Eine beispiellose Aufholjagd

Am 16. Oktober 2025 lag die CDU in den Umfragen zur Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg 14 Punkte (!) vor den Grünen. Aber die haben die Wahl gestern gewonnen.

Cem Özdemir ist der neue Ministerpräsident Baden-Württembergs. Foto: ScS EJ

(KL) – So etwas hat man wohl noch nicht erlebt – Innerhalb von wenigen Monaten haben die Grünen in Baden-Württemberg sage und schreibe 14 Punkte Rückstand aufgeholt und mit dieser Dynamik am Wahltag die CDU hinter sich gelassen. Allerdings sollte man wohl besser sagen, dass der neue Ministerpräsident Cem Özdemir die Wahl gewonnen hat, denn das hat er fast im Alleingang geschafft.

Zunächst die Zahlen (auf Grundlage der Hochrechnung von 19:24 Uhr – das amtliche Endergebnis reichen wir morgen nach): Bündnis 90/Die Grünen 31,4 % (-1,2 %); CDU 29,9 % (+5,8 %); AfD 18,1 % (+8,4 %); SPD 5,4 % (-5,6 %). Die FDP fliegt in ihrem Stammland mit 4,4 % aus dem Landtag, während Die Linke mit dem gleichen Ergebnis ihren ersten Einzug in den Landtag verpasste.

Da alle Parteien eine Koalition mit der AfD ausgeschlossen hatten, wird die Grün-Schwarze Koalition, die seit 15 Jahren in Stuttgart unter Winfried Kretschmann regiert hat, nun weitergeführt werden, weiterhin unter dem einzigen grünen Ministerpräsidenten in Deutschland, der nun eben Cem Özdemir statt Winfried Kretschmann heißen wird.

Für die CDU ist diese Niederlage ein echter Rückschlag und auch eine harte Nachricht an Friedrich Merz. Wenn man dazu das schlechteste Ergebnis rechnet, das die SPD je bei einer Landtagswahl geholt hat (5,4 %), muss man festhalten, dass diese Wahl eine dunkelgelbe Karte für die Berliner CDU-SPD-Koalition bedeutet.

Aus diesem Wahlsonntag ergeben sich viele neue Aspekte. Trotz des sensationellen Erfolgs der Grünen hat Baden-Württemberg einen Rechtsruck erlebt. CDU und AfD haben insgesamt 14,2 % dazugewonnen und die Grünen haben es einzig dem sehr beliebten Cem Özdemir zur verdanken, dass diese Aufholjagd erfolgreich verlief. Interessant ist, dass Özdemir auf vielen Wahlplakaten auf das Logo von Bündnis 90/Die Grünen verzichtete und einen reinen Personenwahlkampf führte – der Erfolg gibt ihm Recht.

Bedenklich ist bei diesem Auftakt zum „Superwahljahr 2026“ das gute Ergebnis der AfD. Dass fast ein Wähler von fünf den kruden Ideen der Rechtsextremen seine Stimme gegeben hat, ist ein beunruhigendes Zeichen für die weiteren Wahlen, die in diesem Jahr folgen werden. Dass die AfD mehr Stimmen dazugewonnen hat, als die SPD insgesamt geholt hat, sollte im Willy-Brandt-Haus in Berlin sehr sorgfältig analysiert werden, denn die SPD macht es ihrer französischen Schwesterpartei PS nach und hat sich auf den Weg hin zur politischen Bedeutungslosigkeit begeben. 5,5 % für die SPD sind ein Zeichen, dass eine Sozialdemokratie, die nicht fähig ist sich zu erneuern, ebenso überflüssig wird wie die FDP, die in ihrem Stammland aus dem Landtag geflogen ist. Auch bei der FDP wird man sich die Frage stellen müssen, wo man überhaupt noch bei Wahlen etwas gewinnen kann, wenn man selbst in Baden-Württemberg nicht mehr im Landtag sitzt.

Nun wird es in Baden-Württemberg so etwas wie Kontinuität geben, denn die Grün-Schwarze Koalition wird in dieser Konstellation auch die nächsten fünf Jahre im Ländle regieren. Das sah zwar noch vor wenigen Tagen anders aus, aber diese grüne Aufholjagd wird wohl in die Geschichtsbücher eingehen. Eine echte Sensation!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*



Copyright © Eurojournaliste