Information in Kriegszeiten

Der Ukraine-Krieg ist nicht nur ein fürchterliches Gemetzel, sondern auch eine Propaganda-Schlacht. Es wird immer schwerer, Informationen aus dem Kriegsgebiet zu verifizieren.

Nordkoreanische Soldaten auf einem Mosaik - Beweise für ihre Präsenz in Russland gibt es (noch?) nicht. Foto: Mark Fahey from Sidney, Australia / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0int

(KL) – Seit rund zwei Wochen „wissen“ wir, dass sich 12.000 nordkoreanische Soldaten in Russland aufhalten, um an der Seite der russischen Armee gegen die Ukraine zu kämpfen. Seit einigen Tagen „wissen“ wir dank amerikanischer Medien, dass von diesen Soldaten 8.000 kurz vor einem Einsatz in der Region Kursk stehen. Und seit einigen Tagen wirft der ukrainische Präsident Selenskyi dem Westen vor, nicht heftig genug auf diese Situation zu reagieren. Nur – gesehen hat diese 12.000 nordkoreanischen Soldaten noch niemand.

Die Informationslage ist verworren. Einerseits weiß man, dass Russland und Nordkorea beim kürzlichen BRICS-Gipfel ein Abkommen über gegenseitigen militärischen Beistand unterzeichnet haben. Ebenso weiß man, dass Nordkorea Russland Waffen liefert. Doch leben wir in einer Zeit, in der Drohnenangriffe wie in der letzten Woche in Tschetschenien innerhalb von Minuten mit Videos und Fotos durch die Netze dokumentiert werden. Die Überwachungs-Satelliten können eine weggeworfene Zigarettenschachtel in Tausend Kilometer Entfernung identifizieren – aber der Transport von 12.000 nordkoreanischen Soldaten soll völlig unentdeckt vonstatten gegangen sein?

Die „Information“ über diese Truppenbewegung, die niemand gefilmt oder fotografiert hat, stammt vom ukrainischen Geheimdienst, der in diesem Krieg sicher ebenso wenig eine neutrale Informationsquelle ist wie der russische Geheimdienst. Diese „Information“ wurde sofort von amerikanischen Medien übernommen, doch wer die TV-Features auf US-Sendern anschaut, der stellt fest, dass die einzigen Bilder von nordkoreanischen Soldaten, die Ausrüstung in Empfang nehmen, aus einer Halle stammen, die überall sein könnte. In Russland oder in Nordkorea.

Es ist schlicht unmöglich, 12.000 Soldaten über die rund 6600 Kilometer zwischen Nordkorea und der Region Kursk zu transportieren, ohne dass eine solche Truppenbewegung von Satelliten aus gefilmt oder fotografiert würde. Ein Transport per Flugzeug würde rund 400 Flüge mit Truppentransportern erfordern, was im internationalen Luftverkehr nicht unentdeckt bliebe. Ein Transport über Land müsste mit Fahrzeugkolonnen bewältigt werden, die aus der Luft ähnlich gut sichtbar sein müssten wie die Chinesische Mauer. Dennoch gibt es momentan kein Foto, kein Video, das nordkoreanische Soldaten in Russland zeigt, geschweige denn in der Region Kursk.

Es ist durchaus denkbar, dass Nordkorea als Partner von Putins Russland Soldaten nach Russland schickt. Immerhin liefert Pjöngjang auch Waffen für den Ukraine-Krieg. Alleine, bislang fehlt jeder Beweis, dass es diese Truppenbewegungen tatsächlich gibt.

Auch die amerikanischen Behauptungen über den unmittelbar bevorstehenden Einsatz dieser nordkoreanischen Soldaten in der Region Kursk entbehren eines greifbaren Beweises. In Zeiten, in denen alle Angriffe, Anschläge und Bewegungen dokumentiert werden, ist es seltsam, dass ausgerechnet diese nordkoreanischen Soldaten unsichtbar sind. Auffallend hingegen ist, dass seit diese „Information“ über nordkoreanische Soldaten zirkuliert, sowohl Selenskyi als auch die Kriegstreiber im Westen laut nach massiven Reaktionen schreien. So will die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament, Agnes-Marie Strack-Zimmermann (FDP) den vermeintlichen nordkoreanischen Soldaten 12.000 NATO-Soldaten entgegenstellen. Ein direktes Eingreifen von NATO-Truppen in der Ukraine wäre der Beginn des III. Weltkriegs, der vermutlich einzige Weg für die Ukraine, in diesem Krieg nicht vollständig vernichtet zu werden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Krieg aufgrund von „Fake News“ beeinflußt oder sogar losgetreten würde – man denke an Colin Powell, der in der UNO-Vollversammlung Bilder von angeblichen irakischen Chemiewaffen-Fabriken präsentierte und damit die US-Militäroperation im Irak rechtfertigte. Heute weiß man, dass diese Bilder gefälscht waren und keine Chemiewaffen-Fabriken zeigten.

Natürlich stellt man sich die Frage, warum diese 12.000 nordkoreanischen Soldaten unsichtbar sind. Die massiven Reaktionen des Westens, die Selenskyi und westliche Falken fordern, sollten zumindest so lange warten, bis handfeste Beweise für die Präsenz dieser nordkoreanischen Soldaten in Russland vorliegen. Der Umstand, dass weder Russland noch Nordkorea diese Präsenz bestreiten, ist kein Beweis. Warum sollten sie dem Westen auch verraten, was sie gerade tun oder nicht tun? Dass der Westen auf diese „Information“ heftig reagiert, passt Putin gut ins Kalkül und der Mann hat keinerlei Interesse daran, eine solche „Information“ zu dementieren.

Gibt es nun nordkoreanische Soldaten in Russland oder nicht? Die einzig ehrliche Antwort ist, dass man es nicht weiß und so lange man keine „harten“ Beweise für diese Präsenz hat, sollte man sich hüten, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Fehlen jedes Beweises für diese Präsenz zeigt, wie schwierig es heute für die Medien ist, wahrheitsgetreu zu berichten. Ja, die Medien laufen sogar Gefahr, zu Erfüllungsgehilfen für Kriegsstrategien zu werden.

Genauso wenig, wie man mit Sicherheit sagen kann, dass keine nordkoreanischen Soldaten in Russland stehen, kann man behaupten, dass sie dort wären. Sich aber in Kriegszeiten auf „Informationen“ von Geheimdiensten zu verlassen, deren Interesse darin liegt, den Westen zu direkten und harten Maßnahmen gegen den Kriegsgegner zu motivieren, sollte man zumindest vorsichtig behandeln, zumindest so lange, bis echte Beweise für diese „Information“ vorliegen. Und das ist bis heute nicht der Fall.

2 Kommentare zu Information in Kriegszeiten

  1. Johannes Mueller // 5. November 2024 um 1:06 // Antworten

    Hallo : )

    Ich war auf Ihrer Webseite eurojournalist.eu welche ich sehr ansprechend finde, mir sind jedoch ein paar technische Fehler aufgefallen.

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    um heraus zu finden was gerade Besucher und Kunden kostet?

    Beste Grüße aus Stuttgart
    Johannes Müller

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