Geistertänze aus Europa
Die Rheinoper schließt ihre Saison mit einer Ballettaufführung ab. In Colmar und Mülhausen waren die „Geister Europas“ schon gerufen worden, jetzt gibt das poetische Spektakel in Straßburg zu sehen.
Ein wenig Poesie und Licht im Dunkel zum Abschluss dieser Saison tut uns auch außerhalb der Bühne gut. Letzte Chance, sich vor dem Sommer in entsprechende Stimmung zu bringen, bietet die Rheinoper. Foto: OnR Agathe Poupeney
(Michael Magercord) – Geister zu rufen und nicht mehr so einfach loszuwerden, kann manchmal auch was Gutes haben. Nämlich dann, wenn sich die Geister bemühen, einen ganzen Kontinent zu verzaubern. Zumindest erlaubt der Titel „Geister Europas“, unter dem alljährlich drei Choreografien von jungen Europäern an den drei Spielstätten der elsässischen Rheinoper präsentiert werden, darauf zu hoffen, dass wenigstens die Wiederverzauberung der Bühne gelingen kann.
Das ist ja gar nicht so leicht, wie es klingen mag, fühlt sich doch die moderne Kunst und eben auch die Bühnenkunst nicht mehr unbedingt der Poesie verpflichtet. Botschaft, Moral, Konfrontation – das sind oftmals die Richtmaße der Aufführungen. Aber gut möglich, dass wir mittlerweile in Anbetracht der misslichen Lage außerhalb des Theatersaals wieder etwas empfänglicher sind für unbefangene Schönheit, ja, vielleicht sogar so sehr, dass nun Poesie die Botschaft, Moral und Konfrontation darstellen – wenn auch auf eine sanfte Art.
An diesem Tanzabend der europäischen Geister werden sich drei Choreografien auf diese sanfte Tour versuchen. Dabei geht es einmal ums unbekümmerte Singen unter Dusche und die sich darin ausdrückende Sehnsucht der Jugendlichen nach Leben, Lachen und der Liebe – für die älteren unter den Zuschauern höchste Gefahrenstufe für einen Nostalgieschub.
In dem Wechsel zwischen Tag und Nacht, dem ewigen Tanz von Licht und Schatten, ist die Auferstehung der tragischen Geister aus der alten Geschichte des Ödipus angesiedelt – wobei die Tänzer für das Licht im Dunkeln sorgen.
Das dritte Werk ist gleich auf Sand gebaut, der allerdings als Metapher für die unerbittlich verrinnende Zeit stehen soll, wenn auch nicht die Zeiteinheiten messende Sanduhr gemeint ist, sondern der Sand, der durch unsere Hände ringt – je schneller, desto mehr wir versuchen, ihn davon abzuhalten.
Das wäre natürlich zutiefst traurig, wenn nicht die Momente der Poesie uns so manches Mal ein wenig Ewigkeit vermitteln könnten. Mag die erweckte kurze Ewigkeit wenigstens diesen Sommer anhalten. Und dann kommt ja schon die neue Saison, und soviel sei schon verraten: zur Weihnachtszeit wird der „Nussknacker“ nach der Musik von Tschaikowski zum Leben erweckt, dem ewig kurzzeitigen.
Spectres d’Europe – Ballet der OnR
3 Tanzstücke junger europäischer Choreografen:
Sous les jupes – für 10 Tänzer von Pierre-Émile Lemieux-Venne
Rex – für 6 Tänzer von Lucas Valente
Poussière de Terre Pièce – für 15 Tänzer von Alba Castillo
Opera Straßburg
SO, 30. Juni, 17 Uhr
DI, 2. Juli, 20 Uhr
MI, 3. Juli, 20 Uhr
DO, 4. Juli, 20 Uhr
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