Frankreichs rechte Allzweckwaffe
Der in Deutschland weitgehend unbekannte Innenminister Bruno Retailleau ist der neue Hoffnungsträger der französischen Rechten. Dabei steht er weit rechts bei den Rechten.
Bruno Retailleau, der Falke in der französischen Regierung, strebt das höchste Staatsamt an. Foto: Anthonymontardyfr / Wikimedia Commons / CC-BY 4.0int
(KL) – Bruno Retailleau ist die politische Überraschung Frankreichs in diesem Sommer. Obwohl seine Partei „Les Républicains“ bei der vorgezogenen Parlamentswahl 2024 nur 5,41 % der Stimmen holte, liegt der Mann, der bereits seine Kandidatur für die nächste Präsidentschaftswahl 2027 verkündet hat, momentan in den Umfragen zwischen 15 und 17 %, was daran liegt, dass der Law-and-Order-Politiker eine Art Schnittstelle zwischen der „gemäßigten“ Rechten und den Rechtsextremen darstellt. Allerdings sind viele seiner Positionen sehr stark mit den Rechtsextremen kompatibel, was den Franzosen aber offenbar nicht mißfällt. Und so wird Retailleau plötzlich der einzige, dem man zutraut, dem rechtsextremen Rassemblement-ex-Front National Stimmen abzujagen.
Dabei findet Retailleau nicht nur Zustimmung bei den Rechtsextremen, sondern auch in der „Macronie“, obwohl seine Partei nur über 39 der 577 Sitze in der Nationalversammlung verfügt und damit zu den kleineren Parteien im Parlament gehört. Somit ist Retailleau also durchaus ein akzeptabler Kandidat für die Wählerschaft ganz rechtaußen, aber auch im Mitte-Rechts-Lager und das erklärt seine Umfragewerte, die dreimal so hoch liegen wie die Werte für seine Partei.
Gerade zu Themen wie Immigration oder Drogen- und Bandenkriminalität ist Retailleau ganz auf der harten rechten Linie und dafür erhält er Beifall. So entzog er gestern einem Marokkaner, der die schlechte Idee hatte, sich eine Zigarette an der Flamme des Grabes des unbekannten Soldaten unter dem Arc de Triomphe anzuzünden, ohne viel Federlesen dessen Aufenthaltserlaubnis für Frankreich, was verständlicherweise einhellige Zustimmung bei den Franzosen fand. Doch der Teufel ist ein Eichhörnchen und da sich Marokko weigert, seine aus Frankreich ausgewiesenen Straftäter aufzunehmen, wird dieser Marokkaner mit seinem ellenlangen Strafregister dann eben ohne Erlaubnis weiterhin in Frankreich bleiben. Merke: Auch rechte Falken stolpern manchmal über „Kleinigkeiten“.
Die Chancen Retailleaus auf den Präsidentenposten sind auf jeden Fall intakt, auch, wenn er in den Umfragen klar hinter dem rechtsextremen Kandidaten Jordan Bardella (31 %) und dem Mitte-Rechts-Kandidaten Edouard Philippe (21 %) zurückliegt. Das linke Lager hat Retailleau bereits weit hinter sich gelassen und so, wie sich die zerstrittenen Parteien aus dem linken Spektrum darstellen, haben sie bei den nächsten Wahlen ohnehin keine Chance. Also dürfte sich die Präsidentschaftswahl 2027 zwischen Bardella, Philippe und Retailleau entscheiden, wobei bis 2027 noch sehr viel passieren kann. Das einzige, was zum Glück sicher ist, ist dass Amtsinhaber Emmanuel Macron, der wohl schlechteste Präsident der V. Republik, nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren darf und das wird dann endlich auch das Ende der „Macronie“ sein, die trotz ihrer selbstherrlichen Kommunikation Frankreich fast ruiniert hat.
Während 2027 Jordan Bardella auf die rechtsextremen Kräfte bauen muss, haben Edouard Philippe und Bruno Retailleau den Vorteil, dass sie Wähler aus einem wesentlich breiteren Spektrum mobilisieren können und selbst Wähler aus dem linken Lager könnten sich bei einer Stichwahl zwischen Bardella und einem der beiden anderen Kandidaten noch dafür entscheiden, lieber für Retailleau oder Philippe zu stimmen, um eine Präsidentschaft des Rechtsextremen zu verhindern. Was Bruno Retailleau anbelangt, dürften die Franzosen dann allerdings keinen großen Unterschied zwischen Retailleau und Bardella spüren, denn dazu liegen ihre jeweiligen Positionen zu dicht beieinander.
Dass inzwischen kein einziger Kandidat aus dem linken Spektrum auch nur die Spur einer Chance hat, ist ein deutliches Zeichen für den Rechtsruck, den das Land gerade erlebt. Der Chef der LFI Jean-Luc Mélenchon hat sich mit seiner Treue zu südamerikanischen Diktatoren und seinen Sympathien für palästinensische „Freiheitskämpfer“ unwählbar gemacht, ebenso wie der „Totengräber der PS“ Olivier Faure, von den Kommunisten und den Grünen, die bei 3 % vor sich hindümpeln, ganz zu schweigen.
Auf jeden Fall sollte man in den nächsten beiden Jahren ein wenig darauf achten, was Bruno Retailleau macht – denn es könnte durchaus passieren, dass der Mann der nächste Präsident Frankreichs wird, indem er die Wählerstimmen aus dem ganzen rechten und ganz weit rechten Lager abgreift.
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