Kopfgeburt Freiheit – OPS mit 7. Symphonie von Schostakowitsch
Wie kein zweites Musikstück symbolisiert die Leningrader Symphonie von Dimitri Schostakowitsch ihre eigene Entstehungsgeschichte – und ihre eigene Erstaufführung in der Stadt der Namensgebung.
Sohn Maxim konnte bestätigen, was dieses Foto aus dem Jahre 1940 zeigt, dass nämlich sein Vater Dimitri Schostakowitsch nicht am Klavier komponierte, sondern am Schreibtisch - „Alles war in seinem Kopf“. Foto: Leonid Dorenskij/mos.ru / Wikimedia Commons / CC-SA4.0int
(Michael Magercord) – 9. August 1942. Hitler hatte für dieses Datum die Erstürmung des belagerten Leningrads angeordnet. Noch am Abend dieses Tages wollte er im Astoria-Hotel mitten in der Stadt der bolschewistischen Revolution den symbolischen Sieg über die Sowjetunion feiern. Die Einladungskarten waren schon gedruckt. Doch daraus wurde nichts, an diesem denkwürdigen Tag durchkreuzte die Leningrader Symphonie von Dimitri Schostakowitsch die Pläne der Wehrmacht.
Noch ist nicht wirklich geklärt, ob es Zufall war, dass die Leningrader Erstaufführung des einstündigen Musikmonuments auf das Datum fiel, für das der deutsche Diktator den Fall der vom sowjetischen Diktator zur Festung erklärten Millionenstadt feiern wollte. Bald ein Jahr dauerte die Blockade durch die Wehrmacht schon, die Stadt war vollständig vom Umland abgeschnitten, die Versorgung der Bewohner erfolgte über die Luft nur spärlich, jeden Tag verhungerten über eintausend Menschen.
Dimitri Schostakowitsch arbeitete seit einiger Zeit an der Komposition eines großen Werkes, das er seiner Heimatstadt widmen wollte. Am 5. März 1942 erfolgte die Uraufführung seiner 7. Symphonie in der sowjetischen Hauptstadt, doch sollte sie zur Huldigung und Stärkung seines Durchhaltewillens auch im Widmungsort erklingen. Den Leningradern sollte über die Musik vermittelt werden, dass man sie in Moskau nicht vergessen habe.
Allerdings mussten dazu ernorme Schwierigkeiten überwunden werden. Kopisten erstellten die Noten in Handarbeit nach einer eingeflogenen Partitur von 242 Seiten. Die wenigen Musiker, die noch in der Stadt verbleiben sind, waren derart geschwächt, dass sie ihre Instrumente kaum länger als eine halbe Stunde spielen konnten, drei von ihnen verstarben völlig ausgezehrt während der Proben. Das aus Radio- und Militärmusikern zusammengestellte Orchester vermochte vor dem Konzert die gesamte Symphonie nur ein einziges Mal in voller Länge durchzuspielen.
Der Tag der Aufführung wurde generalsstabsmäßig geplant. Denn das Konzert sollte über öffentliche Lautsprecher in der Stadt und im Radio im ganzen Land verbreitet werden. Aber vor allem sollte das so symbolische Werk auch über den Belagerungsring hinweg für die Feinde zu hören sein. Dafür musste aber ihr Dauerbeschuss aussetzen. Deshalb führte die Rote Armee kurz vor Konzertbeginn eine eigene Gegenoffensive durch, belegte die Wehrmacht mit Sperrfeuer und stellte sie während der Übertragung des Konzertes über die extra an der Front positionierten Lautsprecher ruhig. Der Dirigent Karl Eliasberg konnte Vollzug melden: „In diesem Augenblick haben wir über die seelenlose Kriegsmaschine der Nazis triumphiert.“ Die Blockade endete erst am 27. Januar 1944, die Stadt wurde nie erobert. Der Blutzoll war ungeheuerlich, zwei Drittel der Einwohner waren gestorben, neunzig Prozent von ihnen verhungert.
Die Noten der 7. Symphonie fanden auf dem Umweg über Teheran als Mikrofilm ihren Weg in die Konzertsäle der Alliierten, in New York und London erfolgten bereits im Frühsommer 1942 erste Aufführungen, die in Großbritannien und den USA im Radio landesweit übertragen wurden. Die „Leningrader“ ist das Schlüsselwerk des bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und entfaltet seine Wucht und Wirkung immer wieder aufs neuste Hören – zumal wir uns heute wieder leichter in die Lage ihrer Ersthörer hinein versetzen können, als uns lieb sein dürfte.
In Straßburg haben wir am 6. März nicht nur das Privileg, dieses Ausnahmewerk geboten zu bekommen, darüber hinaus erfolgt die Welturaufführung der konzertanten Symphonie des argentinisch-französischen Komponisten Oscar Strasnoy, die gleich zwei Soloinstrumente aufbietet, Klavier und Cello. Und wer nach der geballten Orchestergewalt schließlich zur Ruhe kommen muss, darf gleich im Palais de la Musique et des Congrés verbleiben: Dem Konzert folgt ein meditativer Ausklang mit Klaviermusik, gespielt von Alexandre Tharaud, dem Pianisten des Abends.
Konzert der Straßburger Philharmonie OPS
Oscar Strasnoy – Konzertante Symphonie für Klavier und Cello, Uraufführung
Dimitri Schostakowitsch – 7. Symphonie „Leningrader“
Dirgent: Aziz Shokhakimov
Cello: Jean-Guihen Queyras, Klavier: Alexandre Tharaud
Palais de la Musique et des Congrès
FR 6. März, 20 Uhr
Infos und Tickets gibt es HIER!
Konferenz vor dem Konzert (auf Französisch)
Eine Begegnung mit dem Komponisten der Uraufführung des Abends, Oscar Strasnoy
19 Uhr im Marie-Jaëll-Saal im PMC, Eintritt frei
Intimes Konzert nach dem Konzert
Unter dem Titel „Dodo Tharaud“, also zu Deutsch etwa „Bubu-machen mit Herrn Thauraud“, geht das Konzert in die Verlängerung: Klaviermusik zum Entspannen und Meditieren im Anschluss an die geballte Orchestergewalt.
FR 6. März, 22.30 Uhr im PMC Probenraum, 17 Euro
Folgendes Konzert der OPS:
„Romantischer Schwung“, Robert Schumanns Cellokonzert und die 2. Symphonie von Johannes Brahms. Zuvor steht noch die Ouvertüre Nr. 2 vom Emilie Mayer auf dem Programm der OPS im PMC.
FR 27. März
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