Jahreswechsel 25/26 – eine erste Bilanz

„Die Sylvesternacht ist halbwegs glimpflich verlaufen“, hört man in verschiedenen Ländern. Dabei glich diese Nacht an vielen Orten einer Kriegs-Szenerie.

Zerstörungswut statt Volksfest – die Gewalt ist zu einem „normalen“ Ausdrucksmittel geworden. Foto: Richard Hopkins / Wikimedia Commons / CC-BY 2.0

(KL) – Bereits seit mehreren Jahren werden die Zahlen zu den Zwischenfällen in der Sylvesternacht nur noch spärlich, wenn überhaupt veröffentlicht. Doch am Ende kommen die Zahlen doch immer wieder heraus und zeichnen ein Bild von Gesellschaften in Europa, in denen sich die Gewalt immer mehr Platz verschafft und die Verrohung in diesen Kriegszeiten weiter galoppiert.

In Frankreich wurden in der Sylvesternacht 1.173 Autos angezündet und 505 Menschen verhaftet. In Deutschland wurden alleine in Berlin über 400 Menschen verhaftet, es gab insgesamt bei Feuerwerksunfällen 11 Tote und zahlreiche schwere Verletzungen. In den Niederlanden kam es in den großen Städten zu regelrechten Auseinandersetzungen, die auch damit zu tun hatten, dass ab dem nächsten Jahreswechsel kein Feuerwerk mehr an Privatkunden verkauft werden darf. Dies erregte den Zorn derjenigen, die gerne in dieser Nacht (und den Nächten davor und danach) herumballern und die sich nun ein letztes Mal austobten und dabei über alle Stränge schlugen.

Wenn diese Zahlen der Beleg dafür sein soll, dass die Sylvesternacht „halbwegs glimpflich“ verlaufen sei, dann muss man sich die Frage stellen, ob wir unsere Ansprüche an ein friedliches Volksfest, und das soll es ja in der Sylvesternacht sein, nicht massiv nach unten korrigiert haben. Wenn man beispielsweise in Frankreich 90.000 Polizisten mobilisieren muss, damit dieses „friedliche Volksfest“ nicht in Straßenschlachten endet (die vielerorts trotzdem stattfanden), dann ist das ein ganz schlechtes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaften.

Das benachbarte Departement Bas-Rhin ist in der Sylvesternacht der „Spitzenreiter“ in Frankreich gewesen, mit 117 abgefackelten Fahrzeugen (+46 im Vergleich zum Vorjahr). Das Departement Rhône mit der Stadt Lyon kam auf 82 ausgebrannte Autos, gefolgt vom Departement Gironde mit der Stadt Bordeaux mit 36 verbrannten Fahrzeugen. Was für ein seltsamer Brauch, Privatleuten ihre Autos zu verbrennen, um der Welt mitzuteilen, dass man existiert. Und so beginnt das neue Jahr für viele Autobesitzer mit einem echten Problem – sie haben kein Auto mehr.

Die Zahlen möglichst zu verschweigen, hilft niemandem. Im Gegenteil, so zu tun, als sei alles in Ordnung, verstellt den Blick auf den wirklichen Zustand der Gesellschaft, in der die Gewalt einen immer größeren Platz einnimmt. Dies zu ignorieren, bedeutet am Ende des Tages, diese Explosion der Gewalt hinzunehmen. Doch genau das sollte man nicht tun. Denn Gewalt und Hass auf unseren Straßen sollten nicht ignoriert, sondern bekämpft werden, will man verhindern, dass in beispielsweise in Deutschland eine Situation wie in der Weimarer Republik entsteht.

Es ist beunruhigend zu sehen, dass die Verrohung durch vier Jahre Krieg ihre Wirkung in der Gesellschaft zeigt. Wenn man Terroristen als „Freiheitskämpfer“ verherrlicht und barbarische Terrorakte als „gerechtfertigt“ bezeichnet, darf man sich nicht wundern, dass diese Gewalt auch an anderen Stellen durchbricht. Die vielen Politiker, die heute die Kriegstrommel rühren, tragen dazu bei, die Hemmschwelle für brutale Gewalt immer weiter abzusenken, was auch die zahlreichen Angriffe und Attentate zeigen. Dass es heute nicht mehr möglich ist, große Veranstaltungen ohne maximale Sicherheitsvorkehrungen durchzuführen, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass wir auf einem gefährlichen Irrweg sind.

Das Jahr beginnt also erneut mit einer erschreckenden Bilanz, einer Orgie der Gewalt und der Zerstörung. Dass es da noch Offizielle gibt, die dies als „halbwegs glimpflich“ bezeichnen, das zeigt, dass wir dabei sind, die gesellschaftliche Orientierung zu verlieren. Eine solche Bilanz auch noch schönzureden sorgt dafür, dass diese Bilanz künftig noch verheerender ausfallen wird. Keine schöne Perspektive.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*



Copyright © Eurojournaliste