Manifest der Jugend für natürlichen Wasserstoff

Drei junge Journalisten in Ausbildung stellen sich die Frage, warum nicht alles getan wird, um den natürlichen Wasserstoff im Kampf gegen den Klimawandel zu nutzen.

Hier am Standort Folschviller, wo es ein riesiges Vorkommen an natürlichem Wasserstoff gibt, geht es nur sehr langsam voran. Zu langsam. Foto: Pascal Houssais / CC-BY 2.0

(Paul Merle, Lisa Canastra und Romain Fournier) – Im Jahr 2023 veröffentlichte der IPCC eine unmissverständliche Warnung: Um die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, müssten die weltweiten Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 43 % reduziert werden. Und doch steigen die Emissionen immer weiter. Im Jahr 2024 verzeichnete die Welt zwölf Monate in Folge neue Temperaturrekorde. Europa erlebte längere Dürren, heftigere Brände, zerstörerischere Überschwemmungen. Das Klima gerät sichtbar, rasant und unumkehrbar aus dem Gleichgewicht.

Wir sind keine Wissenschaftler. Wir sind keine Entscheidungsträger. Aber wir werden Journalistinnen und Journalisten sein. Und das genügt, um unsere Stimme zu erheben. Was wir hier schreiben, ist ein Manifest. Denn in einer brennenden Welt zu schweigen, heißt zuzustimmen.

Wir sind nicht in einer „normalen“ Welt aufgewachsen – einer ruhigen, stabilen, vorhersehbaren Welt. Wir sind in der Dringlichkeit aufgewachsen. Zuerst schleichend, dann brutal, erdrückend, allgegenwärtig. Seit unserer Kindheit sehen wir die Berichte des IPCC, wissenschaftliche Warnungen, internationale Konferenzen voller schöner Worte… und Untätigkeit. Wir haben gelernt, mit immer neuen Hitzerekorden jeden Sommer zu leben, mit Bränden, die ganze Wälder vernichten, mit Winterüberschwemmungen, mit unsicheren Ernten, mit dem Verschwinden von Tier- und Pflanzen-Arten.

Wir sind in einer Welt groß geworden, in der man uns sagte: „Alles wird gut, solange wir an den Fortschritt glauben.“ Doch vor unseren Augen geriet das Klima außer Kontrolle. Fast täglich hören wir vom Klimawandel – in den Nachrichten, in der Schule, auf den Straßen, in den sozialen Netzwerken. Es ist zu einem Hintergrundrauschen geworden, einer diffusen Angst, einem vernebelten Horizont. Und trotzdem – trotz der alarmierenden Fakten, trotz der offensichtlichen Katastrophe, passiert oft nichts. Oder zu wenig. Als hätte man sich an die Dringlichkeit gewöhnt, als würde man lernen, mit der Katastrophe zu leben.

Die Klimakrise ist kein abstraktes Thema mehr, das nur ForscherInnen, NGOs oder PolitikerInnen betrifft. Sie ist keine Frage für „später“. Sie ist jetzt da. Sie prägt unseren Alltag. Sie steckt in der Luft, die wir atmen, voller Feinstaub. In den Wäldern, die jeden Sommer länger brennen. In den ausgetrockneten Flüssen und rissigen Böden. In den Jahreszeiten, die ihre Bedeutung verlieren und unsere Körper, unsere Orientierung, unsere Traditionen durcheinanderbringen.

Angesichts dessen wollen wir nicht schweigen. Weil wir junge Menschen sind. Bürgerinnen und Bürger einer Generation, die nicht mehr naiv ist. Aber auch, weil wir JournalistInnen in Ausbildung sind. Und diese Berufswahl verpflichtet uns. Sie verlangt, der Welt ins Gesicht zu blicken, die Mächtigen zu befragen, nach den Geschichten zu suchen, die zu selten erzählt werden. JournalistIn zu sein heißt, Resignation abzulehnen. Es heißt, sich schwieriger, unbequemer oder verschwiegenen Themen anzunehmen. Es heißt, Raum zu schaffen für das, was zählt.

Deshalb haben wir beschlossen zu sprechen. Und vor allem: Fragen zu stellen. Wir wenden uns an jene, die heute die Macht haben, etwas zu bewegen – die politischen EntscheidungsträgerInnen. Wir haben sie zu einem Thema befragt, das noch wenig diskutiert wird, aber ein echtes Gewicht in der Energiewende haben könnte: natürlicher Wasserstoff. Diese Ressource, die kürzlich in Frankreich entdeckt wurde, könnte ein neuer Weg sein. Eine Perspektive für die Zukunft. Doch sie bleibt bislang weitgehend unbeachtet, an den Rand der öffentlichen Debatte gedrängt.

