Alarmstufe Plüsch – in der Rheinoper geht’s ums Eingemachte

Im Mai wurden die Pläne vorgestellt, die Stadt, Eurometropole, Gebietskörperschaft Elsass und Region Grand-Est mit dem Straßburger Gebäude ihrer Rheinoper geschmiedet haben. Es sind große, zu große jedenfalls, um nachhaltig vom Bestand zu zehren. Alles muss raus, heißt die Devise nicht zuletzt für den Zuschauerraum.

Die Decke des Zuschauersaals der Straßburger Oper kann weg! Sie hat keinen Wert. Sagt der Direktor des Hauses. Die Musengötter und all die anderen Putten an den Geländern der Galerien werden, wenn es nach den Vorstellungen unserer lokalen Kulturgötter geht, den finalen Räumungsbescheid erhalten - oder springen ihnen vielleicht doch noch ihre Liebhaber bei? Fotos: © Michael Magercord

(Michael Magercord) – Wir wollen uns ja so gar nicht dicke tun, aber wir hatten an dieser Stelle schon so manches Mal darauf hingewiesen, dass die Renovierungsarbeiten der Oper zu Straßburg, die man bislang auf drei Jahre angesetzt hatte, niemals in dem anvisierten Zeitraum zu schaffen sein würden. Jede Erfahrung mit öffentlichen Bauvorhaben lehrt Geduld. Und wenn es etwas Gutes an der nun erfolgten Ankündigung gibt, dann die Ehrlichkeit, mit der man schon jetzt die Wiedereröffnung auf fünf Jahre verlängert hat: von 2028 bis 2033 soll nun am Gebäude gewerkelt werden. Doch was wird danach dort entstanden sein?

Im Mai vergangenen Jahres wurde angekündigt, drei Varianten zur Renovierung des Operngebäudes öffentlich vorzustellen und, wie man heute ja so gerne betont, „ergebnisoffen“ diskutieren zu wollen. Tatsächlich gab drei Studien, in denen die günstigere Erhaltungs-Renovierung bis zum teuren Komplettumbau geprüft wurden, doch die Entscheidung fiel im stillen Kämmerlein – wobei wir natürlich nicht wissen, ob es darin tatsächlich still zuging, als sich die Vertreter der zuständigen Gremien und Politiker schließlich auf die üppigste Variante geeinigt haben.

Ein Jahr später war es jedenfalls so weit, der Renovierungsplan wurde im April dieses Jahres der Öffentlichkeit präsentiert. Nun ist es klar: Der opulent-gestaltete Zuschauersaal „á l’italienne“ wird zerstört und die Balkone im Dreiviertelkreis mit ihren Putten und Engelchen dürften auf Nimmerwiedersehen verloren sein. Lediglich die halbgerundete Ausrichtung der Zuschauerplätze auf die Bühne soll im Gegensatz zu komplett frontalen Sitzreihen weiterhin grundsätzlich nachvollziehbar bleiben.

Das hört sich auf Kulturpolitisch natürlich ganz anders an. Bürgermeisterin Jeanne Barseghian und Operndirektor Alain Perroux warten mit ihrem Neusprech auf: Der italienische Saal, heißt es in den offiziellen Darstellungen, wird „réinterprétée“. Was will man uns damit sagen? Das Bestehende legt man neu aus. Da soll irgendwas bleiben wie’s war, aber eben doch ganz anders werden. Oder man bezieht sich beim Neumachen auf etwas Bestehendes, was aber dann umgehend zu etwas Gewesenem wird. Oder so, irgendwie halt…

Na schön, wenn das ganze Theater schon um die Bretter, die die Welt bedeuten, veranstaltet wird, wollen wir uns auch einmal ans Interpretieren machen. Nehmen wir also diesen Fall als gesellschaftliche Allegorie auf die Prioritätensetzung bei öffentlichen Projekten. Deuten wir also, was sich wirklich abspielt, wenn die Planungen ohne allzu große Rücksichtnahme auf das bestehende Umfeld erfolgen.

Unsere Interpretation des Dramas um die Oper speist sich aus zwei Erfahrungen aus dem Leben in Zeiten urbaner Großprojekte. 1: Es herrscht eine grundsätzliche Wahrnehmungs-Diskrepanz zwischen politisch-institutionellen Entscheidern und den Erleidern ihrer Entscheidungen. 2­: Bei den meisten Entscheidungen wird keine Rücksicht auf die Anhänglichkeit der Nutzer an das Bestehende genommen. Oder um es ganz plakativ zu formulieren: Die Normalsterblichen hängen an dem Alten, während Entscheider in der Regel das Brandneue bevorzugen.

