Bühne frei für den Barber Shop

Standing Ovations begleiten die schwarzafrikanischen Frisöre der Bühne am Ende des Abends im Straßburger Nationaltheater TnS. Weiter geht's im Migrantenstadel dann mit den Bootsflüchtlingen aus Südostasien von 1975.

Ganz schön was los im Frisörsalon. Da macht das Haareschneiden Spaß, zumal während des Theaterabends in den Barbershops von Brüssel über Dakar bis Yaoundé kein einziges Haar gekrümmt wird. Foto: Stef Stessel, TnS

(Michael Magercord) – Trauen Sie sich! Die Barbershops in unseren Städten mögen auf Unsereinen nicht so einladend wirken. Wabert darin doch eine seltsame Mischung aus den überschüssigen Schwebstoffen von Parfüm und Testosteron. Zudem die berechtigte Angst nach der Behandlung mit Geräten, die eigentlich zur Schafschur gedacht scheinen, mit dem Negativ einer Halbglatze wieder herauszukommen. Aber wenn das Frisörwesen ins Theater verlegt wird? Man sich nur in den Sessel zum Zuschauen begibt? Und selbst auf der Bühne kein Haar geschnitten, sondern vor allem geredet wird? Um nicht zu sagen: palavert?

Im Palaver nämlich soll die Hauptfunktion dieser Salons liegen, wie der britanno-nigerianische Theaterautor Inua Ellams festgestellt hat, als er sich mit dem Phänomen der migrantisch-betriebenen Barber Shops in England beschäftigte. In Leeds haben die Frisöre eine psychologische Schulung erhalten, um die migrantische Bevölkerung für die Belange des Gesundheitsschutzes zu erreichen, sind doch ihre Salons das, was im Abendland einst die Kneipe war: Treffpunkt der Gemeinde, zumindest ihres männlichen Teils. Mit der Rasur bekamen die Kunden sanitäre Ratschläge verpasst.

Der Autor ist von Leeds aus ins englischsprachige Schwarzafrika von Barbershop zu Barbershop gereist und hat Tonaufzeichnungen mitgebracht, aus denen er die Dialoge für sein Episodenstück „Barber Shop Chronicles“ zusammengestellt hat. Die französische Version, die jetzt im TnS zu sehen und zu hören ist, verlegt den Barbershop in der Diaspora nach Brüssel, und die episodischen Ausflüge gehen von dort nach „Françafrique“, von Senegal, Kamerun bis in den belgischen Kongo. Diese Barbershop-Revue beginnt in Dakar mit dem Satz eines Kunden an den Frisörmeister: „Öffne mir das Tor zum Paradies!“

Und so geschah es. Es war ein äußerst lebhafter Abend, der zwar nicht ins Paradies führt, aber immerhin in die Seele der Protagonisten. Und die lebt in einer Welt, in die der Blick in den Barbershop einen Einblick bietet. Bei aller Lebhaftigkeit bleibt doch ein Erschrecken darüber zurück, wie viel Platz in ihrer Gedankenwelt das Leiden an der eigenen Identität einnimmt. Denn wie sonst muss man die stetige Sorge deuten, die sich um das Bild dreht, das sich der Toubab, also der Weiße, von den Schwarzen wohl macht.

Worüber also redet man im Vorhof des Paradieses? Wie in der Kneipe über Politik und Fußball. Aber auch über den stetig auszutragenden Konflikt zwischen Tradition und Moderne, der sich am universitären, und damit westlichen Bildungsideal entzündet. Als sich ein Kunde als Akademiker offenbart, der ein Lexikon des senegalesischen Wolof zu Spanisch erarbeitet hat, muss er sich den Vorwurf anhören, Wolof damit akademisiert und getötet zu haben.

Eine erstaunlich differenzierte Diskussionen entspannt sich über den Sprachgebrauch – auf Deutsch würde man sagen: über das N-Wort. Schwarz ist dunkel und der Tod, aber eben auch eine Auszeichnung: „Négritude“ hieß die politische Philosophie etwa des ersten Präsidenten des unabhängigen Senegals, Léopold Séndar Senghor, zur Stärkung des Selbstbewusstseins der einst Kolonialisierten.

Wie weit es um das schwarze Selbstbewusstsein bestellt ist, darüber kann das Stück auf seine Weise eine Auskunft geben, und das bedeutet bei einem Autor, der auch immer Poesie mit Rap vereint hat, dass es ein einerseits ziemlich männlicher Abend wird, andererseits voller fröhlicher Energie mit Musik- und Tanzeinlagen: Da hiphopt der Barber und seine Kundschaft und schließlich die begeisterten Zuschauer – die, das sei dann doch bemerkt, in großer Mehrheit weißhäutige Menschen sind. Der Regisseur der französischen Fassung, Junior Mthombeni, schreibt es im Programmheft: Das Theater ist eigentlich kein Ort für uns Afrikaner, ich selbst fühle mich oft als der „eine“ Schwarze im Saal. Bleibt nach dem tosenden Applaus nur noch die Frage: Welches Bild von Afrika und seinen Menschen nimmt der Zuschauer mit nach Hause?

Beim nächsten Stück auf der Straßburger Bühne in nur drei Wochen geht es weiter im Migrantenstadel mit einem Werk über die Boatpeople aus Südostasien aus den 1970er Jahren. Sie gelten als Musterflüchtlinge mit komplett gelungener Integration. Trotzdem blieben den einst Geflüchteten rückblickend die Narben ihres Schicksals. Gerade die besonders gutgemeinte Hilfe übte hohen Druck auf die Ankömmlinge aus. Aus den Erinnerungen von einstigen Boatpeople hat die Autorin Marine Bachelot Nguyen, die Kind von vietnamesischen Einwanderern ist, ihr Stück über Migration und Integration zusammengestellt. Vermutlich wird es an diesem Theaterabend weniger beschwingt zugehen als im Barbershop, aber -hoffentlich- nicht weniger differenziert und damit -auf seine Weise- nicht minder spannend.

Théâtre national de Strasbourg TnS – Salle Koltès
Barber Shop Chronicles

Theaterrevue von Inua Ellams
täglich bis FR 14. November, außer Sonntag

Boat People
Gesammelte Zeugnisse und Texte von Marine Bachelot Nguyen

ab DI 18. bis FR 28. November, außer Sonntag

Tickets und Informationen gibt’s HIER! 

Folgende Stücke bis Jahresende im TnS:

Une Ville – 20. bis 26. November – Espace Grüber
Andromaque – 3. bis 18.12. – Salle Koltès

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