Warum dieses Schweigen? Was sagt es aus? Welche Hindernisse, Hoffnungen und Risiken sind mit dieser Energie verbunden? Indem wir Abgeordnete, SenatorInnen und lokale MandatsträgerInnen befragten, wollten wir verstehen, was diese Entdeckung über unser Verhältnis zur Wissenschaft, zum Klima und zur Politik aussagt.

Denn unsere Generation kann es sich nicht mehr leisten zu warten. Wir sind in der Dringlichkeit aufgewachsen. Aber wir lehnen es ab, in Ohnmacht groß zu werden. Als angehende JournalistInnen haben wir uns dafür entschieden zu suchen, zuzuhören, zu berichten. Und vor allem: nicht wegzusehen.

Was denken politische Entscheidungsträger über natürlichen Wasserstoff?Wenn man über das natürliche Wasserstoffvorkommen im lothringischen Folschviller und natürlichen Wasserstoff spricht, hört man zunächst vorsichtige, zurückhaltende Worte. Für einige ist es eine ernstzunehmende Spur. „Natürlicher Wasserstoff ist eine Energie der Zukunft, wir dürfen diese Chance nicht verpassen“, sagt David Taupiac, Abgeordneter (LIOT) aus dem Departement Gers. Für ihn ist es „eine großartige Gelegenheit“, unsere Energiequellen zu diversifizieren. Sandra Regol, grüne Abgeordnete aus dem Bas-Rhin, erkennt an, dass „dieser weiße Wasserstoff […] wohl der interessanteste wäre“, warnt aber zugleich davor, Fehler eines übereilten Ausbaus zu wiederholen. Zwischen Hoffnungen und Vorsicht sind sich alle in einem Punkt einig: Man muss wissen, bevor man handelt.

Was wir feststellen konnten: Das Potenzial wird erkannt, selbst von SkeptikerInnen. Doch es bleibt umgeben von wissenschaftlicher, rechtlicher und politischer Unklarheit. Die ParlamentarierInnen sprechen vom „langen Atem“, von „noch nicht ausgereiften Technologien“, vom „Horizont 2030“, von einer „noch unvollständigen Kartierung“. Jocelyne Antoine, zentristische Senatorin aus der Meuse, plädiert für eine strenge Methodik: „Man muss der Wissenschaft vertrauen. […] Es darf kein Freifahrtschein sein.“

Und doch: Das Vorkommen ist da. Im Boden, identifiziert. Im lothringischen Departement Moselle. Der Name Folschviller fällt bei allen, aber stets im Konjunktiv – als potenzielle Chance, die ebenso irritiert wie fasziniert. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Ressource entdeckt wird, ohne dass klar ist, ob und wie sie genutzt werden soll. „Vielleicht gibt es gute Gründe, es nicht zu tun“, meint Olivier Becht, Minister für Außenhandel und Abgeordneter (Horizons) aus dem Haut-Rhin. Er fordert, zunächst „die Kosten der Förderung, Umwandlung, des Transports“ zu prüfen. Umgekehrt spricht Franck Leroy, Präsident der Region Grand Est, von einem „unschätzbaren Vorteil für unsere Industrie“ und finanziert bereits Forschungsprogramme.

Was wir vor allem hörten: administrative Langsamkeit. „Zwei Jahre für eine Erkundungsgenehmigung – nur um zu prüfen, was im Untergrund ist… das ist enorm“, ärgert sich David Taupiac. „Da ist eine Zurückhaltung wegen der Schiefergas-Vergangenheit“, analysiert er und beklagt mangelnden politischen Mut. Sandra Regol verteidigt die Verzögerungen: „Wenn Bohrgenehmigungen notwendig sind, liegt das daran, dass das Risiko besteht, den Boden zu destabilisieren […]. Das ist kein kleines Risiko.“

Die Debatte ist also da: Müssen wir schneller werden – oder gerade verlangsamen? Für manche gewählte VertreterInnen besteht die Gefahr darin, die Öffentlichkeit ohne wissenschaftliche Sicherheit zu begeistern. Für andere wäre das wahre Risiko, eine Chance der Energiewende zu verpassen – aus Mangel an Rahmenbedingungen, Willen oder Mut. Der Staat, so Vincent Thiebaut, Abgeordneter (Horizons) aus dem Bas-Rhin, „hat investiert“, „verfolgt das Thema“, könne aber nicht alles tun. „Es ist nicht die Aufgabe eines Parlamentariers, zu entscheiden, wie etwas genutzt wird“, stellt er klar.

