Work in Progress an seinem Endpunkt – Konzert der OPS

Cap sur l'Est: Am Freitag entführt uns das Straßburger Philharmonische Orchester in fremde Gefilde, Reiserichtung Ost, irgendwo zwischen Balkan und Batavia mit Werken von Bartok, Ligeti und Strawinsky.

Im Konzertsaal erfolgt die Gegenüberstellung: In den lichtesten Momenten der bürgerlichen Kunstübung werden Künstler, Interpreten und Publikum eins. Foto: © Michael Magercord

(Michael Magercord) – Jedes Werk entsteht in einem Prozess. Eigentlich eine Binsenweisheit. Doch in der Musik gibt es tönende Monumente, bei denen es schwerfällt sich vorzustellen, dass auch sie die Frucht eines langen Ringens zwischen Schaffen und Verwerfen sind. Dabei musste so mancher Komponist erst etliche Anläufe nehmen, um die Form zu finden, in die er sein Werk schließlich goss. Ob damit dann tatsächlich ein Endpunkt der möglichen Entwicklung erreicht wurde? Sollte man nicht immer wieder aufs Neue an der Komposition feilen? Kaum vorstellbar, dass man etwa an Beethovens Neunter oder Mahlers Fünfter heute noch Änderungen vollzöge. Bei György Ligetis Geigenkonzert, das seit gut dreißig Jahren in seiner Endfassung vorliegt, geschieht aber genau das: Dem Klassiker der Moderne wird immer mal wieder aufs Neue ein neues Ende verpasst.

Dabei erlebte diese halbe Stunde konzentrierter Tonkunst ohnedies schon mehrere Uraufführungen in immer anderen Fassungen. 1990 ertönte es in Köln zum ersten Mal. Für eine weitere Aufführung wieder in Köln hatte der ungarische Komponist dann 1992 den ersten Satz geändert und noch zwei neue Sätze hinzugefügt. 1993 schließlich überarbeitete er den dritten und vierten Satz, womit die finale Version mit fünf Sätzen nun feststand.

Der Komponist hat das Konzert zu einem Sammelsurium von musikalischen Stilen und vor allem Traditionen gestaltet. Kaum ein Einfluss, dem er sich in seinem Komponistenleben ausgesetzt hat, wurde ausgelassen: Ungarische und bulgarische Folklore, Mittelalter- und Renaissance-Musik und natürlich auch den ihn immer wieder fesselnden Gamelan-Klang aus Java finden sich zwischen Mikrotonalitäten der Moderne. Einen wirklichen Endpunkt seiner Entwicklung aber hat das Konzert vielleicht auch wegen dieser Fülle an Ideen letztlich nie erreicht. Denn Ligeti hatte ursprünglich gar acht Sätze geplant, das nicht-genutzte Material fließt nun als freie Kandenz des letzten Satzes ein – und zwar je nachdem, wer es spielt. Und so wird der Aufführung durch die Straßburger Philharmonie die Geigerin Patricia Kopatchinskaja ihre eigene Variation beisteuern.

Eingerahmt wird dieses ewig junge Werk am Freitag im Palais de la Musique et des Congrès in Wacken einmal von den Rumänischen Tänzen von Bela Bartok, die uns in seine Heimatregion Transsylvanien führen werden. Und am Ende des Abends steht die Ballettmusik aus Petruschka von Igor Strawinsky. Musik aus Russland in den Zeiten des Karnevals, definitiv bessere als heute. 1911 in Paris uraufgeführt ist dieses Meisterwerk der frühen Moderne heute ein echter Klassiker nicht nur als Tanzdarbietung, sondern vor allem in den Konzertsälen, war es doch ursprünglich als rein konzertantes Stück entworfen worden. Erst später wurde daraus ein Ballett – einmal mehr ein klassischer Fall von Work in Progress.

Konzert der Straßburger Philharmonie OPS

Bela Bartok – Rumänische Tänze
György Ligeti – Konzert für Geige und Orchester
Igor Strawinsky – Petruschka

Dirgent: Aziz Shokhakimov
Geige: Patricia Kopatchinskaja

Palais de la Musique et des Congrès
FR 20. Oktober, 20 Uhr

Konferenz vor dem Konzert (auf Französisch)

Pierre-Emmanuel Lephay über Klang und Rhythmus bei Ligeti
19 Uhr im Marie-Jaëll-Saal im PMC, Eintritt frei

Folgendes Konzert der OPS:

Tschaikowsky, Rachmaninow
Solist: Daniil Trifonov, Klavier
9. und 10. November

Infos und Tickets gibt es HIER!

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