Das „McKinsey-Gate“
Der Skandal platzt zur Unzeit. Ganz kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich stellt sich heraus, dass die französische Regierung McKinsey riesige Summen in den Rachen geworfen hat.
Es sieht so aus, als hätten die Berater die Regierung übernommen... Foto: Tomwsulcer / Wikimedia Commons / CC0 1.0
(KL) – Emmanuel Macron, noch-Präsident Frankreichs, hat bei „seinem“ McKinsey-Skandal schlechtere Karten als vor ihm Ursula von der Leyen. Die damalige Verteidigungsministerin sollte erklären, warum sie der Beratungsfirma McKinsey riesige Summen für Aufträge bezahlt hatte, die eigentlich von den vielen Beamten in ihrem Ministerium hätten erledigt werden können. Doch bevor sie dieser Skandal den Job kosten konnte, stolperte Von der Leyen dank Merkels Hilfe die Treppe hoch und bekam als „Trostpreis“ den wichtigsten Job Europas – als Präsidentin der Europäischen Kommission. Das war knapp und niemand sprach mehr vom „McKinsey-Gate“ der Verteidigungsministerin. Doch diese Option gibt es für Macron nicht. Die nationale Finanz-Staatsanwaltschaft (PNF) hat die Ermittlungen aufgenommen und wenige Tage vor der Wahl ist das natürlich ganz schlecht für Macron.
„Dann sollen sie doch klagen!“, kanzelte ein patziger Macron kritische Nachfragen zum Thema „McKinsey“ ab – eine typische Macron-Reaktion in Situationen, in denen er keine richtige Antwort parat hat. Doch diese Reaktion wird nicht ausreichen, denn sowohl der französische Senat als auch die Staatsanwaltschaft möchten mehr wissen. Zum Beispiel, warum McKinsey 10 Jahre lang keine Steuern in Frankreich zahlte, obwohl einer der McKinsey-Bosse unter Eid ausgesagt hatte, dass seine Firma brav ihre Steuern entrichtet. Und auch die Frage der Finanzierung der Macron-Wahlkämpfe 2017 und 2022 wird in der nun stattfindenden Untersuchung eine Rolle spielen. Mit „dann sollen sie doch klagen“ wird sich Macron aus dieser Nummer kaum herauswinden können.
Das (nicht nur in Frankreich) herrschende McKinsey-System wird immer offensichtlicher. Die „Tagessatz-Könige“ der Beraterwirtschaft haben in vielen Ländern faktisch die Macht übernommen und Politiker übernehmen die McKinsey-Empfehlungen 1:1. Wenn es gutgeht, kassieren die Politiker die Credits ein, wenn es schiefläuft, traut sich ohnehin niemand an McKinsey heran. Doch ist eine „Berater-Republik“ das, was die Menschen wollen? Vor allem, wenn die Berater aus den USA kommen und alles andere als die Interessen ihrer Arbeitsländer vertreten? Und noch einmal: Wofür bezahlt der Staat Hunderttausende Beamte, wenn deren Aufgabe nur noch darin besteht, die Berichte von McKinsey abzuzeichnen, diese weiterzugeben und die Rechnungen zur Zahlung anzuweisen?
Langsam versteht man auch, warum Macron kaum noch Berater im Elysee-Palast um sich herum duldet – dafür hat er ja seine McKinsey-Berater, bei denen man sich inzwischen die Frage stellt, ob sie es nicht sind, die Frankreich regieren, während der Präsident seine Zeit seiner eitlen Selbstdarstellung widmet.
Der Senat, in dem die Konservativen, die Sozialisten und die Zentristen über eine solide Mehrheit verfügen, wird in dieser Angelegenheit nicht locker lassen. Allerdings wird Macron auf keine Fragen antworten, das tut er genauso wenig, wie sich der demokratischen Wahlkampf-Debatte zu stellen. Doch werden die im Senat vertretenen Parteien bis zum zweiten Wahlgang der Parlamentswahlen, die fast direkt nach den Präsidentschaftswahlen stattfinden, nicht locker lassen. Schlechte Nachrichten für die Abgeordneten der „Macronie“, die für die Parlamentswahlen mit einem Desaster rechnen müssen. Für dieses Desaster werden sie sich bei ihrem Chef bedanken können, doch viel mehr als „dann sollen sie doch klagen“, werden sie von ihm auch nicht bekommen. Und am Ende bleibt die Frage, ob sich Frankreich in Richtung einer „Bananen-Republik“ oder doch eher in Richtung einer „McKinsey-Republik“ verändert. Diese Frage werden die Franzosen bei den Präsidentschaftswahlen und den Parlamentswahlen beantworten dürfen.
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