Der rasante Sturz des Diktators Bashar al-Assad
Lange Jahre hat der blutrünstige Diktator Bachar al-Assad sein Volk geknechtet und rund 400.000 seiner Landsleute getötet. Nun ist er gestürzt. Und jetzt?
Die Schraubzwinge, mit der al-Assad das syrische Volk drangsaliert hatte, hat ihn nun selbst erwischt. Foto: Carlos Latuff / Wikimedia Commons / PD
(KL) – Die Situation in Syrien fängt an, der Entwicklung in Afghanistan zu ähneln. Islamistische Milizen, die aus reinen Terror-Organisationen hervorgehen, haben das blutige Regime Assad gestürzt, den Diktator aus dem Land gejagt und werden nun ein neues Regime einrichten. Da nach wie vor Russland und die USA massive Interessen in Syrien haben, ganz zu schweigen von der Türkei und dem Iran, geben sich die Islamisten momentan geradezu zivilisiert, doch das hatten die Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan auch getan. Aber nach einer gemäßigten Anfangsphase hatten die Taliban ihrer Bevölkerung wieder Daumenschrauben angelegt und die Situation für die Menschen in Afghanistan deutlich verschlimmert. Das könnte nun auch Syrien drohen.
Der Sturz Assads, den weder Russland, noch die Türkei, noch die USA, noch Frankreich betrieben hatten, verändert die Lage im Nahen und Mittleren Osten massiv. Natürlich freuen sich heute viele Syrer, die unter Assads Mörder-Regime gelitten hatten, über den Sturz des Diktators, der in Moskau Unterschlupf gefunden hat. Doch kann die Freude über den Sturz dieses Diktators nicht darüber hinwegtäuschen, dass bereits das nächste brutale Regime auf die Syrer wartet, und dass auch die Spannungen mit Israel nicht weniger werden, denn immerhin steht die „HTS-Miliz“ in den südlichen Golan-Höhen bereits an der Grenze zu Israel.
Niemand kann heute sagen, wie sich die Lage in den nächsten Tagen in Syrien entwickeln wird, von welchen Seiten das neue Regime unterstützt werden wird, wie es sich gegenüber den Kurden verhalten wird, die vor nicht allzu langer Zeit den „Islamischen Staat“ im Norden Syriens entscheidend besiegt hatte. Es ist durchaus denkbar, dass die Kurden nun von zwei Seiten her angegriffen werden – von der Türkei, deren Präsident Erdogan weiter gnadenlos gegen die Kurden vorgeht und von der „Islamistischen Miliz“, die ebenfalls gegen die Kurden vorrücken könnte.
Dazu könnte es nun zwei Migrations-Bewegungen geben. Ins Land zurückkehren wollen viele geflüchtete Syrer, die vor dem Assad-Regime geflüchtet sind und nun die Hoffnung auf eine geordnetere Zukunft in ihrem Land haben – aus Syrien flüchten werden nun diejenigen, die sich als Erfüllungsgehilfen des Assad-Regimes schuldig gemacht haben. Zur Ruhe kommen wird Syrien nicht und alles hängt nun davon ab, wie sich der Islamisten-Führer Abu Mohammed al-Dschulani verhält, der momentan Kreide gefressen hat, um keine starken Reaktionen der Großmächte zu provozieren. Doch sollte man nicht vergessen, dass die HTS-Miliz unter Führung von al-Dschulani ihre Ursprünge in der Terror-Organisation Al-Kaida hat und es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Gruppierung grundlegend ihrem radikalen Islamismus abgeschworen hat.
Ansonsten sind die Reaktionen unterschiedlich. Die USA haben 75 Luftangriffe auf den Norden Syriens durchgeführt und wollen offenbar ihre Präsenz in diesem geostrategisch so wichtigen Land nicht aufgeben. Gleiches gilt für Russland, aber auch den Iran – alle wollen zumindest einen Fuss in Syrien behalten, während sich Erdogan wie immer auf seinen Krieg gegen die Kurden im Norden des Landes konzentriert.
Bevor man jetzt der HTS-Miliz laut Beifall klatscht, sollte man ein paar Tage abwarten, wie sich die Lage in Syrien entwickelt. Dass der Schlächter al-Assad nicht mehr im Land ist, kann man positiv bewerten, doch aus dem Schneider ist Syrien noch lange nicht. Es könnte sogar sein, dass das Land vom Regen in die Traufe gerät, nämlich dann, wenn sich die HTS-Miliz ähnlich wie die Taliban in Afghanistan verhalten. In dieser verworrenen Lage in einer ebenso verworrenen Region ist in nächster Zukunft alles möglich, von einer Verbesserung der Lage bis hin zum völligen Chaos.
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