Uns geht es hier übrigens ausschließlich um den Zuschauersaal, den Raum also, den wir kennen und zumindest ab und an auf unsere Weise nutzen. Die Renovierung der Oper ist gilt als notwendig wegen des Zustandes der operativen Hinterbühne, also der Bühnentechnik, Orchestergraben und Kostüm- und Maskenräumen. Die Neugestaltung des Zuschauerteils ist quasi eine Kollateralbaustelle.

Insgesamt wird das Operngebäude erweitert werden, wobei ein Unterschied gemacht werden soll zwischen der denkmalgeschützten Vorder- und Rückseite sowie dem kleinen Saal Bastide einerseits, und andererseits die von einem externen Fachbüro als wertlos attestierten Seitenfassaden und dem großen Saal. Dort kann man draußen modern anbauen oder drinnen nach Herzenslust umbauen. Somit darf auch das Dach um fünf Meter erhöht wird, womit sogar die Decke des Zuschauersaals (s. Foto) verschwinden wird. Wer jetzt noch melancholisch dem alten Saal nachtrauert, wird vom Direktor höchstpersönlich vertröstet: Mit Lichteffekten lässt sich eine heimelige Atmosphäre erzeugen, so Alain Perroux bei der Vorstellung der kommenden Saison im Mai.

Für den Umbau des Saals lassen sich natürlich auch gute Gründe anführen. Die Sicht auf die Bühne ist nicht von allen Plätzen möglich. Im neuen Saal wird es 150 Sitze weniger geben, dann ist der freie Blick auf die Bühne allenthalben garantiert. Im bestehenden Zuschauerraum gibt es sogar 60 Sitze mit gar keiner Sicht – die allerdings einen Vorteil haben: Es sind die billigsten. Nicht umsonst werden selbst diese Plätze gut verkauft.

Die Bequemlichkeit der Sessel und vor allem die Beinfreiheit ist ein Thema, das im wahrsten Sinne des Wortes drückt. Nicht nur Richard Wagner verlangt gute Ohren, sondern auch Sitzfleisch und robuste Schleimbeutel im Knie. Kunstgenuss kann auch Leid einfordern. Somit gilt es ganz im Sinne des Gesamtkunstwerkes abzuwägen, worin es sich besser entfaltet: Mit Pomp und Gloria, Samt und Plüsch und dem Gefühl, in einem wahrlich besonderen Saal zu sein, oder im Beton aus einem Guss. Es bleiben ja trotzdem immer nur wenige und besondere Stunden, die man dort verbringt. Häuslich niederlassen, wie der brave Bürger im heimischen Ohrensessel, darf man sich in der Oper ja eh nicht. Jedenfalls ist die Bude bisher meist bis zum letzten Platz gefüllt, trotz der Zumutung für den bürgerlichen Hintern.

Könnte es sein, dass hinter der überkommenen Modernisierungswut eine Ideologie steckt, der vor allem unsere Entscheidungsträger nachhängen? Selbst die grüne Stadtregierung von Straßburg, der doch das Nachhaltige am Herzen liegen sollte, nimmt bei ihren Bauvorhaben und Großprojekten wenig Rücksicht auf das Bestehende. Schindet bei Regierenden und anderen Entscheidungsträgern nur das Neue „nachhaltigen“ Eindruck? Ist es nicht mehr vorstellbar, dass vielleicht wenige, aber praktisch spürbare Eingriffe genügten, um Bestehendes funktional zu halten?

Und da wäre dann tatsächlich etwas im öffentlich zugänglichen Teil der Oper, wo selbst ein Beobachter, den es gar nicht unmittelbar betrifft, Handlungsbedarf anmeldet: bei den Damentoiletten. Davon gibt es schlicht zu wenige. Ob allerdings zu Behebung dieses Missstandes gleich der ganze Saal in eine einzige Betonschüssel verwandelt werden muss?

