Elsass – Gedenken an die Befreiung
Gestern fand eine zentrale Gedächtnisveranstaltung zur Befreiung des Elsass zum Ende des II. Weltkriegs statt. Diese Gedächtnisarbeit ist heute wichtiger denn je.
Gestern wurde in der Europahauptstadt der Befreiung des Elsass gedacht. Foto: Eurojournalist(e) / CC-BY 2.0
(KL) – Gestern vormittag wimmelte es in der Straßburger Innenstadt von Soldaten in ihren besten Ausgeh-Uniformen. Denn in und um die Kathedrale herum fand eine zentrale Gedächtnisveranstaltung zur Befreiung des Elsass statt, nachdem das Elsass ganz besonders unter der Nazi-Herrschaft gelitten hatte. Gerade heute ist es wichtig, dass sich die Menschen daran erinnern, was Krieg eigentlich ist, wie viele Menschenleben und Zerstörungen Krieg kostet. Denn während man sich der Opfer der letzten Kriege erinnert, bereitet man bereits die nächsten Krieg vor.
In wohl jedem elsässischen Dorf, zumeist in der Nähe der Kirche oder des Rathauses, steht ein Gedenkstein, der „Unseren Toten“ gewidmet ist, darunter die Namen der aus dem jeweiligen Dorf stammenden Soldaten, die im I. oder II. Weltkrieg gefallen sind. Die Opfer, die Kriege fordern, dürfen nicht vergessen werden, denn sonst sind wir dazu verdammt, die Geschichte wieder und wieder zu erleben. Ein kluger Kopf sagte einst: „Wenn der letzte Zeuge des letzten großen Krieges gestorben ist, fängt der nächste an.“ Wenn man die heutige Entwicklung betrachtet, sieht es so aus, als würde das stimmen.
Die Millionen Opfer der beiden Weltkriege würden wohl protestieren, wenn sie den Satz hören, dass es „süß und ehrenvoll“ ist, fürs Vaterland zu sterben. Zahlreiche Gedenkorte für Schlachten im Elsass, wie auf dem Hartmannwillerkopf oder dem Col du Linge, aber auch die Soldatenfriedhöfe wie in Straßburg, zeugen davon, dass im Krieg junge Menschen für Interessen geopfert werden, die sie gar nicht kennen und für die sie in einen dreckigen Tod in kalten Schützengräben getrieben werden. Alleine auf dem Hartmannwillerkopf liegen 30.000 junge Franzosen und Deutsche, die auf diesem Berg im I. Weltkrieg ihr Leben ließen.
Auf diesem Berg, den die Einheimischen „Menschenfresser“ nannten, sind bis heute die Schützengräben erhalten, in denen sich die Soldaten beider Seiten in nur ein paar Metern Entfernung im Schlamm und in schweren, vom Regen getränkten Mänteln gegenüber standen und lagen. Da ist nichts „süß und ehrenvoll“, das sind Orte, an denen man zumindest ansatzweise den Horror des Kriegs begreift.
Diejenigen, die heute in ihren sicheren Büros oder auf dem Sofa nach „mehr Krieg“ schreien, diejenigen, die der Ansicht sind, dass „Putin nur Stärke versteht“, haben zumeist das Glück gehabt, in einer langen Friedensphase in Westeuropa gelebt zu haben. Sie haben keinen Krieg selbst erlebt, sie wissen nicht, wie grausam es ist, fern der Heimat im Schlamm zu sterben. Da lässt es sich leicht nach „mehr Krieg“ rufen, wenn man genau weiß, dass man selbst nicht in die Verlegenheit kommen kann, an die Front zu müssen.
Die Gedächtnisarbeit sollte sich aber nicht nur auf bestimmte Termine beschränken, wie den gestrigen Sonntag, den 11. November oder den 8. Mai. Gedächtnis- und Friedensarbeit, speziell mit jungen Menschen, sollte 365 Tage im Jahr stattfinden und vielleicht auch wieder Sätze wie „Krieg kann keine Lösung sein“ beinhalten.
Nun sollten alle daran mitarbeiten, dass die Steinmetze im Elsass nicht eines Tages wieder solche Gedenksteine herstellen müssen, auf denen dann wieder die Namen der Einheimischen stehen, die in den nächsten Kriegen sterben werden.
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