Und jetzt? - Was wir durch diese Recherche entdeckt haben, ist nicht nur ein Vorkommen unter dem Boden der Moselle. Es ist ein politisches Terrain, das noch kaum betreten wurde. Eine Energiequelle, die stört – gerade weil sie in keine bekannten Kategorien passt. Weil sie noch keine Branche trägt, keinen Markt, keine industriellen Champions. Natürlicher Wasserstoff stört, weil er zum Umdenken zwingt.

Was wir hörten, waren vorsichtige Überzeugungen. Abgeordnete, die eine „wertvolle, aber noch zu wenig erforschte Ressource“ anerkennen. SenatorInnen, die betonen: „Es geht nicht nur ums Bohren – es geht darum, ein tragfähiges, soziales und ökologisches Modell aufzubauen.“ Andere zeigten aufrichtiges Interesse, gaben aber zu, nicht genug Informationen zu haben, um sich klar zu positionieren. Fast alle betonen: „Man darf nichts überstürzen.“ Niemand bestreitet das Potenzial – doch nur wenige machen daraus eine Priorität.

Und dann gab es jene, die wir nicht hören konnten. Die nicht antworten wollten. Die verschoben, auf später vertrösteten oder unsere Nachrichten unbeantwortet ließen. Mehrere Abgeordnete, mehrere SenatorInnen – auch aus der Moselle und dem Grand Est – wurden kontaktiert. Keine Reaktion. Kein Austausch. Kein Wort. Dieses politische Schweigen, in einem Moment, der Klarheit erfordert, spricht Bände. Es zeigt Unbehagen, fehlende Vorbereitung – oder vielleicht Desinteresse. In jedem Fall ist es ein Symptom für eine tiefe Diskrepanz zwischen der Größe der Herausforderung und der Zaghaftigkeit der öffentlichen Debatte.

Wir suchen keine Gewissheiten. Wir fordern keine Versprechen. Was wir erwarten, sind PolitikerInnen, die sagen, was sie wissen, was sie nicht wissen – und was sie bereit sind zu erwägen. Denn die Rolle der Gewählten ist nicht, auf Lösungen zu warten. Sondern Debatten zu ermöglichen, Entscheidungen vorzubereiten, die Zukunft vorauszudenken.

Der Standort Folschviller ist heute im Schwebezustand. Die Forschung schreitet voran. Die Genehmigungen stocken. Die öffentlichen Mittel sind begrenzt, fragmentiert, von komplexen Verfahren abhängig. Der Staat hält sich zurück. Eine parlamentarische Debatte fehlt. Und doch ist das Potenzial enorm: Sollte sich diese Ressource bestätigen, könnte sie ein strategischer Hebel sein, um ganze Sektoren unserer Wirtschaft zu dekarbonisieren. Nicht morgen. Aber in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren. Und genau deshalb muss jetzt gehandelt werden. Die Dekarbonisierung von Stahlwerken etwa könnte bereits ab 2028 mit diesem Wasserstoff beginnen – ohne dass die Moleküle verändert werden müssten.

Natürlicher Wasserstoff allein wird das Klima nicht retten. Er darf kein Vorwand für eine mühelose Energiewende sein. Aber ihn zu ignorieren, nur weil er noch wenig bekannt ist, hieße, eine potenziell wichtige Option für den Energiemix der Zukunft auszuschließen. Eine ergänzende, lokale, möglicherweise CO₂-arme und geologisch vielversprechende Option.

Wenn wir dieses Manifest geschrieben haben, dann deshalb, weil wir dieses Thema nicht am Rand lassen wollen.

Weil wir einem Thema eine Stimme geben möchten, dem viele lieber ausweichen.

Und weil wir daran erinnern wollen: In einer Welt im Wandel ist Nichtstun nie neutral.

Unsere Generation hat nicht alle Antworten. Aber sie hat drängende Fragen.

Und sie wird sie stellen. Wieder und wieder – bis jemand bereit ist, zu antworten.

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