Letzte Mittel für die Kultur – Festival Arsmondo „Mittelmeer“

Die Rheinoper Straßburg ist in Festivalslaune. „Arsmondo“ heißt es seit sieben Jahren, wenn die Kultur eines Landstriches dieser Welt in Konzerten, Filmen und immer auch gar einer Oper präsentiert wird: diesen ganzen Mai über liegt das Elsass am Mittelmeer.

Das Festival Arsmondo wird begleitet von einer großen Ausstellung in der Galerie Apollonia in Robertsau. Sechs Künstler von allen Küsten des Mittelmeers bearbeiten ihre Heimat – so auch die algerische Fotografin Nora Zair, die mit ihrer Serie „Algerian Girls“ die kulturelle Vielfalt ihres Landes zeigen will. Fotos: © Apollonia - Nora Zair

(Michael Magercord) – Sehnsuchtsort Mittelmeer: „Für eine Fahrt ans Mittelmeer, gäb’ ich meine letzten Mittel her“, hieß es in einem deutschen Schlager der 1950er Jahre. Damals herrschte die erste Reisewelle nach dem Krieg und das Ziel der Träume war die Küste der antiken Welt. Heute geben viele Menschen tatsächlich ihre letzten Mittel her, um über das Mittelmeer an seine Nordküste zu gelangen. Diese Reisewelle allerdings nennt sich Fluchtwelle.

Das Mittelmeer verbindet die Kulturen, heißt es in der Festivals-Broschüre, aber man weiß genauso gut, dass das Binnenmeer zwischen den drei Kontinenten auch eine Trennlinie zwischen ziemlich unterschiedlichen Kulturen ist. Und vielleicht überwiegt das Trennende sogar mehr denn je in der Geschichte. Aus der antiken Welt, die sich über alle Küsten ausgebreitet hat, sind heute Welten geworden, die sich in unterschiedlichen Sprachen, Traditionen, Religionen, politischen Systemen und nicht zuletzt Ökonomien zeigen.

Handel und Kriege hätte man über das Meer hinweg geführt, haben die Festivalstexter herausgefunden. Will man versuchen, die Liste auf den neusten Stand zu bringen, wird man wohl noch Kolonialisierung und Migration hinzufügen. Und oftmals bekommt man das Gefühl, dass der gemeinsame Nenner nicht mehr so leicht zu finden ist, zumal viele Länder vor allem an der Nordküste des Mittelmeeres mittlerweile schon selbst zur Welt mit vielen Welten geworden sind.

Will man trotzdem Gemeinsamkeiten finden, ist Kultur vermutlich einer der besten Umwege. Und genau das ist der Weg, den das Festival Arsmondo begeht. Einen Monat lang Konzerte, Lesungen, Filme, Ausstellungen, Vorträge und Podiumsdiskussionen. Das Thema: „Inwieweit haben Südeuropa, Nordafrika und der westliche Nahen Osten die nördlicheren Kulturen angeregt?“ Exotik pur in den Augen der Nordlichter, oder besser: In ihren Ohren, denn so manche Begegnung mit den anderen Tönen wurde zu Musik.

Zwei Konzerte werden besonders in den Fokus rücken, wenn es um den Einfluss des Mittelmeeres auf die Kompositionen des Nordens geht: Ein Liederabend mit Klavierstücken von Pauline Viardot, Maurice Ravel, Darius Milhaud, Joaquin Rodrigo und Karol Szymanowski, und eine Lyrische Stunde mit den jungen Sängern des hauseigenen Opernstudios. Und einen besonderen Ausflug in den Norden Algeriens bietet ein Abend mit der Sopranistin Amel Brahim-Djelloul und ihren Musikern, die gemeinsam traditionelle Lieder aus der Kabylie nach modernen Arrangements von Thomas Keck präsentieren.

Und natürlich wird wie in jedem Jahr eine Oper auch den Mittelpunkt dieses Festivals darstellen. Die Mittelmeer-Oper, die ab 11. Mai in der Rheinoper aufgeführt wird, wurde von einem eingefleischten Mitteleuropäer komponiert wurde – doch davon an dieser Stelle schon bald mehr. Und dann gibt es auch erste Neuigkeiten über die Zukunft des Operngebäudes in Straßburg. Nur soviel vorweg: Ein Sehnsuchtort, für den man seine letzten Mittel hergeben würde, wird der neue Innenraum wohl nicht mehr sein, obwohl vermutlich der Umbau mit Beton die letzten Mittel, die für die Kultur noch bereitstehen, aufbrauchen wird.

Festival Arsmondo „Mediterraneum“

Konzerte, Veranstaltungen, Filme und Ausstellungen zum Thema Mittelmeer

Vom 24. April bis 20. Mai

An unterschiedlichen Spielstätten in Straßburg, Mülhausen und Colmar


Konzerte der Rheinoper:

SA 10. Mai, zwei Konzerte der Rheinoper:

11 Uhr – Lyrische Stunde: Ein Traum vom Mittelmeer – Sänger des Opernstudios mit Melodien rund um Mittelmeer

im Salle Bastide in der Rheinoper Straßburg

19 Uhr – „Les chemins qui montent“: Gesang aus der Kabylie

im Konservatorium Cité de la Musique et de la Danse CMD, Straßburg

Das komplette Programm und Tickets finden sich HIER!

Und noch ein CD Tipp:

Ein besonders Exemplar des Kulturaustausches ist die schöne CD „Pilgrimage“. Die Reise des böhmischen Offiziers, Schriftstellers und Komponisten Christof Harant nach Palästina, ins Heilige Land und nach Ägypten Anfang des 17. Jahrhunderts wurde zum Anlass einer musikalischen Gegenüberstellung: Christliche Motteten aus Böhmen und Musik vom Hofe der Osmanen in Istanbul, immer wieder im Wechsel dargeboten vom der tschechischen Barockgesangsgruppe „Cappella Marianna“ und der traditionell inspirierten nahöstlichen Musikgruppe „Ensemble Constantinople“. Sieben Sprachen wurden auf dieser Aufnahme eingesungen: Latein, Französisch, Deutsch und Tschechisch, Türkisch, Arabisch und Persisch. Erstaunlich, wie harmonisch die Mischung gelingt. Da wollen wir auch gerne an die Brückenfunktion der Musik glauben. Der hohe Anspruch der Musiker, mit ihrer Einspielung für eine kulturelle Versöhnung sorgen zu können, ist aber wohl von der allzu großen Hoffnung getrieben, dem zunehmenden gegenseitigen Unverständnis zwischen Orient und Okzident etwas entgegenzusetzen. EJ - CD-Cover - Pilgrimage

Das kann auch eine CD kaum leisten. Aber vielleicht ist es schon ein sehr großer Gewinn, wenn man als Hörer dieser schönen Musik zweier Weltkulturen sich ganz allein für sich selbst das Eingeständnis abringt, wie sehr das Unverständnis schon bei einem selbst gewachsen ist. Diese gelungene Gegenüberstellung des kulturellen Erbes aus Ost und West kann uns nämlich immerhin daran erinnern, dass uns letztlich weniger trennt, als man so manches Mal glauben kann.

Alle Angaben zur CD:

PILGRIMAGEmusikalische Reise von Kryštof Harant nach Jerusalem

SU 4350-2, Spieldauer 74:49

Hörbeispiele unter DIESEM LINK

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