Gähnen im weiten Rund

Am Donnerstag wurde die erneute Nominierung der EU-Kommissionspräsident im Parlament von Straßburg per Mehrheitsvotum bestätigt. Spannung kam nicht auf, Ursula von der Leyen war von Beginn an so gut wie gewählt. Ein gelangweilter Bericht über ein langweiliges Ereignis.

Über den Bildschirm ist die Auserwählte unter uns... Foto: © Michael Magercord

(Michael Magercord) – Achtung! Zu Beginn dieses Erlebnisberichtes von dem wichtigsten Ereignis der ersten Sitzungswoche des neugewählten Parlamentes der 500 Millionen Europäer erfolgt eine Warnung: Dieser Text ist stocklangweilig. Allerdings ist das nicht seine Schuld. Es liegt an dem Ereignis, von dem er pflichtschuldig berichtet. Kurz: Es folgt ein Bericht über die erneute Wahl der alten Kommissionspräsidentin der EU, die am vergangenen Donnerstag auf dem Sitzungsplan des Straßburger Parlaments stand. Wir hoffen natürlich, dass sich der ein oder andere Leser an diesem verregneten Sonntag (?) trotzdem der Muße des Lesens hingibt. Um das Ganze etwas aufzulockern, haben wir einige Fotos beigefügt: Ist auf ihnen die Langeweile nicht besonders gut getroffen?

Der Saal war um neun Uhr morgens proppevoll, sogar die Tribünen bis zum letzten Platz gefüllt. Beste Voraussetzungen für eine gelungene Vorstellung. Und tatsächlich wurden die Erwartungen noch übertroffen. Schade nur, dass alle erwartet hatten, dass nichts zu erwarten sei. Die Bewerbungsrede der vom Ministerrat vorgeschlagenen Kandidatin für den Top-Job der EU war ein Potpourri der aktuellen Themen, ein bunter Strauß, in der für jeden ein Blümlein zu finden war: Klima, Migration, militärische Sicherheit, Ukraine, Wettbewerbsfähigkeit, Gleichberechtigung, Diversität, Aus vom Verbrenner-Aus, sogar was Soziales war im Angebot, obwohl darin die EU so gut wie keine Kompetenz hat. Egal, die To-Do-Liste muss bei diesen Großreden rundum abgearbeitet werden, sonst kommt noch einer der folgenden Redner auf den Gedanken, sich über das Fehlen seines Lieblingsschlagwortes zu echauffieren.

Apropos echauffieren: Nicht einmal die Reden der oppositionellen Fraktionsvorsitzenden boten unerwartete Tiraden, nur das Übliche von den üblichen Verdächtigen: Jordan Bardella (sehr rechts) mit Ankündigung der Ablehnung mit Hinweis auf nationale Identitäten, Manon Aubry (sehr links) vermisste die Erwähnung der Ärmsten und stützte ihre Ablehnung auf den Verweis – immerhin – auf den Korruptionsverdacht gegen Frau von der Leyen. Munter wurde es als ausgerechnet während der unspektakulären Rede von Valerie Hayer (mittig zwischen allen Stühlen) zum Recht auf Abtreibung eine fraktionslose Abgeordnete so lautstark krakeelte, auf dass sie sogar aus dem Saal eskortiert werden musste – und dann war auch schon bald Mittag und somit Pause, denn na klar, wir essen zeitig: Eine wahrlich existenzielle Wahl steht bevor in der noblen Abgeordnetenkantine zwischen Hauptgängen und Desserts.

DIe Journalisten im Wartestand nach der Wahl. Foto: © Michael Magercord

DIe Journalisten im Wartestand nach der Wahl. Foto: © Michael Magercord

Was so natürlich auch wieder nicht stimmt, aber die knisterlose Stimmung auf den Fluren verführt den kantinenlosen Beobachter zu derartigen Annahmen über die wahren Prioritäten der Abgeordneten. Doch sicher absolvierten sie noch so manche Fraktionssitzung, bevor es dann für die 720 Wahlberechtigten an die Urnen ging und schließlich gegen 14 Uhr das Ergebnis verkündet wurde: 401 Ja-Stimmen für die einzige Kandidatin, vierzig Stimmen übern Durst – na dann Prösterchen!

