Kritiker seiner selbst – 1. Symphonie von Anton Bruckner beim OPS
Symphonien von Anton Bruckner sind Großereignisse, und nicht allein, weil sie immer so lang sind. Und wenn dazu noch Dimitri Schostakowitsch erklingt...
Anton Bruckner und seine Kritiker Eduard Hanslick, Max Kalbeck und Richard Heuberger - „Der Künstler wallt im Sonnenschein, die Tintenbuben hinterdrein“, dichtet der zeitgenössische Karikaturist. Foto: Zeichnung von Otto Böhler - Wikimedia Commons / PD
(Michael Magercord) – Ein schlichtes Gemüt sagt man dem Komponisten Anton Bruckner nach, so manche erkannten darin gar ein sonniges. Und das, obwohl der gute Mann etliche Kritiker hatte, die ihn sein Komponistenleben lang schmähend begleiteten: Ach, wie simpel sind doch seine Werke, Musik für das einfache Gemüt, ohne wahre Tiefe.
Und tatsächlich wirkte der Herr Komponist aus der Linzer Provinz im mondänen Wien wie ein Hinterwäldler. Schlabbrige Anzüge statt schneidige Pelerinen, kurzgeschorenes Haupthaar statt Künstlermähne, darin drückte sich seine wahre Natur als schlichter, aber gesunder Geist aus – jüngste Forschungen behaupten allerdings, der Herr Bruckner habe sich dieses Image in durchaus eitler Absicht selbst verpasst, um nämlich aus der Masse der überphilosophierenden Wiener Lackaffen, zu denen er auch seine Kritiker zählte, die sich in ihren Tiraden auch gerne mal auf hegelianische Dialekt beriefen, auf seine Weise herauszustechen. Woher die jüngsten Forscher das wissen? Bekanntschaft werden sie mit dem 1896 verstorbenen Musikus wohl nicht mehr gemacht haben.
Der einstige Kirchenorganist, der sich erst sehr spät zum Komponieren großer Werke durchrang, schuf immerhin neun Symphonien, wovon die siebte sogar als die längste der Klassikgeschichte gilt. Seine Kunst dachte er immer den Höheren, sogar dem Höchsten zu. Nicht nur König Ludwig von Bayern oder Kaiser Franz-Joseph von Österreich und Ungarn waren seine Widmungsträger; niemand Geringerem als „Dem Lieben Gott“ widmete der tiefgläubige Katholik seine 9. Symphonie mit den Zusatz: „Wenn er sie nehmen mag“. Allerdings will die jüngste Forschung erkannt haben, dass diese Widmung auf der Originalpartitur gar nicht aus der Feder des Komponisten stamme. Ob die Graphologen einen direkten Draht zum Himmel haben?
Nun ja, die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich und wir können nicht wissen, ob und wie die süßen Klänge dort oben tatsächlich angekommen sind. Lassen wir auf Erden also einfach die Musik für sich sprechen. Das OPS bringt die erste Symphonie von 1866 zur Aufführung, ein fast einstündiges Werk, das von dem später so gehässigen Kritiker Eduard Hanslick noch relativ wohlwollend aufgenommen wurde. Und da Anton Bruckner eben wohl doch sehr empfindsam auf Kritik reagierte, arbeitet er das Werk, das noch aus seiner frühen Linzer-Zeit stammte, um, und erstellte eine Wiener-Fassung. Es half aber nichts, die Wiener Kritiker blieben kritisch, und somit pfeifen die meisten Orchester auf die kritische Kritik und spielen die frischere Linzer-Fassung, die wir nun auch in Straßburg hören dürfen.
Eine ganz andere Sorte von Kritiker hatte Dimitri Schostakowitsch. Der hieß Stalin und war in seinen Methoden noch weniger zimperlich, als die Wiener „Tintenbuben“. Das 1. Cellokonzert, das ebenfalls am Freitag in Straßburg gespielt wird, entstand erst nach dem Tod des Diktators, der nicht zuletzt im Musikschaffen eine entscheidende Säule der Macht über die Seele der Menschen erkannte. Sechs Jahre nach Stalins Tod herrschte kulturelles Tauwetter, das Cellokonzert setzte das Gefühl der Befreiung in Noten. Den Auftakt macht die selbstbewusste Tonfolge D-es-C-H, worin sich die Initialen des Komponisten verbergen, gefolgt von Varianten in immer wieder wechselnden Rhythmen. Die Erstaufführung 1959 glich in der Sowietunion einem Fest der Freiheit, und es ist heute vielleicht verwunderlich, wie Musikstücke diese Beachtung und Bedeutung für eine Gesellschaft erlangen konnten, sowohl für die Macht als auch ihre Gegenmächte.
In unserer Zeit der klammen Kassen muss die Kunst ihre Bedeutung immer mehr rechtfertigen, was aber dem selbstgefälligen und von Steuergeldern verwöhnten Kulturbetrieb oft nicht mehr so recht gelingen mag. Ob dieser Konzertabend der Straßburger Philharmonie eine erste Richtung vorgeben kann, wie es trotz immer weniger Budget geht, den Betrieb auf hohem Niveau aufrechtzuerhalten? Der Solist des Abends ist nämlich ein reguläres Mitglied des Orchesters, der bulgarische Cellist Alexander Somov. Glücklich darf sich heutzutage ein Orchester schätzen, das derart ausgezeichnet besetzt ist.
Konzert der Straßburger Philharmonie OPS
Dimitri Schostakowitsch – 1. Cellokonzert
Anton Bruckner – 1. Symphonie, Linzer Fassung von 1866
Dirgent: Robert Trevino
Cello: Alexander Somov
Palais de la Musique et des Congrès
FR 6. Februar, 20 Uhr
Infos und Tickets gibt es HIER!
Konferenz vor dem Konzert (auf Französisch)
Cyril Pallaud über die Rolle der musikalischen Struktur im Denken der Komponisten
19 Uhr im Marie-Jaëll-Saal im PMC, Eintritt frei
Folgende Konzerte der OPS:
„Echos aus Mitteleuropa“
Interessante Werke von Béla Bartók aus Ungarn, Karol Szymanowski aus Polen und Georges Enesco aus Rumänien stehen am DO 12. Februar auf dem Programm der Philharmonie.
Und am 6. März folgt dann die 7. Symphonie von Dimitri Schostakowitsch, die berühmte „Leningrader“, die während der unerbittlichen Blockade durch die deutsche Wehrmacht 1943 in der ausgehungerten Stadt uraufgeführt wurde. Nicht nur wegen der Umstände ihrer Entstehung und Erstaufführung ist diese Ausnahmemusik ein absolutes Meisterwerk der symphonischen Kunst schlechthin. Jede weitere Rechtfertigung für ihre Darbietung wäre vollkommen überflüssig.
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