Der Krieg kam über Nacht

Wladimir Putin hat den Krieg nach Europa zurückgebracht und schafft über Nacht Tatsachen. Die Sanktionen werden von allen Seiten auf Russland regnen, doch Putin dürfte das egal sein.

Der Krieg ist zurück in Europa. Foto: ВО «Свобода» / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 3.0

(KL) – Was für eine Inszenierung! Wladimir Putin hatte alles vorbereitet, um seinen Zugriff auf die Ostukraine zu begründen. Ein paar inszenierte Anschläge auf den Donbass, angeblich durch die ukrainische Armee, die Evakuierung von Zehntausenden Frauen und Kindern aus Donetzk und Luhansk, bis nur noch „pro-russische Separatisten“ vor Ort waren, dann am Abend die Anerkennung der „Volksrepubliken Donetzk und Luhansk“, in der Nacht die Zusicherung von „militärischem Beistand“ für diese Regionen und die sofortige Verlagerung russischer Truppen in diese beiden Regionen der Ostukraine. Wladimir Putin hat damit den Krieg begonnen, das Horrorszenarion wird Realität. Doch die Sanktionen, die von allen Seiten angekündigt werden, dürften Putin nur wenig interessieren – der Kreml hat diesen Schlag gründlich vorbereitet.

Am Abend hatte Putin per Dekret der „Bitte um Anerkennung“ durch die Separatisten in den Regionen Luhansk und Donetzk Folge geleistet und in den Stunden danach bereits die Militärpräsenz der Roten Armee in diesen beiden Regionen zementiert und entsprechende Truppen in Bewegung gesetzt. Heute stehen russische Soldaten in der Ostukraine und Putin hat der Welt den Krieg erklärt. Die drängende Frage stellt sich nun, wie sich diese Situation weiter entwickelt.

Der Westen ist sich einig, die Besetzung der Ostukraine ist ein eklatanter Bruch des Völkerrechts und des Minsker Abkommens, doch hält diese Feststellung Putin nicht auf. Die Sanktionen, die der Westen nun verhängen wird, dürften im Kreml bereits ausführlich vorgeplant worden sein und man muss damit rechnen, dass Russland bei diesem Vorgehen von China unterstützt wird, wobei die große Gefahr besteht, dass China die Gelegenheit für einen Angriff auf Taiwan nutzt.

Wir stehen vor einem Flächenbrand. Leidtragende werden, wie bei jedem Krieg, die Zivilbevölkerungen sein. Putins Angriffskrieg auf die Ostukraine ist in keinster Weise durch ein „russisches Sicherheitsbedürfnis“ zu rechtfertigen, niemand hatte auch nur die leisteste Aggression auf Russland vorbereitet oder gar durchgeführt. Und Putin macht dort weiter, wo er 2014 mit der Annektierung der Krim angefangen hatte. Seitdem herrscht ein nicht erklärter Krieg im Donbass, geführt von russischen Soldaten, der bisher rund 14.000 Todesopfer gefordert hat. Doch waren diese Jahre nur der Auftakt zu dem, was Putin heute inszeniert.

Doch was werden Sanktionen nun bewirken? Nichts von dem, was der Westen nun tun kann, wird Putin überraschen oder gar dazu bewegen, seine kriegerische Aktion zu beenden. Niemand wird Truppen in die Ukraine entsenden und die ukrainische Armee selbst wird keine Chance gegen Russland haben. Aber wird die Welt einfach zuschauen, wie sich Putin Stück für Stück die Ukraine einverleibt?

Die Welt steht vor einer radikalen Neuordnung. Putin hat den Krieg erklärt, seine Truppen stehen in einem Angriffskrieg im Nachbarland Ukraine und die zahlreichen „Garantien für die Unverletzbarkeit des ukrainischen Staatsgebiets“ sind heute nichts mehr wert. Militärisch ist die Ukraine umzingelt, es war auch kein Zufall, dass bei den letzten Raketentests der belorussische Diktator Lukaschenko, eine Marionette Moskaus, neben Putin saß. Wer oder was soll Putin jetzt davon abhalten, seine Basen in der Ostukraine zu befestigen und dann den Zugriff auf die ganze Ukraine zu starten?

Es ist wie zu Beginn jedes großen Krieges. Niemand wollte ihn, nun haben wir ihn. Fast 80 Jahres des Friedens in Europa sind vorbei, der Krieg hat uns eingeholt und es handelt sich nicht etwa um einen „Kalten Krieg 2.0“, sondern um eine militärische Auseinandersetzung, die sich blitzartig in einen Flächenbrand ausweiten kann. Die Jahre der Annäherung sind vorbei, Russland hat der Welt den Handschuh hingeworfen und es steht zu befürchten, dass sich Putin rechtzeitig die Unterstützung aus dem Osten gesichert hat – es besteht das Risiko, dass die Welt künftig von Russland und China gemanagt wird.

Heute muss der Westen reagieren und er wird alles daran setzen, mit Sanktionen zu reagieren. Putin wird das egal sein. Seine Armee steht in der Ostukraine und bedroht nun auch offen die gesamte Region. Die Nacht vom 22. auf den 23. Februar 2022 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Russland hat den Krieg begonnen.

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