Frankreichs Gesellschaft ist zerrissen

Die Krawallorgien der letzten Woche zerreißen die französische Gesellschaft. Angesichts der Hilflosigkeit vor der explodierenden Gewalt gehen die Franzosen nun aufeinander los.

Einkaufsbummel in Tränengasschwaden - daran kann man sich nicht gewöhnen. Foto: Eurojournalist(e) / CC-BY 2.0

(KL) – Am Wochenende ebbten die Gewaltorgien in Frankreichs Städten etwas ab, ohne zur Ruhe zu kommen. Doch die Vorstellung, dass dies bereits das Ende dieser Gewalt junger Menschen aus den Problemvierteln sei, ist trügerisch. Zumal die Intensität der Auseinandersetzungen in Städten wie Marseille, Lyon oder Paris kaum abgenommen hat. Die Gewaltexzesse auch in anderen Städten können sich jederzeit wieder intensivieren und das ist eigentlich auch wahrscheinlich. Selbst, wenn es die 45.000 mobilisierten Polizisten schaffen sollten, die Situation kurzzeitig etwas zu beruhigen, so ändert das nichts an den Problemen, die diese Unruhen ausgelöst haben.

Die Fassungslosigkeit angesichts der Plünderungen, Brandschatzungen, Zerstörungen und Auseinandersetzungen spaltet jetzt auch noch die französische Gesellschaft. Während die einen mit Forderungen nach der Todesstrafe, der Wiedereinführung der Wehrpflicht und härtester Strafen antreten, ja sogar schon Neonazi-Gruppen mit Baseball-Schlägern Jagd auf Jugendliche machen, verteidigen die anderen die Gewaltexzesse als „legitimen Ausdruck“ einer ansonsten sprachlosen Jugend. Die Diskussionen in den sozialen Netzwerken zeigen, wieso die Rechtsextreme Marine Le Pen letztes Jahr in der Stichwahl ums Präsidentenamt fast die Hälfte der Stimmen der Franzosen erhielt. Der braune Sumpf kommt aus seinen Löchern gekrochen, während die Allesversteher selbst für lebensgefährliche Brandstiftungen Verständnis zeigen. Ein Dialog zwischen diesen Bevölkerungsgruppen ist schon gar nicht mehr möglich und während das ganze Land rätselt, wie es nun weitergehen soll, wird die Stimmung immer gereizter und aggressiver.

Nur – wie will man die Fehler der letzten 40 Jahre korrigieren? Um die Fehlentwicklungen dieser Jahrzehnte zu korrigieren, bräuchte es Konzepte, Zeit und Geld. Frankreich verfügt über keines dieser drei Elemente. Daher mag die aktuelle Repression, bei der bereits über 3000 randalierende Jugendliche verhaftet wurden, kurzfristig für ein wenig trügerische Ruhe sorgen, doch löst diese Repression keine Probleme, im Gegenteil. Gewalt provoziert immer Gegengewalt und so werden sich beide Seiten immer weiter aneinander abarbeiten, bis die nächsten schlimmen Zwischenfälle wie der Tod des 17jährigen in Nanterre passieren, die sofort wieder die Lunte des Pulverfasses anzünden werden.

Was immer die Regierung nun entscheidet, das Land wird nicht zur Ruhe kommen. Die Regierung und ihr Präsident, bei der Mehrheit der Franzosen spätestens seit der als höchst undemokratisch empfundenen Rentenreform ohnehin sehr unbeliebt, werden für keine Maßnahme Unterstützung oder Beifall erhalten. Dass Frankreich nun auch noch in einer Reihe letztlich kaum abzusichernder Veranstaltungen einbiegt, mit Tour de France, Rugby-WM und dann den Olympischen Spielen, macht die Situation nicht leichter.

Nach fünf Jahren der Dauerproteste, bei denen fast jedes Wochenende die französischen Städte brannten, wird Frankreich auch als Urlaubsziel immer unattraktiver. Wer fährt auch schon zur Entspannung in ein Land, in dem man damit rechnen muss, dass eines Morgens das Auto abgefackelt ist? Und was dachten am Freitag die Touristen in Straßburg, die von Tränengas eingenebelt wurden? Wer solche traumatisierenden Situationen erlebt, wird auch zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr herkommen.

Die französische Gesellschaft ist heute zutiefst gespalten und der Ruf nach der Armee und der „harten Hand“ ist nicht mehr zu überhören. Scheiterten die Rechtsextremen letztes Jahr noch knapp davor, die Macht zu übernehmen, pfeifen es die Spatzen heute von den Dächern – der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin wird aus dem rechtsextremen Lager kommen und nach und nach fällt ein europäisches Land nach dem anderen in die Hände von Neonationalisten, Xenophoben und repressiven Staatsführern. Man darf gespannt sein, wie sich die Lage in Frankreich in dieser neuen Woche entwickelt. Optimismus ist hier allerdings nicht angebracht.

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