Wer sich jetzt schon ausmalen will, wie es enden könnte, der denkt vielleicht an den verunglückten großen Saal Erasme im Palais de la Musique et Congres, wo die Straßburger Philharmonie ihre Heimstatt hat. Oder gar an den rabenschwarzen Neubau des Theaters Maillon aus dem Jahre 2019 mit dem Charme einer Tiefgarage. In seinen toten hohen Gängen, die an die Bilder aus der 1943 fertiggestellten Neuen Reichskanzlei in Berlin erinnern, kann man gar vermeinen, das Klacken von Schaftstiefeln nachhallen zu hören.

Apropos Akustik: Auch die soll mit dem Umbau der Oper erheblich besser werden. Und keine Frage, da gibt es neuste technische Möglichkeiten, die ohrenbetäubend sind. In der Hamburger Elbphilharmonie etwa sorgen ausgefeilte Lamellen für einen glasklaren Ton, sodass bei Kammermusikdarbietungen jeder noch so kleinste Fehler bis unters Dach hörbar wird. Bleibt nur die Frage, ob die meisten Zuhörer und Zuschauer diese Perfektion wirklich suchen, wenn sie alle paar Monate für einen Abend in die Oper gehen? Oder steckt auch hinter diesem absoluten Anspruch wieder eine Ideologie, die sich in dem imaginären, weltweiten Imagewettbewerb unter Fachexperten und Kulturfunktionären austobt, obwohl vor Ort ein Mangel gar nicht verspürt wird?

Die Entscheidungen darüber sollten vielleicht weder Politikern noch den direkt interessierten Architekten und Bauunternehmen allein überlassen werden. Fraglich aber, ob es nun eine gute Nachricht ist, dass sich der Umbau der Oper schon als Thema für die im März 2026 anstehenden Kommunalwahlen herauskristallisiert. Dabei geht es vornehmlich ums liebe Geld. Ein konservativ gestimmter Kandidat verweist auf den Erhaltungsplan, der dreimal billiger zu haben wäre. Dieser Plan sei geprüft und als nicht-durchführbar befunden, widerspricht die Stadtregierung und betont, dass unter 120 Millionen Euro, von denen die Stadt 40 Millionen beisteuert, kein vernünftiger Opernsaal zu bekommen ist – was wiederum das Argument aus dem eher linken Spektrum befeuert, Oper sei eine elitäre Geldfressmaschine und sonst nichts.

Diese Auseinandersetzung kann im Wahlkampf noch zu einem ganz eigenen bühnenreifen Drama werden, zumal die Erfahrung lehrt, dass es bei diesen Summen ohnedies nicht bleiben wird, sondern noch so mancher Euro obendrauf kommt. Da bleibt nur noch zu hoffen, dass in der fernen Zukunft der Mitte der 2030er Jahre noch ein paar Cent für den laufenden Betrieb des dann mehr oder weniger üppig renovierten Hauses übrig bleiben. Denn man sollte ja nicht ganz vergessen, dass der eigentliche Sinn und Zweck des Gebäudes die Aufführung von Opern ist.

Und genau deshalb nun noch ein Tipp für die kommenden drei Spielzeiten im noch alten Haus: Schauen Sie sich noch einmal das obige Foto an. Denn es mag ja stimmen, dass man da ganz oben in den Galerien unterm Dach und vor allem an den Seiten nicht alles sehen kann, was auf der Bühne geschieht. Aber die Akustik ist da oben und an der Seite besser als auf den teuersten Plätzen. Also keine Scheu vor der Oper: Nutzen Sie die Galgenfrist, die unseren Musengöttern noch einräumt wird, um ihnen auf den billigen Plätzen ganz besonders nah sein zu dürfen.

Letzte Aufführung der Saison 24/25:

Sweeney Todd – Thriller-Musical aus dem Jahr 1979 von Stephen Sondheim

Ein Klassiker des Broadway-Musicaltheaters um den gruseligen Barbier der Londoner Fleet Street in einer Übernahme aus der Komischen Oper Berlin. Regie führt Barrie Kosky, der uns schon die zauberhafte Inszenierung von “Anatevka zum Advent 2019 beschert hatte. Auch diese neue Aufführung, die in Berlin seit letzten November lief, hat dort viel Lob erfahren.

DI 17. Juni bis DI 24. Juni sechsmal in der Opéra Straßburg
SA 5. und SO 6. Juli in der Filature Mülhausen

Infos und Tickets gibt’s HIER! 

Weitere Veranstaltung der Rheinoper:

Rezital mit der Mezzosopranistin Kate Lindey

Lieder von Weill, Korngold, Zemlinsky und Alma Mahler

DO 26. Juni, 20 Uhr

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