1968 ist mittendrin – „Music for Prague“ im CMD
Im Straßburger Konservatorium CMD führen die Studenten an diesem Wochenende eines der bedeutendsten Werke neuerer Musik auf - die Musik für Prag von Karel Husa.
Prag, den 21. August 1968. Die Bilder, die um die Welt gingen und in den USA einen tschechischen Exilkomponisten dazu veranlassten, seine Erschütterung in Noten zu setzen. Foto: © The Central Intelligence Agency, Wikimedia Commons.
(Michael Magercord) – An einer Jahreszahl kommt man nicht vorbei, wenn Rückschau auf die jüngste und jüngere Geschichte Tschechiens gehalten wird. Seit der Gründung der ersten Republik ist über ein Jahrhundert vergangen. Und mitten drin zwischen damals und heute lagen die Ereignisse, die immer noch ihre große Wirkung auf die Seele in Böhmen und Mähren und sicher auch darüber hinaus haben.
1918 wurde die Erste Republik gegründet, 1939 zum Protektorat erniedrigt, 1945 wiedergegründet, 1949 zur sozialistische ČSSR und dann, im fünfzigsten Jahr, kulminierte die Freiheits- und Reformbewegung des Prager Frühlings im Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts. Dass der Wandel der Geschichte einen erheblichen Einfluss auf unser Leben hat, sind wir gerade wieder dabei, neu zu erlernen. Und eine wechselvolle Historie bringt Lebensgeschichten hervor, die sinnbildlich für ihre Epoche stehen können.
Der Komponist Karel Husa wurde 1921 in Prag geboren. Er wollte eigentlich Ingenieur werden, doch 1939 wurden die höheren Schulen von den deutschen Besatzern geschlossen. Die Musikschule aber nicht, der Freizeitmusiker studierte Komposition, vollendete seine Ausbildung 1947 in Paris und ging, als die Tschechoslowakei schließlich sozialistisch wurde, in die USA als Professor für Musiktheorie. Im August 1968 hörte er im Radio von der Invasion seiner Heimatstadt Prag und antwortete auf diesen Schock auf seine Weise: in sechs Wochen komponierte er die „Music for Prague“, eine Orchestersuite in vier Sätzen für Blasinstrumente und Schlagwerk.
Stücke, die sich ganz einem Thema widmen, sind Programmmusik. Und das Programm von Karel Husa ist die Geschichte der tschechischen Nation, die ja nicht immer nur eine glückliche war, wobei das Jahr 1968 auch für einen hoffnungsvollen Moment steht, der wegen seines jähen Endes umso schmerzlicher erscheint. Das Orchesterwerk besteht aus vier Sätzen, jeder hat seine eigene Bedeutung. Zunächst erklingen die Fanfaren mit einem Hilferuf an die Welt, immer wieder klingt dabei die alte hussitische Widerstandshymne „Krieger für Gott und das Gesetz“ an. Der gespenstige Mittelteil, der die erzwungene Ruhe darstellt, mündet schließlich einem unerschütterlichen Choral. Instrumente werden zu Symbolen: Glocken stehen für das hunderttürmige Prag, Posaunen imitieren Sirenen, Oboen senden Morsezeichen, die Piccoloflöte lässt Vögel von der Freiheit zwitschern. „Ich weiß, was Freiheit ist“, so der Komponist, der als 18-Jähriger Hitlers Einmarsch in Prag erlebt hatte, „und warum die Menschen dafür kämpfen.“
Musikalisch bediente sich Karel Husa in tschechischer Tradition modernen Kompositionstechniken, wobei er aber im üblichen Orchesterklang verblieb. Nichtsdestotrotz wird von einer der ersten öffentlichen Aufführungen in der Stadthalle eines kleinen Städtchens in den USA berichtet, dass das Publikum doch etwas überfordert gewesen sei von der direkten und auch phasenweise ruppigen Musiksprache. Als die „Music for Prague“ aber kurz darauf bei einem Musiklehrerkongress erklang, löste es unter den Musikern und Pädagogen die beabsichtigte Erschütterung aus: „Es war wie ein Erdbeben“, wird ein Zuhörer in zeitgenössischen Quellen zitiert: „So etwas haben wir bisher noch nicht gehört, man fühlte beinahe, wie die Panzer rollen“.
Ende der 1960er Jahre wurde die USA von den Ereignissen in Vietnam aufgewühlt, der Prager Frühling war ein weiterer Anlass zur Sorge und Diskussion. Auf der Höhe des Kalten Krieges konnte das Musikstück hohe Aufmerksamkeit erlangen und bis heute über siebentausend Aufführungen verbuchen, was für ein Werk der modernen Musik eine beachtliche Zahl ist. Für den Komponisten war wohl das Konzert am 13. Februar 1990 in Prag das bedeutendste, als er im Smetana-Saal sein eigenes Werk zweiundzwanzig Jahre nach seiner Entstehung mit der Tschechischen Philharmonie als Dirigent erstmals am Ort des Geschehens aufführen konnte.
Und die neue Aufführung der Studenten des Straßburger Konservatoriums im CMD am Place de l’Etoile gibt uns die Gelegenheit, die Erschütterung über ferne Ereignisse nachzuerleben – oder sie in Anbetracht der Nachrichten aus der weiten Welt vielleicht schon vorwegzunehmen? Dann könnte uns diese Musik der Erschütterung gleichsam die Gewissheit vermitteln, dass sich selbst die erschütterlichsten Umstände nicht ewig Bestand haben werden.
Konzert des „Wind Ensemble“ des Straßburger Konservatoriums
Dirigent: Miguel Etchegoncelay
Traumsequenzen – Ernst Krenek
Eine kleine Posaunenmusik – Gunther Schuller
Musik für Prag – Karel Husa
Cité de la Musique et Danse – Auditorium
Straßburg, Place de l’Etoile
SA 10. Januar, 19 Uhr
SO 11. Januar, 17 Uhr
Eintritt ist frei!
Und dazu noch zwei CD-Tipps:

Die Werke von Karel Husa werden in jüngster Zeit wieder häufiger eingespielt. Einen Anfang machte 2021 das Prager Orchester FOK unter der Leitung von Tomáš Brauner mit drei symphonischen Werken. Neben der „Musik für Prag“ erklingt auf ihrer CD die 2. Symphonie „Reflections“ und als erste Einspielung überhaupt die „Drei Fresken“ aus dem Jahr 1947.
Und ganz aktuell ist die CD des Ensembles „Belfiato Quintett“, die den Schlüsselwerken von Karel Husa für Blasinstrumente gewidmet ist.
Infos und Hörbeispiele finden Sie hier:
„Music for Prague“, FOK Praha – SU 4294-2
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