert eher an die Vogel-Strauβ-Taktik. Doch den Kopf in den Sand zu stecken und so zu tun, als gäbe es diese Staaten und deren Solidarität untereinander nicht, wird den Westen nicht weiterbringen. Aber irgendwie passt diese Ignoranz der Weltrealitäten ganz gut ins Gesamtbild…

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