Krieg – und wir stumpfen immer weiter ab
Der Krieg im Mittleren Osten ist erst fünf Tage alt und schon haben wir uns daran gewöhnt. Die Berichterstattung ist rein technisch und Rufe nach Frieden hört man kaum.
Im Grunde wissen wir, was richtig und falsch ist. Aber wir handeln nicht danach. Foto: Dr Santa / Wikimedia Commons / PD
(KL) – Es herrscht Krieg, fast auf der ganzen Welt. Und dort, wo keine direkten Kampfhandlungen stattfinden, übernehmen nach und nach die Neo-Nationalisten, Neo-Faschisten und autoritären Herrscher das Ruder. Und wir? Wir gewöhnen uns an alles und wenn uns die Bilder aus den Kriegsgebieten zuviel werden, dann schalten wir einfach um. Doch ist es mehr als gefährlich, sich daran zu gewöhnen, dass überall Krieg herrscht und sich diese Kriege immer weiter ausweiten. Denn eines Tages werden diese Kriege auch bei uns anklopfen.
Seien wir ehrlich – wer verfolgt im fünften Kriegsjahr noch das Geschehen in der Ostukraine? Wer schaut genau hin, wenn russische Truppen längst zerbombte Dörfer mit unaussprechlichen Namen im Donbass einnehmen? Wer interessiert sich wirklich dafür, welche Öl-Reservoirs in Novorossiisk von Drohnen in Brand geschossen werden? Wer verfolgt noch aufmerksam mit, wie viele Kriegsgefangene nach Monaten zäher Verhandlungen ausgetauscht werden? Wer hört noch den Erklärungen nach den xten „Verhandlungen“ zwischen Gesandten der zweiten und dritten Reihe zu, wer glaubt noch an die täglichen Videos von Wolodymyr Selenskyi oder die vollmundigen Erklärungen von Medwedew oder Peskow? Wir haben uns längst an den Krieg in der Ukraine gewöhnt und nehmen diesen wie gottgegeben hin. Doch Kriege sind nie gottgegeben, sondern immer menschengemacht. Und folglich müssen sie auch von Menschen gestoppt werden.
Wer schaut noch aufmerksam hin, wenn orthodoxe Siedler im Westjordanland palästinensische Dörfer überfallen und dort Menschen töten oder grundlos verhaften? Wer zählt noch die Opfer in Gaza? Wer ist noch schockiert, wenn wieder palästinensische Terroristen Busse oder Einrichtungen in Tel Aviv oder Jaffa in die Luft jagen? Wer glaubt noch die Erklärungen wenig qualifizierter „Unterhändler“, dass man „auf einem guten Weg“ sei?
Und jetzt der Iran. Jahrelang hat die Welt zugesehen, wie das mörderische Mullah-Regime Tausende Menschen umbrachte, unzählige Menschen verhaftete, folterte, zum Tode verurteilte oder verschwinden ließ. Und jetzt, wo seit gerade mal fünf Tagen offener Krieg im Iran herrscht, der wieder zahlreiche zivile Opfer fordert, ist die Berichterstattung so technisch geworden, dass jeder normale Mensch erneut schnell umschaltet. Der Krieg übersteigt unsere Vorstellungskraft, Empathie wird als Schwäche ausgelegt und man zählt nur noch Opfer, zerstörte militärische und zivile Einrichtungen und hört dazu im Hintergrund die unglaublich zynischen Aussagen der Trumps, Nethanjahus, Hegseths & Co. Aber Kriege sind keine „technische“ Angelegenheit – es wird getötet und gestorben und nichts, aber auch gar nichts, ist „süß und ehrenvoll“ daran, für das jeweilige Vaterland zu sterben.
Neben den Kriegen (und es gibt noch deutlich mehr Konflikte als die drei, die oben aufgeführt sind) sind wir auch dem weiteren Wahnsinn gegenüber abgestumpft. In den USA ist ein moderner Faschismus mit einem schier unglaublichen Personenkult für einen ganz offensichtlich unter multiplen geistigen Pathologien leidenden Präsidenten ausgebrochen. Doch statt die Dinge beim Namen zu nennen, schleimen unsere Politiker immer noch bei diesem Präsidenten, hoffen auf dessen Gunst und sorgen dafür, dass der Wahnsinn zum System wird, mit dem sich unsere „Verantwortlichen“ versuchen zu arrangieren.
Aber wo bleibt der Aufschrei nach Frieden und „normalen“ Regierungen? Wo bleibt die Friedensbewegung, die in den 80er Jahren in Deutschland große gesellschaftliche Veränderungen auslöste? Warum jubelt die deutsche Presse, weil Friedrich Merz ein zweistündiges Gespräch im Oval Office ohne größere Beleidigungen übersteht? Warum isolieren wir die wahnsinnigen Staatenlenker nicht?
Na klar, wir schauen überall weg, weil es „Sachzwänge“ gibt. Wirtschaftliche, geopolitische und persönliche Interessen. Machtgeplänkel von Politikern, die in ihren eigenen Ländern längst durchgefallen sind. Und wir? Wir schalten um oder schauen woanders hin. Nur, um bei den nächsten Wahlen für die gleichen Streibtischtäter zu stimmen, die uns diese neuerliche Katastrophen einbrocken.
Wir leben in Europa in demokratischen Ländern, zumindest teilweise, und wir haben die Möglichkeit, Politiker zu wählen oder abzuwählen. Doch um das zu tun, sollte man zumindest ein wenig informiert sein, was diese Leute tatsächlich tun. Doch stattdessen werden die Menschen mit Schwachsinns-Formaten wie „Ich bin ein Star, holt mich hier ‘raus“ oder der „Île de la Tentation“ ruhiggestellt und verblödet.
Es ist zum Verzweifeln, dass wir selbst mit dafür sorgen, dass all die Schweinerein auf dieser Welt passieren können. Es gibt inzwischen auch keine politische Kraft mehr, die sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Wahnsinn zu beenden und die Dinge in andere Richtungen zu lenken. Das Ziel kann nicht lauten, uns mit den Diktatoren und Schreibtischtätern dieser Welt gut zu stellen, sondern das Ziel muss lauten, den anrückenden III. Weltkrieg zu verhindern, die Wahnsinnigen von der Macht zu vertreiben und neue Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politik-Systeme zu entwickeln, die gerecht und zukunftsorientiert sind. Aber das ist offenbar zuviel verlangt – stattdessen werden wir immer mehr zu kritiklosen Zuschauern der nächsten Weltkatastrophen, die nur deshalb passieren können, weil niemand den kriminellen und korrupten Tätern in den Arm fällt. Dass wir dabei unsere stärkste Waffe, unsere Stimmzettel, nicht nutzen, macht aus Zuschauern Mittäter. Niemand sollte in ein paar Jahren sagen, er habe diese Katastrophe nicht kommen gesehen. Wer heute nicht sieht, was morgen passiert, der will es einfach nicht sehen. Und sorgt mit seiner Passivität mit dafür, dass passieren kann, was passieren wird.
Kommentar hinterlassen