Frankreichs Schicksalstag (1)
Heute sind die Franzosen zum ersten Wahlgang der vorgezogenen Parlamentswahlen aufgerufen. Dabei scheint jetzt schon klar zu sein, dass sich das Land ins politische Chaos stürzt.
Heute wird mit einer hohen Wahlbeteiligung in Frankreich gerechnet... Foto: Rama / Wikimedia Commons / CC0 1.0
(KL) – Erst vorgestern haben wir von den amerikanischen Präsidentschaftswahlen berichtet und der geradezu pathetischen Wahl zwischen einem angeschlagenen Greis und einem verurteilten Straftäter. Doch das, was die Franzosen heute Abend und vor allem am nächsten Sonntag erwartet, ist nicht viel besser. Das einzige, was klar zu sein scheint, ist, dass es eine recht hohe Wahlbeteiligung geben wird. Und was sich ebenfalls abzeichnet, ist dass sich die V. Republik auf der Zielgeraden befindet – denn die Verfassung dieser V. Republik weist große Schwächen auf, die es Präsident Macron ermöglicht haben, das Land ins Chaos zu stürzen. Seine Hoffnung, sich dann als „weißer Ritter“ und Retter aufspielen zu können, dürfte sich bereits heute zerschlagen – die große Mehrheit der Franzosen hat verstanden, dass dieser Mann nicht in der Lage ist, irgendetwas Konstruktives auf die Beine zu stellen, sondern dass er lediglich die komplette Politiklandschaft zerstören konnte.
Alles an diesen Neuwahlen hat ein Gschmäckle. Natürlich wusste Macron, dass seine Partei bei der Europawahl am 9. Juni eine denkwürdige Schlappe einstecken würde, weswegen die Auflösung des Parlaments eine Stunde nach Verkündung der Ergebnisse am 9. Juni nicht etwa eine spontane Laune des Herrschers war, sondern eiskaltes politisches Kalkül. Dass der Präsident seitdem sogar von „Bürgerkrieg“ in Frankreich spricht, falls sich die Franzosen nicht für seine Kandidaten entscheiden sollten, ist ebenfalls ein Novum in der V. Republik und zeigt, dass Macron vor nichts zurückschreckt, um seine Macht zu erhalten.
Wie immer auch dieser erste Wahlgang ausgehen wird, die Zeichen stehen auf Sturm. Für heute Abend sind bereits in vielen Städten Demonstrationen angekündigt, bei denen es zu Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen kommen kann. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Extermisten aller Lager sind mobilisiert wie selten zuvor, und die Woche bis zum zweiten Jahrgang wird sehr hart werden.
Frankreich ist zutiefst gespalten und das ist das Ergebnis von sieben Jahren eines Präsidenten, der sich immer noch für einen Monarchen hält und wie Nero Freude daran empfindet, wenn es in seinem Land brennt. Die erwartet hohe Wahlbeteiligung zeigt einerseits, dass die Franzosen verstanden haben, dass es bei dieser Wahl um eine Richtungswahl geht, bei der sich entscheiden wird, ob Frankreich in die Hände der Rechtsextremen fällt, was allerdings für mehr als ein Drittel der Franzosen keine Horrorvision mehr ist. Dazu könnte es gut sein, dass die Umfragen widerlegt werden und es zu Ergebnissen kommt, die alle überraschen werden. Man wird sehen, was ab heute Abend in Frankreich passieren wird, aber gut wird das alles nicht ablaufen.
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