Frankreich – es fängt gerade erst an

Die gestrigen Demonstrationen in ganz Frankreich, begleitet von zahlreichen dezentralen Aktionen, Festnahmen, Musik und Auseinandersetzungen, waren der Auftakt zu einem heißen Herbst.

So friedlich die Proteste waren, es schwelt überall auch ein Gewaltpotential. Foto: Martin Van Klaveren / CC-BY 2.0

(KL) – Die „Ouvertüre“ zum heißen Herbst in Frankreich war der 10. September, der „Blockadetag“, an dem bereits erste große Demonstrationen stattfanden, doch der gestrige Streiktag war so etwas wie der Auftakt zu einem unruhigen Herbst. Doch auch, wenn die Demonstrationen, an denen nach Gewerkschaftsangaben über eine Million, nach Polizeiangaben 500.000 Teilnehmer in Frankreich dabei waren, in entspannter Happening-Atmosphäre abliefen, wie immer mit phantasiereichen Plakaten und Schildern, mit Musik und strahlendem Sonnenschein, so blitzte auch hier und da ein Gewaltpotential auf, das sich schnell ausbreiten könnte.

In Straßburg kam es am Rande der Demonstration, an der 15-20.000 Menschen teilnahmen (die Polizeiangaben liegen sehr weit unter dieser Zahl und der tatsächlichen Teilnehmerzahl), zu ein paar kurzen Scharmützeln, bei denen sieben Demonstranten festgenommen wurden; in Paris kam es zu deutlich schärferen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizisten.

Doch diejenigen, die sich durch gewalttätige Provokationen interessant machen wollen, sind weder Demonstranten, noch politisch engagiert, noch selbst organisiert – es sind zumeist Jugendliche, die ihr Mütchen kühlen und Revolution spielen wollen. Dass eine Schlägerei und Tränengasorgie in Straßburg nicht in Paris die neue, jetzt schon höchst unbeliebte Regierung zum Rücktritt bewegen wird, sollte der Handvoll gewaltbereiter Trittbrettfahrer eigentlich auch klar sein.

Auch, wenn gestern Abend die französische Politik auf den linientreuen Sendern erleichtert tat und diese neue Protestbewegung fast schon belächelte, so muss man abwarten, ob sich diese neue Protestbewegung ähnlich entwickelt wie 2018 die „Gelbwesten“. Zum einen ist die Unzufriedenheit der Franzosen mit dem Pariser Machtzirkus unter Emmanuel Macron sehr groß und wächst täglich weiter, zum anderen ist schwer abzusehen, ob und wie weit gewaltbereite „Casseurs“ in diese neue Bewegung hineinrutschen können.

In wenigen Tagen sind die nächsten Bauernproteste angesagt, die in Frankreich traditionell sehr hohes Konfliktpotential bergen und dann werden die 8 Gewerkschaften, die den gestrigen Tag organisiert hatten, überlegen, wie sie nun weiter mit dieser hohen Mobilisierung umgehen wollen. Nur eines ist heute bereits klar: So lange Emmanuel Macron weiter die letzten Wahlergebnisse von vor einem Jahr ignoriert und seine bereits dreimal abgewählte Politik einfach weiterführt, so lange wird Frankreich nicht zur Ruhe kommen.

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