Die 1930er Jahre im Tönerausch – Konzert der OPS

In Deutschland historisch zu Recht als dunkel wahrgenommen, so waren anderswo die 1930er Jahre gute Jahre. Das Konzert der Straßburger Philharmonie am heutigen Donnerstag lässt den kulturellen Reichtum der Epoche aufklingen.

Im Maschinenraum der Musik - eine Pacific 231 gibt den Takt und die Töne vor, die schließlich am Donnerstag in Straßburgs Palais de la Musique et des Congres erklingen werden. Foto: Crochet.david / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 2.5

(Michael Magercord) – Die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts waren ein reiches Jahrzehnt. Einer der Höhepunkte der Kultur des Jahrhunderts. Was aus deutscher Sicht auf diese Jahre kaum vorstellbar ist, gilt für seine europäischen Nachbarn. Vor allem auch im Austausch mit dem schließlich auch kulturell aufstrebenden Amerika entwickelte sich ein eigener Stil der musischen Künste, der seinerzeit völlig an Deutschland vorbeiging.

Das anstehende Konzert der Straßburger Philharmonie OPS wird vier Werke aus der Zeit präsentieren. Den Auftakt macht eine kurze, aber intensive Reise mit der Pacific 231. Arthur Honegger, der Schweizer Komponist mit einem Hang zu Dampflokomotiven, komponierte eine kurze Hommage an den seinerzeit meistgebauten Typus der Schnellzuglok. Die Ziffernfolge bezeichnet die besondere Achsenfolge des Triebwagens mit einem vierrädigen, drehbaren Vordergestell. Diese Lok zog seinerzeit den Orientexpress durch halb Europa und die Pazifikbahn in Amerika. Zur Musik geworden rast die Lok in einem mathematisch strengen Rhythmus erst wie wild davon, um dann langsam abzubremsen – und das alles in kaum sieben Minuten. Dabei soll aber nicht der Krach des Kohlenkessels als klangliche Leitschnur gedient haben, sondern das wohlige Empfinden seiner Schnelligkeit.

Im gewissen Sinne ist auch das zweite Werk des Abends ein Produkt der Schwerindustrie. Das „Klavierkonzert für linke Hand“ war ein Auftragswerk des österreichischen Pianisten Paul Wittgenstein an den französischen Komponisten Maurice Ravel. Der Klaviervirtuose hatte im industriellen Sperrfeuer des Ersten Weltkriegs seinen rechten Arm verloren, doch bestellte er bei einem der seinerzeit bekanntestes Tonsetzern ein virtuoses Werk für die verbliebene linke Hand. Es sollte ein Stück werden, das trotzdem den Eindruck erweckt, von zwei Händen gespielt zu werden und gleichsam klassisch als auch ein wenig jazzig zu klingen. Der auftraggebende Pianist war äußerst unzufrieden mit seiner Bestellung, ihm war es nicht virtuos genug. Da der erboste Musikant auch der Rechteinhaber war, kam das zwanzigminütige Werk kaum zur Aufführung – umso schöner, dass es nun in Straßburg zu hören sein wird.

Mehr lässt sich über Sergej Rachmaninows „Paganini-Rhapsody“ kaum sagen, als dass sie das vielleicht abwechslungsreichste wie gleichwohl stimmigste Klavierkonzert der neueren Zeit ist. Ein europäisches Meisterwerk, entstanden unter den Bedingungen des Kulturbetriebs im Amerika der 30er Jahre: leicht und virtuos und doch ebenso ergreifend. Eine vollkommene Komposition, keine einzige Note sei überflüssig, sagt der Pianist Lukáš Vondráček, der sie zusammen mit den vier Klavierkonzerten des russischen Komponisten 2023 fulminant eingespielt hatte.

Den großen Abschluss des Konzertes wird ein seltenes symphonisches Werk des eigentlich eher als Brecht-Komponist bekannt gebliebenen Exilanten Kurt Weill machen. 1933 wurde Paris die erste Station seiner Flucht aus Deutschland. Dort ereilte ihn der Auftrag zu seiner 2. Symphonie, die seine letzte werden sollte: Eine knappe halbe Stunde, die sich aus der Würde eines Trauermarsches zur Tarantella steigert. Mit ihren fast mozartinen und mahlerhaften Anleihenaus volkstümlichen und romatischen Klängen ließe sich dieses klassische Orchesterwerk auch als Abschied von der deutschen Musik verstehen. Denn gleich nach ihrer Uraufführung zog Kurt Weill weiter in die USA, wo er nach eigener Aussage seine musikalische Heimat fand.

Konzert der Straßburger Philharmonie OPS

Arthur Honegger – Pacific 231

Maurice Ravel – Klavierkonzert für linke Hand

Sergej Rachmaninow – Paganini Rhapsody

Kurt Weill – 2. Symphonie

Dirgent: Aziz Shokhakimov
Klavier: Anna Vinnitskaya

Palais de la Musique et des Congrès

DO 21. Mai, 20 Uhr

Infos und Tickets gibt es HIER! 

Konferenz vor dem Konzert (auf Französisch)

Luciana Colombo über eine „Fantasie im Exil“ von Kurt Weill
19 Uhr im Marie-Jaëll-Saal im PMC, Eintritt frei

Folgendes Konzert im PMC:

Die neue Saison wirft ihre Schatten voraus: Am DO 28. Mai erfolgt das übliche Konzert zur Präsenation der Spielzeit 26/27 mit Auszügen der wichtigsten Werke der kommenden 10 Monate.

Eintritt frei für Abonnenten und Jugendliche unter 18 Jahren, sonst 5 Euro.

Im nächsten Monat

Den SA 27. Juni gilt es ebenso vorzumerken: Das beliebte Sommerkonzert im Jardin des Deux Rives steht dann wieder an: umsonst und draußen. Bei Regen übrigens einen Tag später.

Und noch ein CD-Hinweis für Genusshörer:

Alle vier Klavierkonzerte von Rachmaninow und seine Paganini-Rhapsody in einer neuen Aufnahme des Prager Symphonieorchesters FOK und dem Pianisten Lukáš Vondráček finden sich in einer Doppel-CD des Labels Supraphon – meisterhaft.

Weitere Informationen und Hörbeispiele finden sich HIER

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