Kein Hilferuf mehr aus Hongkong
2019 hatte sich der Aufstand der Jugend Hongkongs gegen die diktatorische Vereinnahmung durch China noch unter den Augen der Weltöffentlichkeit abgespielt. Jetzt ist die einstige britische Kronkolonie schließlich auch in unseren Medien ihrem Schicksal anheimgegeben.
Dieses Abbild des Aufrufes zu Freiheit und Revolution von 2019 ist auf Wikimedia Commons frei verfügbar. Allerdings mit folgendem rechtlichen Hinweis - Dieses Bild zeigt Symbole, die die Unabhängigkeit Hongkongs fordern. Diese Symbole zu zeigen, ist in Hongkong entsprechend dem Nationalen Sicherheitsgesetz von Hongkong Artikel 21, 23, 27 und 29 sowie Abschnitt 9 und 10(1) des Strafgesetzes illegal. Foto: Wikimedia Commons / PD
(Michael Magercord) – 2019, als sich das Massaker auf dem himmlischen Platz in Peking zum 30. Male jährte, rebellierte in Hongkong die Jugend gegen das zunehmend regidere Regime in ihrer „Sonderverwaltungszone“. Der Vertrag über die Rückgabe der britischen Kronkolonie an China sicherte Hongkong eine Nichteinmischung Pekings in seine inneren Angelegenheiten bis 2047 zu. Diese rechtliche Unabhängigkeit war schon 2019 keine Realität mehr. Allerdings sorgte das brutale Vorgehen Pekings damals für einen Aufschrei in den westlichen Medien. Eurojournalist(e) empfahl den Einsatz für Hongkongs Freiheit gar der EU als einigendes Projekt. Fünf Jahre und etliche Krisenherde später ist es still geworden um Hongkong. Der folgende Brief mag einen Blick in die Seele Hongkongs heute erlauben. Der Schreiber bleibt besser ungenannt, nur soviel: Der Autor und Filmemacher stritt als Student und junger Journalist für die Demokratie während der Übergabe 1997, dem sogenannten „Handover“. Den nennt man dort heute nur noch „Hangover“, und dieser Hongkonger „Kater“ ist heute mehr denn je spürbar. Hier sein Brief.
„Nur noch Humor und sorgloses Denken hilft uns in Zeiten wie diesen. Sobald ich anfange nachzudenken, merke ich, dass ich mich immer unbeteiligter am Schicksal der Welt fühle. Ihr heutiger Zustand beweist, dass unsere alte Schule, die uns lehrte, sich einzubringen und einzumischen, zu nichts mehr nutze ist.
Wenn ich meine jüngere Kollegen treffe, traue ich mich gar nicht mehr, noch von Pressefreiheit oder der „Vierten Macht im Staate“ zu faseln. Und an unsere sogenannte „Zukunft“, die wir noch 1997 vor uns zu sehen meinten, will ich mich nicht mehr erinnern müssen. Zu groß, zu absurd, zu albern erscheint sie heute. Es steht fast zu befürchten, dass derartig blauäugige Phasen seit zehntausend Jahren zu dem normalen Lauf der Dinge gehören, ja, dass sogar erst diese Naivität den stetigen Zyklus von Gewalt und Gegengewalt so richtig befeuern. Es war wohl schon immer naiv, Hoffnungen zu haben.
Immerhin kann ich mich ein wenig ausnehmen, allzu große Hoffnungen gehabt zu haben. 2019 schrieb ich ein paar wenige Artikel für die mittlerweile verbotene Zeitung Apple Daily. Schnell zeigte sich der mittlerweile inhaftierte Chefredakteur Jimmy Lai nicht sehr beeindruckt von meinem darin vorgetragenen Pessimismus über die Wirkung seiner Pro-Demokratie-Kampagne und setzte meine Artikel ab. Ja, auch ich war überrascht und elektrisiert von der Ernergie der Hongkonger. Doch gleichzeitig warnte ich davor, dass der Rückschlag der Mächtigen heftig sein würde. So kam es, nur dass er in der Realität noch zehnmal brutaler wurde, als selbst ich mir hätte vorstellen können.
Und diese Einstellung habe ich mir bewahrt. Wofür jetzt noch kämpfen? Nur, dass wir im Gefängnis stitzen oder ins Exil gehen? Oder sollte man vielleicht nicht doch lieber unser Land auf untergründige Weise aufbauen, weiterhin ruhig Durchatmen und unsere Ideen wie Wasser langsam in alle Ecken und Ritzen fließen lassen?
Anfang des Monat hat ein aufmüpfiger junger Mann einen Banner mit Slogans von 2019 in einen Baum gehängt und dabei wie damals eine gelbe Maske getragen. Er wurde umgehend verhaftet und wegen Verrats zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Soll ich diesen Mut bewundern oder darüber erhaben lächeln? Ich weiß es nicht. Ich habe meine Fähigkeit zum Urteilen verloren. Kürzlich hatte ich in einem Video einen älteren Herrn gehört, der sagte, man solle jetzt bloß nicht dem Glauben verfallen, dass diese Zeiten ausnahmslos schlecht seien. Jede Zeit bietet auf ihre Weise Möglichkeiten, darin zu leben und auf Besserung hinzuwirken. Er hat ein großes Herz gepaart mit tiefer Weisheit.
Ich weiß nur nicht, ob ich zu dieser Lebenseinstellung nicht schon zu zynisch geworden bin. Ja, man kann hier überleben. Aber vielleicht werde ich einfach wie unsere Väter und Vorväter, die einst aus Rotchina nach Hongkong geflohen sind, wieder weiterziehen. Mein nicht mehr so junges Herz sträubt sich noch gegen diese Vorstellung, aber ich bin bedauerlicherweise nicht in der Lage, ungerührt den Blödsinn zu ertragen, der uns tagein, tagaus erzählt wird. Ein bisschen Sport, Lesen, Schreiben und ins Kino; andere stürzen sich hingegen erst recht in Arbeit, als laufe ihnen unentwegt die Zeit davon, um noch alles, was immer das sein mag, erledigen zu können – ja, so kann man es vielleicht aushalten. Aber ich denke, ich gehe, da ich als alter Einwohner einer britschen Kronkolonie dort noch einen Bürgerstatus genieße, nach England, bleibe, bis ich britischer Staatsbürger geworden bin und kehre dann zurück nach Hongkong.
Das braucht ein paar Jahre. Der pessimitische Teil in mir fürchtet, dass wir uns dann schon im Dritten Weltkrieg befinden, der ja auch eine seiner Ursachen in der zyklisch auftretenden Naivität haben wird. Aber vielleicht sollte man doch zumindest so naiv sein zu hoffen, dass diese Apokalypse nicht ganz so schnell über uns kommen möge.“
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