Sollte man denken. Ja, im weiten Rund musste die Wiedererwählte noch so manche Hand schütteln und für Selfies lächeln, der Rest versammelt sich draußen vor dem Plenarsaal. Dort haben sich die Kameras der Reporter aufgebaut und bitten zum Interview. Auch Eurojournalist(e). Aber bescheiden wie wir sind, ohne Kamera und mit jeweils nur einer Frage. An die Fraktionsvorsitzende Terry Reintke (grün, also irgendwann mal links): Ob es ihr heute leichter gefallen war, für Ursula von der Leyen zu stimmen, als noch vor fünf Jahren? Sie lacht und sagt ja, ohne ja zu sagen: „Ich freue mich, das es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist“. Soll heißen, dass die Rechten nicht mit ihnen gestimmt haben. Und: „Es waren die vierzig Stimmen der Grünen, die den Ausschlag gemacht haben“. Green Deal gerettet? Mal sehen…

Mit einem Ohr belauscht Eurojournalist(e) die Abgeordnete Maria Noichl (leicht links) beim Gespräch mit ihrem heimischen Bayerischen Rundfunk. Zugestimmt habe ihre SD-Fraktion aus staatspolitischer Verantwortung: Bloß keine führungslose EU in diesen unruhigen Zeiten, nicht einmal für einen weiteren Monat, den ein erneutes Nominierungsverfahren mindestens gedauert hätte. Und ab sofort gilt: „Wichtig ist, dass die Brandmauer zu den Faschisten jetzt auch bestehen bleibt“. 

Der Herr Weber unterm Leuchtbogen auf der Aussenhaut des Plenarsaals. Foto: © Michael Magercord

Der Herr Weber unterm Leuchtbogen auf der Aussenhaut des Plenarsaals. Foto: © Michael Magercord

Schließlich wendet sich Eurojournalist(e) ihrem Landsmann zu. Der Fraktionsvorsitzende Manfred Weber (leicht rechts mit Hang zu Mitte) gilt gar als Königinnenmacher für die Präsidentin Von der Leyen, was dieses Mal allerdings viel einfacher erschien als noch vor fünf Jahren. Habe er als Chef der EVP während dieses Prozesses auch nur einmal daran gezweifelt, dass es gut gehen werde? „Wer ein Ziel vor Augen hat, der kommt gar nicht auf den Gedanken, dass es auch schiefgehen könne“, sagt der nette Herr Weber ungewöhnlich scharf, nur um sich umgehend auf seine Nettigkeit zu besinnen: „Klar passiert im Laufe der Zeit immer Unwägbares, aber so muss man halt denken, wenn was erreichen will“, sagt’s und verschwindet im Pulk der Medienvertreter.

Nun müsste man eigentlich noch eine oppositionelle Stimme einholen, aber die Brüder Italiens (ziemlich Rechts), die gerade in die Kameras reden, sprechen halt Italienisch, und der einzige, der da allein und verlassen herumsteht, ist ausgerechnet Maximilian Krah (rechtsradikal), ja, genau der, der die Waffen-SS so harmlos findet, dass selbst Marine Le Pen (auch schon ganz schön rechts) mit seiner deutschen Truppe nichts mehr zutun haben will, und nein, dieser Reporter mit ihm auch nicht.

Im Pressesaal ist ja mehr los als zuvor im Parlament. Foto: © Michael Magercord

Im Pressesaal ist ja mehr los als zuvor im Parlament. Foto: © Michael Magercord

Außerdem läuft jetzt sowieso schon die Pressekonferenz mit neuen alten Kommissionspräsidentin. Puh, ist das hier voll im Pressesaal. Und alle nur, um die schon bekannten Sätze aus ihrer morgendlichen Rede noch einmal in Kurzfassung zu hören. Danach die landestypischen Fragen: Die erste eines deutschen Journalisten dreht sich ums Verbrennerauto, was sonst, die einer Italienerin um Meloni, wen sonst, und die eines Amerikaners um Trump, wen – oder was – sonst.

Ja, so langweilig war es am vergangenen Donnerstagmorgen im Straßburger Parlament. Fast schon beruhigend langweilig. Noch scheint alles im Lot, bestenfalls die Reihenfolge auf der Rednerliste bei den Debatten zeigt, dass sich die Gewichte doch verschoben haben. Die rechten Fraktionen sind nun früher dran, die Grünen dafür fast am Schluss.

Ach, da war doch noch die rumänische Abgeordnete Diana Iovanovici Sosoaca (christlich-fundamentalistisch irgendwo rechts draußen), jene die während der Sitzung lautstark unter einem Hundemaulkorb herumkrakeelt hatte. Nun stand sie da ganz friedlich in ihrer traditionell-bestickten Karpartenbluse in einer Ecke des weiten Gebäudes und hielt sich zwei orthodoxe Ikonen vor die Brust. Irgendwie hatte dieser Anblick in der allglatten Politikherberge aus Glas, Stahl und Beton plus Holzverschalung auch etwas – wie soll man es ausdrücken: seltsam archaisch Authentisches vielleicht? Wie auch immer: Auch dies gehört dann wohl zur viel beschworenen europäischen Diversität.

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