Gelebtes Gedenken

Die Dörfer Niederschaeffolsheim, Batzendorf und Wahlenheim feierten am Sonntag den 80. Jahrestag ihrer Befreiung von Nazideutschland. Mit viel Besuch aus den USA.

Diese Stele wird für immer das Gedenken an die Helden der 79. Infanterie-Division symbolisieren. Foto: Eurojournalist(e) / CC-BY 2.0

Klein Logo_15_09_2024(KL/JMC) – Die Befreiung des Elsass von der Nazi-Besatzung verdankt es in erster Linie der amerikanischen 79. Infanterie-Division, die sich bereits im I. Weltkrieg ausgezeichnet hatte. Diese Einheit nahm an der Landung der Alliierten in der Normandie teil und kämpfte sich dann durch Nordfrankreich und das Elsass bis tief nach Deutschland hinein und hatte einen großen Anteil daran, dass die Alliierten Europa von den Nazis befreien konnten. Drei Dörfer nördlich von Straßburg, Niederschaeffolsheim, Wahlenheim und Batzendorf, ehrten am Sonntag diese Einheit und begrüßten bei dieser Gelegenheit eine Abordnung der heute in Kaiserslautern stationierten 79. Infanterie-Division und eine Gruppe Angehöriger der damaligen Kämpfer. Dieses Gedächtnis setzte viele Emotionen frei, war sehr würdig und die Teilnahme vieler Kinder und Schulklassen sorgte dafür, dass die Gedächtnisarbeit zu diesen schlimmen Ereignissen auch die nächsten Generationen erreicht. Und als deutscher Journalist, der die Ehre hatte, an dieser Zeremonie teilzunehmen, fragt man sich, warum eigentlich in Deutschland die Befreiung vom Nazi-Faschismus überhaupt kein Thema ist.

Los ging es am frühen Morgen in Niederschaeffolsheim, wo ein US-Militärcamp aus der damaligen Zeit eingerichtet worden war. Nach der Begrüßung der amerikanischen Soldaten ging es mit einem Convoi alter Militärjeeps (merci André aus Beinheim, dass wir in deinem Jeep die ganze Tour mitmachen durften!) über die Straßen des nördlichen Elsass nach Wahlenheim, wo der erste offizielle Kranzniederlegung am Denkmal für die Gefallenen des Dorfs stattfand, in Anwesenheit der BürgermeisterInnen der drei Dörfer, Brigitte Steinmetz (Niederschaeffolsheim), Isabelle Dollinger (Batzendorf) und Maurice Lutz (Wahlenheim), des Abgeordneten Vincent Thiébaut, der Senatoren Elsa Schalck und André Reichardt, der früheren Europaabgeordneten Anne Sander und zahlreicher weiterer Offiziellen. Die Dauendorfer Fanfare, eine erstklassige Gruppe, untermalte die würdige Zeremonie musikalisch, bevor sich der Konvoi auf den Weg nach Batzendorf machte. Camp NSH klein

In Batzendorf kamen die Angehörigen der damaligen Kämpfer dazu und der ökomenische Gottesdienst in der hübschen Sankt-Arbogast-Kirche mit der Teilnahme zahlreicher Kinder war ein Moment der Besinnung, wobei es schwierig war, angesichts der vielen aktuellen Kriege und deren Entwicklung vom Frieden zu hören. Doch genau darum geht es bei der Gedächtnisarbeit – um Frieden. Darum, dass die schrecklichen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt werden.

Von Batzendorf fuhr der Konvoi zu einer Kreuzung der Landstraßen zwischen den drei Dörfern, wo eine große metallene Stele zu Ehren der 79. Infanterie-Division eingeweiht wurde. Diese Stele, die das Lothringer-Kreuz darstellt, das zum Logo dieser Einheit geworden war, thront über dieser Kreuzung und ist weithin sichtbar. Ein Kinderchor sang die französische Nationalhymne, die Dauendorfer Fanfare intonierte den Star Spangled Banner und für die Besucher aus Amerika war dies ein sehr bewegender Moment. Denn bei den Schlachten um die Befreiung des Elsass waren, wie bei der Landung in der Normandie, viele Soldaten dieser Division ums Leben gekommen. Und viele der Angehörigen, die ins Elsass gekommen waren, befanden sich an dem Ort, an dem sie ihre Großväter oder andere Angehörige verloren hatten. All den Opfern des Nazi-Besatzung und den Befreiern ist diese riesige Stele gewidmet, ein Dank in alle Ewigkeit.

Convoi kleinUnd weiter ging es nach Niederschaeffolsheim, wo in der Sport- und Mehrzweckhalle bis zum 22. September eine interessante Ausstellung zu diesem Thema zu sehen ist. Bei einer echten Choucroute gab es regen Austausch mit den amerikanischen Gästen, bei dem die eine oder andere Träne floß und Verbindungen geknüpft wurden, die sicherlich andauern werden.

 Sehr bewegend das Zeugnis von Peter Flory, Enkel des Kommandanten der 79. Infanterie-Division Ira Thomas Wyche, der seine Truppen in Schlachten schicken musste, von denen er wusste, dass viele seiner Leute nicht lebend zurückkommen werden. Peter Flory hat selbst für die Außenstelle des deutschen Auswärtigen Amts in New York gearbeitet und erzählte von der schweren Verantwortung seines Großvaters, vom Opfer seiner Soldaten, die für ein Land und einen Kontinent kämpften, den sie nicht einmal kannten. Ähnlich klang es bei Sandra Thabet, einer Lehrerin aus Washington D.C., die selbst österreichische Vorfahren hat und sagte, dass sie ab sofort und nach ihrer Rückkehr in die USA eine Art Botschafterin für diese Anerkennung und Dankbarkeit des Elsass werden würde. Beeindruckt von dem ihnen zuteil gewordenen Empfang, verstanden die amerikanischen Gäste, wie hoch das Ansehen dieser 79. Infanterie-Division heute noch im Elsass ist und wie dankbar die Menschen hier sind, dass viele junge Amerikaner ihr Leben dafür gelassen haben, dass das Elsass den Frieden wiederfinden und sich wieder normal entwickeln konnte.

Beeindruckend war die hoch komplexe Organisation an vier Orten, den drei Dörfern und dem Ort der Stele, ebenso beeindruckend das Engagement der zahllosen ehrenamtlichen Helfer, die das Programm meisterlich und immer mit einem Lächeln organisiert hatten.

Für den deutschen Gast bei dieser Veranstaltung gab es ebenfalls einen Mix der Emotionen. Von den Taten der Nazis zu lesen, das ist etwas anderes, als 80 Jahre später immer noch den Schmerz derjenigen zu spüren, die auf diesem Stück Erde Angehörige verloren haben. Die Wunden der Geschichte verheilen zwar mit der Zeit, doch sie verheilen langsam und gerade deshalb ist es unbegreiflich, dass man die Befreiung vom Nazi-Faschismus in Deutschland weitgehend ignoriert. Denn ohne das Opfer dieser jungen Soldaten wäre Nazi-Deutschland vielleicht nicht besiegt worden und das Land, das am meisten Grund hat, diese Soldaten zu ehren und ihnen zu danken, ist Deutschland, das es selbst nicht geschafft hat, den Nazi-Spuk zu beenden.

Ein Dankeschön, dass ein Deutscher an diesen Festlichkeiten teilnehmen durfte, ein Dankeschön, dass alle auf Eurojournalist(e) im Vorfeld erschienenen Artikel zu diesem Thema ausgedruckt die Eingangshalle in Niederschaeffolsheim zierten und dazu auch der Wunsch, dass man eines Tages ebenfalls in Deutschland die unglaubliche Leistung dieser amerikanischen Soldaten ehrt, ohne die Deutschland vielleicht immer noch in den Händen der Nazi-Verbrecher wäre. Den amerikanischen Gästen Dank für ihr Kommen und es ist schön, dass sie das Gefühl mit nach Hause nehmen werden, dass ihre Angehörigen nicht umsonst im Elsass gekämpft haben und gefallen sind. Die Dankbarkeit und Anerkennung des Elsass dürfte das schönste Mitbringsel für diese Besucher sein, wenn sie dann wieder daheim sind.

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